Nachhaltigkeit

Philanthropie: Sieben neue Trends

Aktuellen Schätzungen zufolge werden weltweit mehr als eine Billion US-Dollar pro Jahr für philanthropische Zwecke gespendet. Und die Zahl wächst. Sieben Philanthropie-Trends für die Zukunft, die Sie kennen sollten.
 

Datum
Autor
Nina Hoas und Silvia Bastante
Lesezeit
10 Minuten
Mensch auf einer Hängebrücke
Philanthropie steht nicht still. Der Sektor wächst und entwickelt sich weiter - welche neuen Möglichkeiten eröffnen sich? © Shu&erstock/Marina Tobaruela

Die bittere Armut während der industriellen Revolution in England: Historisch betrachtet begann die Philanthropie – also langfristige strategische Spenden für soziale und ökologische Zwecke – als Reaktion auf diese Ungleichheiten.

Auch heute noch sind es soziale und ökologische Beweggründe, die im Zentrum des philanthropischen Engagements stehen. Doch die Bedeutung neuer Tätigkeitsfelder wächst. Und in der Praxis wird es in vielen Bereichen immer anspruchsvoller, sich philanthropisch zu engagieren. Wohlhabende Familien wissen mittlerweile um den Wert einer professionellen Beratung. Philanthropie-Beraterinnen und -Berater können angesichts unzähliger Wahlmöglichkeiten Orientierung bieten und dazu beitragen, dass diese Familien mit ihrem Vermögen eine maximale positive Wirkung erzielen.

Drei Generationen einer Familie auf einem Feld
Ein Philanthropie-Projekt, in dem sich mehrere Generationen engagieren, kann sogar als Blaupause für die Nachfolgeplanung dienen. © istock/skynesher

Ein dynamischer Sektor, neue Trends

Philanthropie steht nicht still. Der Sektor wächst und entwickelt sich weiter, da die Palette an Schwerpunkten im Zuge gesellschaftlicher und ökologischer Veränderungen immer grösser wird.

Basierend auf den summiert über 65 Jahren Erfahrungen und weltweiten Kontakten rechnet das LGT Philanthropy Advisory Team mit sieben massgeblichen Trends, welche die Zukunft des philanthropischen Gebens prägen werden:

  1. Non-lineares Wachstum: Wenngleich der Philanthropie-Sektor weltweit wächst, hat die Coronapandemie keinen nachhaltigen Aufschwung des Spendenvolumens ausgelöst. Während der globalen Gesundheitskrise im Jahr 2020 war zwar eine deutliche Steigerung zu beobachten, erste Analyseberichte deuten aber darauf hin, dass sich diese hohe Wachstumsrate in den Jahren 2021 und 2022 nicht fortgesetzt hat. Nach dem Boom im Jahr 2020 scheint sich ein "Hangover-Effekt" eingestellt zu haben, wodurch das Spendenaufkommen auf das Niveau der Vorpandemiezeit zurückgegangen ist.
     
  2. Vermehrte Zusammenarbeit: Philanthropie-Kooperationen nehmen zu, insbesondere Kofinanzierungen und die Zusammenlegung von Mitteln. Durch derartige Kooperationen und die damit einhergehenden Synergien können Geldgeberinnen und Geldgeber mehr Wirkung erzielen und die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen. Weltweit verfügen mehr als die Hälfte der Stiftungen über Vermögen von weniger als USD 1 Mio. Deshalb ist die stiftungsübergreifende Kooperation eine attraktive Möglichkeit zur Steigerung der Wirksamkeit - selbst wenn die Zusammenarbeit Zeit und Arbeit kostet, und mit den nötigen Ressourcen unterlegt werden muss.

    Ein Kind vor einer Treppe
    Was sind die nächsten Schritte auf Ihrer philanthropischen Reise? © unsplash/Jukan Tateisi
  3. Verschwimmende Grenzen: Die Trennlinien zwischen traditioneller Philanthropie, Impact Investing, Venture Philanthropy und philanthropischem Anlegen verschwimmen zunehmend. Philanthropische und geschäftliche Praktiken gleichen sich mehr und mehr an, was die Erwartungen der Geberinnen und Geber an die Rendite ihrer Beiträge möglicherweise verändert.
     
