Finanzwissen

Amos Tversky: Die Irrationalität der Entscheidungsfindung

Der israelische Pionier der kognitiven Psychologie Amos Tversky revolutionierte nicht nur sein eigenes Fach, seine Theorien zur Heuristik und Verlustaversion prägten auch die Wirtschaftswissenschaften massgeblich. 

Datum
Autor
Maggie Elliott, Gastautorin
Lesezeit
4 Minuten
Ein Mann im Button-Down-Hemd in freier Natur lächelt in die Kamera. Dass das Bild nicht digital ist, zeigt die Bildqualität.
Wegbereiter der Verhaltens√∂konomie: Der 1996 verstorbene Amos Tversky experimentierte mit Poker-Jetons, um die Prospect Theory zu entwickeln, und analysierte die W√ľrfe des US-Basketballteams Philadelphia 76ers, um den Irrglauben der "Hot Hand" zu beweisen. ¬© Courtesy Barbara Tversky

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso Menschen irrationale Entscheidungen treffen, etwa wenn es um Anlagen geht? Damit sind Sie nicht allein. Im letzten Jahrhundert entstand eine ganze √∂konomische Denkrichtung, um zu erkl√§ren, warum Investorin und Investoren (und andere) nicht rational handeln, wenn sie Entscheidungen unter Unsicherheit treffen m√ľssen. Die traditionelle Wirtschaftstheorie geht davon aus, dass der Mensch als sogenannter homo oeconomicus durch materielle Anreize motiviert wird und rational entscheidet. Es bedurfte erst einer Reihe von Psychologen, um diese Vorstellung auf den Kopf zu stellen.

Die Verhaltens√∂konomie entwickelte sich aus experimentellen Forschungen in den 1970er-Jahren, die zeigten, dass Menschen ihre Entscheidungen nicht auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeitsgesetzen treffen. Es wurde auch belegt, dass sie im Allgemeinen Risiken h√∂her bewerten als Ertr√§ge und dass der menschliche Denkprozess deutlich weniger linear abl√§uft und viel komplizierter ist, als fr√ľhere √∂konomische und psychologische Theorien angenommen hatten. Bei den Forschenden handelte es sich um den israelischen Psychologen Amos Tversky und seinen langj√§hrigen Mitarbeitenden Daniel Kahneman. Ihre Entdeckungen hatten nicht nur Auswirkungen auf die Psychologie und die Wirtschaftswissenschaften, sondern auch auf die Finanzwissenschaft und die Finanzwirtschaft, die Rechtslehre und die internationalen Beziehungen.

Zwei Männer stehen im Garten eines Hauses und unterhalten sich. Dass das Bild nicht digital ist, zeigt die Bildqualität.
Amos Tversky (links im Bild) war aufgeschlossen, optimistisch und √ľberschw√§nglich, Daniel Kahneman zur√ľckhaltend, ernst und pessimistisch. Man kann sich kaum ein ungleicheres Paar vorstellen - und doch war ihre Zusammenarbeit unglaublich fruchtbar. ¬© Courtesy Barbara Tversky

Bis zu seinem fr√ľhen Tod im Alter von nur 59 Jahren lehrte Amos Tversky (1937‚Äď1996) nahezu 20 Jahre lang an der Stanford University in den USA. Im Laufe seiner Karriere erwarb er sich einen internationalen Ruf als kognitiver und mathematischer Psychologe. Seine fr√ľhen Arbeiten waren deutlich mathematisch gepr√§gt, was sich in den einflussreichen "Foundations of Measurement" widerspiegelt, einer dreib√§ndigen Lehrbuchreihe, die die formalen Grundlagen f√ľr Messungen in den Wissenschaften legte und an der Tversky als Mitautor beteiligt war. In diesem theoretischen und sehr abstrakten Werk ist noch nichts von den sp√§teren Schwerpunkten seiner Arbeit zu erahnen.

Kein posthumer Nobelpreis 

Was Tverskys Leben - und das der Wirtschaftswissenschaften - einschneidend ver√§nderte, war die Zusammenarbeit mit einem anderen israelischen Psychologen, Daniel Kahneman. Beide arbeiteten Anfang der 1970er-Jahre an der Hebrew University. Man kann sich kaum ein ungleicheres Paar vorstellen, sowohl was die akademischen Interessen als auch was die Pers√∂nlichkeiten betrifft. Tversky war aufgeschlossen, optimistisch und √ľberschw√§nglich, Kahneman zur√ľckhaltend, ernst und pessimistisch. In akademischer Hinsicht war Tversky der Theoretiker, w√§hrend Kahneman sich mehr auf die Empirie und die reale Welt konzentrierte.

Ein Mann in Anzug und Krawatte lächelt in die Kamera, im Hintergrund das Logo der LGT Bank.
Der Nobelpreis 2002 f√ľr Daniel Kaheman wurde f√ľr die gemeinsame Arbeit mit dem bereits 1996 verstorbenen Amos Tversky verliehen.

