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Nachhaltigkeit

Rewilding: Wenn die Wildnis zurückkehrt

Rewilding gibt geschädigten Ökosystemen ihre natürliche Dynamik zurück. Warum Schlüsselarten wie Nashörner dabei eine zentrale Rolle spielen - und weshalb erfolgreiche Naturschutzprojekte nur gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung funktionieren.

  • Datum
  • Lesezeit 10 Minuten

Ein ambitioniertes Rewilding-Projekt: African Parks will rund 2000 weisse Nashörner zurück in sichere Schutzgebiete bringen - damit sie ihre wichtige Rolle im Ökosystem wieder übernehmen können. © Brent Stirton

Was bedeutet Rewilding?

Rewilding will Natur nicht bewahren, sondern wiederherstellen. Der Ansatz geht damit weit über "Naturschutz" hinaus. Grossflächige Ökosysteme sollen sich nach geringstem menschlichem Eingriff wieder selbst regulieren, die Natur soll ihre Selbstheilungskräfte zurückbekommen.

Dabei spielen sogenannte Schlüsselarten eine zentrale Rolle. Solche Arten strukturieren ganze Ökosysteme, indem sie Beutetiere regulieren, Landschaften formen und Lebensräume für andere Arten schaffen. Wenn sie verschwinden, kann sich das ganze System stark verändern, weil viele andere Arten von ihnen abhängen. Wenn sie zurückkehren, kann sich das System erholen, auch wenn es in der Regel nicht in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehren wird.

Muttertier und Junges lassen hoffen: Das südliche Breitmaulnashorn stand Anfang des 20. Jahrhunderts mit rund 50 überlebenden Tieren kurz vor dem Aussterben. 2010 war der Bestand wieder auf rund 20'000 Tiere angewachsen. © Brent Stirton

Zu den Schlüsselarten zählen Raubtiere, die am Anfang einer Nahrungskette stehen, aber beispielsweise auch Biber, die Landschaften formen. Oder - in der afrikanischen Savanne - Nashörner. Diese grossen Säugetiere halten die Vegetation kurz, schaffen Pfade und Wasserstellen, verbreiten Nährstoffe über ihren Dung und fördern damit andere Arten.

"Jedes Tier hat seine entsprechende Funktion zu erfüllen, damit das System gut funktioniert", sagt Sonja Ringdal von African Parks. Die gemeinnützige Naturschutzorganisation ist ein Partner von LGT Venture Philantrophy und betreibt ein Nashorn-Rewilding-Projekt, in dessen Rahmen sie rund 2000 weisse Breitmaulnashörner aus einer ehemals kommerziellen Zuchtanlage in sichere Schutzgebiete überführt.

Rewilding wird nicht uneingeschränkt positiv gewertet: Kritische Stimmen machen geltend, dass die lokale Bevölkerung bei diesem Ansatz an den Rand gedrängt werde und den für sie lebenswichtigen Zugang zu Land verliere. Rewilding-Projekte müssen deshalb Ökosysteme und Gemeinschaften im Blick behalten. © Wiki West, WeWild Africa

Grundbausteine des Rewilding sind die so genannten "4 Cs". Gemeint sind damit "Core areas" (grosse geschützte Kerngebiete), "Corridors" (Verbindungszonen für Wanderrouten), "Carnivores" (Wiederansiedlung von Spitzenprädatoren) und "Coexistence" (eine neue Mensch-Natur-Beziehung).

Woher kommt das Konzept Rewilding?

Der Begriff "Rewilding" wurde 1992 im Umfeld von Dave Foreman geprägt, einem US-amerikanischen Umweltschützer und Mitbegründer der radikalen Naturschutzorganisation "Earth First!". Foreman formulierte ursprünglich die "3 Cs" (Core, Corridor, Carnivore) als Grundprinzipien für einen kontinentalen Naturschutz in Nordamerika. Er wollte damit auf den massiven Artenschwund und die Fragmentierung von Lebensräumen eine Antwort geben.