  4. Systeme statt Symptome: Die sogenannte systemverändernde Philanthropie gewinnt an Bedeutung. Der Ansatz zielt darauf ab, Probleme an der Wurzel zu packen und nicht nur die Symptome zu bekämpfen. Dieser Trend fördert das das zunehmende Bewusstsein, dass selbst ein relativ niedriges philanthropisches Kapital manchmal dazu beitragen kann, andere Kapitalformen von Regierungs- und Unternehmensseite zu mobilisieren. 
     
  5. Ethnien und Gender: Innerhalb der Philanthropie wird mittlerweile auch untersucht, welche Machtdynamik mit dem philanthropischen Geben verbunden ist. Themen wie Ethnien- und Geschlechtergleichstellung, vertrauensbasierte Philanthropie und der Trend hin zu einer stärkeren Anpassung an örtliche Gegebenheiten gewinnen an Bedeutung. Die praktische Umsetzung dieser Konzepte variiert jedoch und verändert sich kontinuierlich.
     
  6. Frauen und Jugend: Frauen und junge Menschen spielen im Bereich des philanthropischen Gebens zunehmend eine Schlüsselrolle. Ihr stärkerer Fokus auf zweckorientierte Unternehmen und Impact Investing dürfte die Philanthropie insgesamt verändern.
     
  7. Schwerpunkt Klima: Vor zehn Jahren hatten nur wenige Stiftungen ihren Fokus auf das Klima gerichtet. Heute erfüllt der Klimawandel hingegen viele Menschen mit grosser Sorge. Analog zur Herausbildung der sogenannten "Gender Lens" werden Vorhaben im Philanthropie- und Anlagebereich zunehmend durch die "Climate Lens" betrachtet.

Gesucht: Systemverändernde Philanthropie

Profilbild von Katherine Milligan
Unternehmerin, Dozentin und Autorin Katherine Milligan wurde vom Euclid Network zu einer der "Top 100 Women in Social Entrepreneurship" ernannt.

Systemverändernde Philanthropie-Projekte erachtet Katherine Milligan, Director beim Collective Change Lab, als einen der Haupttrends der nächsten zehn Jahre. "Es wird mittlerweile viel stärker diskutiert, wie die Philanthropie Systeme verändert. Dabei geht es generell nicht um die Grundsatzfrage, ob wir Einfluss nehmen sollten oder nicht. Die Frage ist vielmehr, wo wir die grösste Hebelwirkung entfalten können." 

Als Expertin im Bereich des sozialen Unternehmertums schaut Milligan auf eine bemerkenswerte Laufbahn im oberen Management von Stiftungen und gemeinnützigen Organisationen. Sie hat verschiedene Artikel und Publikationen zu den Themen soziale Innovationen, Impact Investing und Systemwandel verfasst. Darin plädiert sie für transformativere Arten der Zusammenarbeit, um systemische Lösungen für soziale Probleme umzusetzen.

Philanthropie stärkt Familienbande

Philanthropie ist in der Vergangenheit oft als Einbahnstrassen-Engagement betrachtet worden. Mittlerweile setzt sich indes die Einsicht durch: Philanthropie kann sich nicht nur auf die Empfängerinnen und Empfänger auswirken, sondern auch auf die Geberinnen und Geber, die Teil der Lösung sein möchten. Ein Philanthropie-Projekt, in dessen Rahmen sich gleich mehrere Generationen engagieren, kann die Familienbande stärken und als Blaupause für andere Familienangelegenheiten wie etwa die Nachfolgeplanung dienen.

Während sich die Nuancen der Philanthropie ständig weiterentwickeln, ändert sich der inhärente Nutzen für philanthropisch engagierte Menschen nicht. Unabhängig von den neuen Branchentrends ist es also beruhigend zu wissen, dass sich einige Dinge nicht so schnell ändern.

Über die Autorinnen

Nina Hoas und Silvia Bastante de Unverhau sind Expertinnen auf dem Gebiet der globalen Philanthropie und verfügen beide über nahezu 25 Jahre Berufserfahrung. Seit 2021 sind sie Teil von LGT Philanthropy Advisory.

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