Und trotzdem war ihre Zusammenarbeit unglaublich fruchtbar. Als Kahneman im Jahr 2002 der Nobelpreis f√ľr Wirtschaftswissenschaften verliehen wurde, w√ľrdigte er in seiner Dankesrede die Zusammenarbeit und den Anteil von Tversky, was auch in der Medienberichterstattung aufgenommen wurde. Die Auszeichnung galt der gemeinsamen Arbeit. Da der Nobelpreis aber nur an Lebende verliehen wird und Tversky bereits 1996 verstorben war, war Kahneman der alleinige Preistr√§ger. Die Tatsache, dass der Nobelpreis f√ľr Wirtschaftswissenschaften an zwei Psychologen ging, beweist, welchen Stellenwert ihre Arbeiten f√ľr eine Disziplin hatten, die von vielen als nicht verwandt angesehen wird.

Tversky fasste seine ersten gemeinsam mit Kahneman verfassten Studien zum Umgang mit Risiken und Unsicherheiten unter dem Begriff "Prospect Theory", im Deutschen auch Neue Erwartungstheorie, zusammen. Es ist ein einpr√§gsamer Titel, und ihre Arbeit, die 1979 in der Zeitschrift "Econometrica""ver√∂ffentlicht wurde, legte den Grundstein f√ľr die meisten ihrer sp√§teren Theorien und Experimente zur Entscheidungsfindung.

Verluste wiegen schwerer als Gewinne, aber nicht immer

Eine Person sitzt auf einem Berggipfel, zu ihren F√ľssen eine Bergkette.
Amos Tversky konnte zeigen, dass Menschen risikofreudiger handeln, wenn sie die M√∂glichkeit sehen, einen Verlust auszugleichen. Diese Risikobereitschaft steht im Gegensatz zu dem, was man erwarten w√ľrde, und bildet einen Grundpfeiler der Prospect Theory. ¬© istock/BorderaS

Eine zentrale Entdeckung von Tversky und Kahneman bezieht sich auf die etwas kontraintuitiven Befunde zur Verlustaversion und zum Risikoverhalten. Es zeigte sich, dass Menschen sich in Bezug auf Verluste ganz anders verhalten als in Bezug auf Gewinne: Stellt man sie vor die Wahl, entweder mit hundertprozentiger Sicherheit 1000 US-Dollar oder mit f√ľnfzigprozentiger Chance 2500 US-Dollar zu gewinnen (was auch eine 50-prozentige Chance bedeutet, leer auszugehen), entscheidet sich die Mehrheit f√ľr die Sicherheit, d. h. die 1000 US-Dollar. Der Grund liegt darin, dass Verluste wesentlich schmerzlicher sind als Gewinne.

Wenn dieselben Versuchspersonen weniger eindeutige Wahlm√∂glichkeiten erhalten, werden die Gedankeng√§nge zunehmend verworrener: Stellt man sie vor die Alternative, mit Sicherheit 1000 US-Dollar zu verlieren oder einen Verlust von 2500 US-Dollar mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent zu riskieren, w√§hlt die Mehrheit die zweite, riskantere Alternative. Es zeigt sich, dass Menschen nicht rational handeln, wenn sie die M√∂glichkeit sehen, einen Verlust auszugleichen. Diese Risikofreude steht im Gegensatz zu dem, was man erwarten w√ľrde und bildet einen Grundpfeiler der Prospect Theory.

Heuristik - schnelle Entscheidungen sind oftmals falsch

Rote und weisse Pokerchips nebeneinander gestapelt
Rot oder weiss: Die richtige Antwort ist nicht immer die rationale, wie die Forschungen von Amos Tversky zeigen. © de.123rf.com

Eine weitere Beobachtung, aus ihrer fr√ľhen Forschung hat gezeigt, dass Menschen dazu neigen, Muster zu erkennen und Zusammenh√§nge herzustellen, wo keine vorhanden sind. Ihr Poker-Jeton-Test belegt dies: Zwei Beutel enthalten jeweils gleich viele Jetons. Der erste Beutel ist zu zwei Dritteln mit roten und zu einem Drittel mit weissen Jetons gef√ľllt.¬†

Im zweiten Beutel ist das Verh√§ltnis umgekehrt. Wenn man zehn Jetons aus dem ersten Beutel nimmt und dabei acht rote erwischt, w√§hrend man aus dem zweiten Beutel 30 Jetons herausnimmt und dabei 20 rote erwischt, w√ľrden die meisten Versuchsteilnehmenden vermuten, dass der erste Beutel mehrheitlich rote Jetons enth√§lt, da 80 Prozent der gezogenen Jetons rot waren. Dies mag, wie in diesem Fall, die richtige Antwort sein, aber es ist nicht die rationale Antwort. Statistisch gesehen ist es wahrscheinlicher, dass der zweite Beutel mehr rote Chips enth√§lt, weil die Stichprobe gr√∂sser und damit zuverl√§ssiger ist.