African Parks bereitet weisse Nashörner sorgfältig auf ihre Rückkehr in die Wildnis vor: Die Tiere werden schrittweise an neue Lebensräume, Klima und natürliche Umgebung gewöhnt. © Marcus Westberg

Das Konzept bedeutete einen Paradigmenwechsel: Statt nur zu bewahren, was noch übrig ist, sollte Natur aktiv wiederhergestellt werden. Der Ökologe und Biogeograph Jens-Christian Svenning formulierte das noch deutlicher. Er sagte sinngemäss: "Rewilding ist ökologische Wiederherstellung durch die Wiederherstellung ökologischer Prozesse." Es geht dabei nicht darum, einen historischen Zustand wiederzuerlangen, sondern ökologische Dynamiken wie die Wanderungen von Tierarten oder Beutegreifer-Beute-Beziehungen wieder in Gang zu setzen.

In Europa gibt es inzwischen mehrere erfolgreiche Rewilding-Projekte. Eins der bekanntesten befindet sich im Oder-Delta. Auf rund 450‘000 Hektar rund um das Stettiner Haff werden vor allem Flüsse und Feuchtgebiete renaturiert sowie Wildtiere wieder angesiedelt. Zu dem Gebiet gehören Flusslandschaften, Moore, Wälder, Röhrichte und Küstenlebensräume.

Bis 2025 hat African Parks mehr als 600 Tiere in Schutzgebieten wiederangesiedelt. © Wiki West, WeWild Africa

In Afrika gibt es mehrere, überwiegend sehr grossflächige Rewilding-Projekte: Die Peace Parks Foundation setzt den Fokus vor allem auf die grenzüberschreitende Wiederherstellung von Landschaften, hat aber auch schon ganze Wildtiergemeinschaften und nicht nur einzelne Tiere in Regionen wieder angesiedelt. Beim Projekt Rewild Zambezi der "Great Plains Fundation/ Great Plains Conservation" geht es um eine grossangelegte Wildtier-Umsetzung und Wiederherstellung von Ökosystemen im Sambesi-Gebiet in Simbabwe.

Das Rewilding ist hier vor allem eine Reaktion auf langanhaltende Dürreperioden infolge des Klimawandels, in deren Folge ganze Regionen verödet waren. 

Für African Parks spielt das Rewilding ebenfalls eine zentrale Rolle. Die Naturschutzorganisation hat nach eigenen Angaben schon über 8000 Wildtiere umgesiedelt, um Schutzgebiete wieder zu bevölkern. Im Projekt Rhino Rewild steht das Rewilding im Zentrum: Es geht es um die Auswilderung von rund 2000 südlichen Breitmaulnashörnern in ausgewählte Schutzgebiete.

African Parks: Schutzgebiete als Motor für Mensch und Wildnis

African Parks ist eine 2000 gegründete Naturschutzorganisation mit Sitz in Johannesburg. Ihr Ansatz ist einzigartig: Die NGO übernimmt die vollständige, langfristige Verwaltung von Nationalparks und Schutzgebieten - in enger Partnerschaft mit Regierungen und lokalen Gemeinschaften. Heute managt African Parks 24 Schutzgebiete in 13 Ländern und beschäftigt rund 6000 Mitarbeitende.

Naturschutz bedeutet für African Parks weit mehr als Wildtierschutz: Die Organisation investiert konsequent in die Menschen, die in und um die Parks leben. Über 2500 Stipendien wurden an Studierende in den Tätigkeitsregionen vergeben; rund 295'000 Menschen erhielten in den vergangenen fünf Jahren medizinische Versorgung über mobile Kliniken und Spitäler. Knapp 130 Schulen werden unterstützt, und jährlich besuchen mehr als 10'000 Kinder die Parks.

Bis 2030 will African Parks 30 Parks unter Management haben - ein klares Bekenntnis zu einer der ambitioniertesten Naturschutzagenden des Kontinents.