Obwohl sich ein Grossteil von Tverskys Arbeit auf das Individuum bezog, ist die Prospect Theory besonders f√ľr die Arbeit von Finanz√∂konomen relevant, die sich mit der Funktionsweise von Kapitalm√§rkten besch√§ftigen. Im Laufe der Jahre haben Tverskys Ideen Finanz√∂konomen auf der ganzen Welt dazu veranlasst, die Auswirkungen von Zeit, Unsicherheit, Wahlm√∂glichkeiten und Information auf das Marktverhalten zu untersuchen.

Die Geburtsstunde der Verhaltensökonomie

Im Laufe seiner Karriere untermauerte Tversky seine Theorien immer wieder durch Untersuchungen und Experimente. Das ist in der Psychologie √ľblich, nicht aber in der Wirtschaftswissenschaft. Denn die neoklassische Theorie geht davon aus, dass sich Menschen rational und eigenn√ľtzig verhalten, sofern es keine Restriktionen gibt. Wirtschaftswissenschaftler griffen die empirische Arbeit von Tversky auf, um das zu entwickeln, was als Verhaltens√∂konomie bekannt geworden ist - ein Ansatz, der versucht, besser zu erkl√§ren, wie sich Menschen in der Realit√§t verhalten, als das Theorien abgebildet hatten.

Ein leger gekleideter Mann mit Sonnenhut und Sonnenbrille springt vor einer Bergkulisse in den Schnee.
Dem Psychologen Amos Tversky ist es zu verdanken, dass sich die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit Entscheidungssituationen besch√§ftigen - ein Thema, das auch heute noch f√ľr Anlegerinnen und Anleger auf der ganzen Welt relevant ist. ¬© Courtesy of Barbara Tversky

Voreingenommenheit und Wunschdenken

Eine von Tverskys sp√§teren und bekanntesten Studien ist das sogenannte "Hot Hand"-Ph√§nomen. Fans und Trainerinnen und Trainer glauben oft, dass eine Spielerin oder ein Spieler einen "Lauf" oder eine "Gl√ľcksstr√§hne" hat, bei denen ein gelungener Wurf den n√§chsten Treffer wahrscheinlicher macht. In diesem Experiment zeigte er, dass - im Gegensatz zu der weit verbreiteten Meinung - die Wahrscheinlichkeit, dass eine Basketballspielerin oder ein Basketballspieler, die oder der gerade einen Wurf getroffen hat, auch mit dem n√§chsten Wurf erfolgreich ist, nicht gegeben ist (und sogar noch geringer ist). Um den Irrglauben der "Hot Hand" zu beweisen, analysierte Tversky √ľber einen Zeitraum von 18 Monaten jeden Wurf des US-Basketballteams Philadelphia 76ers.

Zwei Basketballspieler kämpfen um den Ball vor dem Korb. Die Bildqualität zeigt, dass das Bild nicht digital ist.
Gl√ľcksstr√§hne bei den Philadelphia 76ers? Amos Tversky konnte statistisch nachweisen, dass eine Erfolgsserie keine Garantie f√ľr weitere Erfolge ist. ¬© Keystone/AP Photo

Diese Vorstellung ist ein Beispiel daf√ľr, wie eigene Annahmen bez√ľglich der Wahrscheinlichkeit in die Entscheidungsfindung einfliessen. In Wirklichkeit l√§sst sich statistisch erh√§rten, dass eine Folge von Treffern keine Garantie f√ľr weitere Erfolge bietet. Obwohl einige dieser Beispiele im Vergleich zu den schwierigen Entscheidungen, mit denen sich Anlegerinnen und Anleger konfrontiert sehen, sehr trivial erscheinen m√∂gen, haben sie sowohl Forscherinnen und Forschern, die sie f√ľr die Untersuchung komplexerer Entscheidungsprobleme herangezogen haben, als auch Anlagespezialistinnen und Anlagespezialisten, die erfolgreiche Ergebnisse f√ľr ihre Kundinnen und Kunden anstreben, reichlich Denkanst√∂sse geliefert.

Dank Tverskys Arbeiten befasst sich die Wirtschaftswissenschaft und mit ihr auch andere Sozialwissenschaften nun mit der Frage, was Menschen in Entscheidungssituationen tats√§chlich tun, anstatt mit der Frage, was sie tun w√ľrden oder sollten, wenn sie sich rational verhielten. Somit beeinflussen Tverskys √úberlegungen auch heute noch nicht nur Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, sondern auch Anlegerinnen und Anleger auf der ganzen Welt.

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