LGT Venture Philanthropy unterstützt African Parks als strategischer Partner mit Kapital und Expertise.

Nashörner werden für ihr Horn bis heute massiv gewildert und gelten laut der Weltnaturschutzunion IUCN als "nahezu ausgerottet". © Marcus Westberg

Warum Rewilding funktioniert

Es gibt wissenschaftlichen Belege dafür, dass Rewilding erfolgreich ist, wenn Schlüsselfunktionen im Ökosystem zurückkehren. Intakte Ökosysteme mit funktionierenden Nahrungsnetzen sind klimaresilienter und speichern mehr Kohlenstoff als geschädigte Systeme. Damit hat das Rewilding auch eine Klimaschutz-Komponente. Dafür gibt es bereits Beispiele aus Europa, Nordamerika und Afrika.

Der Wisent wurde nach dem Aussterben in freier Wildbahn zunächst nur in Zoos erhalten; durch gezielte Wiederansiedlungen leben heute wieder mehrere tausend Tiere in der Natur, unter anderem in Rumänien. Das war nicht nur im Sinne der Arterhaltung erfolgreich: Als grosse Pflanzenfresser halten Wisente Landschaften offen, beeinflussen die Vegetation und strukturieren so Lebensräume. Im US-amerikanischen Yellowstone-Nationalpark wurde 1995 der Wolf wieder eingeführt. Das hatte messbare Auswirkungen auf das Verhalten und die Verteilung der Elche, wodurch sich die Ufervegetation und weitere Arten besser regenerieren konnten.

Nashörner gehören zu dem sogenannten Schlüsselarten in der afrikanischen Savanne: Sie strukturieren ganze Ökosysteme, indem sie Pfade schaffen, die Vegetation kurz halten und Nährstoffe verbreiten. © Mike Dexter

Die Kritik: Naturschutz versus Menschenrechte

Doch Rewilding wird nicht uneingeschränkt positiv gewertet. Kritische Stimmen machen geltend, dass die lokale Bevölkerung bei diesem Ansatz an den Rand gedrängt wird und den für sie lebenswichtigen Zugang zu Land verliert. Da es beim Rewilding darum geht, grosse Flächen für natürliche Abläufe zurückzugewinnen, stellt sich oft die Frage von Landrechten und von Landgrabbing, also der unrechtmässigen Aneignung von Land.

Auch zugunsten von Naturschutzprojekten werden traditionelle Nutzungsrechte oft ignoriert, Gemeinden ohne Kompensation verdrängt. 90 % der Agrarflächen in Afrika werden nach traditionellem Landrecht verwaltet, das staatlich nicht anerkannt ist - ein rechtliches Vakuum, das leicht ausgenutzt werden kann.

African Parks hat nach eigenen Angaben schon über 8000 Wildtiere umgesiedelt, um Schutzgebiete wieder zu bevölkern. © Mike Dexter

African Parks und das Rhino Rewild-Projekt: Ein Fallbeispiel

Das Rhino Rewild-Projekt von African Parks ist ein besonders ehrgeiziges Vorhaben. 2023 kaufte die NGO die weltweit grösste Nashorn-Zuchtfarm namens "Platinum Rhino" in Südafrika, als diese vor der Pleite stand.

"African Parks hat sich dann dazu bereit erklärt, diese Farm inklusive der 2000 Nashörner zu übernehmen, um die Tiere im Laufe der nächsten zehn Jahre in sichere Schutzgebiete auf dem ganzen Kontinent auszuwildern", erklärt Sonja Ringdal. Andernfalls wären die ehemaligen Zuchttiere, die 15 % der weltweiten Population ausmachen, leichte Beute von Wilderern geworden - eine reale Bedrohung.

"Naturschutz geht nicht, ohne dass man die Bevölkerung miteinbezieht", so Sonja Ringdal von African Parks. © Al Kipin

Das südliche Breitmaulnashörner stand Anfang des 20. Jahrhundert mit nur noch 20 bis 50 überlebenden Tieren kurz vor dem Aussterben. Südafrikanische Wildtierbehörden und Naturschützer schafften es, den Bestand durch die "Operation Rhino" zu retten, nicht zuletzt durch Umsiedlungsaktionen. Dadurch stieg der Bestand bis 2010 wieder auf etwa 20‘000 Tiere, von denen die allermeisten in Südafrika leben. Doch die Art ist nicht in Sicherheit: Nashörner werden für ihr Horn massiv gewildert und gelten laut der Weltnaturschutzunion IUCN als "nahezu ausgerottet".

Vor diesem Hintergrund war die ehemalige Zuchtfarm "Platinum Rhino" geradezu eine Genbank, die durch gezielte Umsiedlung die genetische Vielfalt der lebenden Breitmaulnashörner verbessern kann. Vor allem aber möchte African Parks erreichen, dass die Tiere ihre funktionale Rolle im Ökosystem wieder übernehmen, um diese Systeme wieder herzustellen.

Die ehemalige Zuchtfarm "Platinum Rhino" war geradezu eine Genbank, die durch gezielte Umsiedlung die genetische Vielfalt der lebenden Breitmaulnashörner verbessern konnte. © Wiki West, WeWild Africa

Bis Ende 2025 seien bereits 632 Tiere in 16 verschiedene Schutzgebiete in der Demokratischen Republik Kongo, Ruanda, Südafrika und Uganda gebracht worden, sagt Ringdal. Sie macht klar, dass Tiere nicht einfach freigelassen, sondern Schritt für Schritt an das neue Klima, den neuen Lebensraum und die Freiheit gewöhnt werden: Die Tiere würden erst betäubt, dann in ein Gehege gebracht, um sich in der neuen Umgebung zu akklimatisieren, bevor sie einzeln ausgebracht werden. Das sei "eine riesige Vorbereitung und eine grosse Nachbearbeitung".

Ringdal betont, dass das Projekt nur mit der Bevölkerung vor Ort funktionieren könne. African Parks arbeite "sehr, sehr eng mit dieser Bevölkerung zusammen", etwa über die "drei Es": Engagement, Education und Enterprise. Dazu zählt sie regelmässigen Austausch mit den Menschen vor Ort, Schul- und Naturbildung sowie die Unterstützung lokaler Kooperativen und alternativer Einkommensquellen wie die Förderung nachhaltiger Landwirtschaft oder das Anlegen von Wasserstellen. "Naturschutz geht nicht, ohne dass man die Bevölkerung miteinbezieht."

Naturschutz bedeutet für African Parks weit mehr als Wildtierschutz: Die Organisation investiert konsequent in die Menschen, die in und um die Parks leben. © Markus Westberg

LGT Venture Philanthropy

LGT Venture Philanthropy (LGT VP) ist eine unabhängige gemeinnützige Stiftung, gegründet 2007 von der LGT Group Foundation. Im Sinne des Engagements der Fürstlichen Familie von und zu Liechtenstein, einen nachhaltigen und positiven Beitrag für Mensch und Umwelt zu leisten, setzt sich die Stiftung dafür ein, die Lebensqualität von Menschen, die Benachteiligungen erfahren, zu verbessern, gesunde Ökosysteme zu fördern und starke, inklusive und zukunftsfähige Gemeinschaften zu unterstützen.

LGT VP unterstützt lokal verankerte Organisationen, die wirksame und skalierbare Lösungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Umwelt umsetzen. Wir stellen flexible, mehrjährige Finanzmittel bereit und bauen langfristige Partnerschaften auf, um gemeinsam Wirkung zu erzielen und nachhaltig zu sichern. Über das LGT Impact Fellowship bringen wir erfahrene Fachkräfte mit den Organisationen zusammen, um gezielt strategische Expertise bereitzustellen.

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