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Market View & Insights
Für vermögende Familien ist die Nachfolgeplanung zu einer der grössten Herausforderungen geworden. Ob die Weitergabe von Vermögen erfolgreich ist, hängt oft weniger von Märkten oder Strukturen ab, sondern vielmehr davon, wie Familien kommunizieren. Anhand eines konkreten Falls betrachten wir die sechs häufigsten Herausforderungen, auf die es zu achten gilt.
Für viele Familien besteht die grösste Herausforderung nicht darin, Vermögen aufzubauen, sondern zu entscheiden, was damit geschehen - und wer darüber entscheiden soll. Fragen zu Eigentumsverhältnissen, Verantwortung und Vermächtnis bleiben oft jahrelang unausgesprochen, bis ein plötzliches Ereignis schnelle Entscheidungen erzwingt.
In meiner Arbeit als Senior Family Advisor habe ich diese Muster immer wieder beobachtet. Eine Schweizer Immobilienfamilie, die ich berate - ich werde sie hier "Familie Müller" nennen - veranschaulicht, wie leicht diese Dynamiken entstehen und wie sie ihnen begegnet sind.
Die Familie Müller besitzt drei verschiedene Arten von Immobilien:
Alle Vermögenswerte sind auf den Namen des Vaters registriert. Er hat drei Töchter und einen Sohn. Alle vier Geschwister sind verheiratet, haben Eheverträge abgeschlossen und pflegen ein gutes Verhältnis zueinander.
In den letzten Jahren hat sich die jüngste Tochter nach und nach zur faktischen Geschäftsführerin des Immobilienunternehmens entwickelt. Sie verwaltet das Portfolio und kennt die Vermögenswerte genau. Es gibt jedoch keine formelle Ernennung, kein schriftliches Mandat und keine klare Berichtsstruktur. Ihre beiden Schwestern haben wenig Interesse an Immobilien, während der Bruder nur am Rande beteiligt ist.
Darüber hinaus gibt es kein Testament, keine Gesellschaftervereinbarung und kein gemeinsames Verständnis für wichtige Fragen:
Erschwerend kommt hinzu, dass die Familie Müller, wie viele Unternehmerfamilien, zunehmend international geworden ist. Ein Kind lebt im Ausland, die Enkelkinder studieren in verschiedenen Ländern und einige Vermögenswerte werden ausserhalb der Schweiz gehalten. Infolgedessen sind steuerliche, rechtliche und Erbschafts-Fragen weitaus komplexer als noch vor einer Generation.
Die Situation der Familie Müller vereint sechs wiederkehrende Herausforderungen, die wir häufig beobachten, wenn Familien Vermögen übertragen. Jede davon gibt Aufschluss darüber, wo gut gemeinte Planungen schiefgehen können.
In vielen Familien ist Vermögen nach wie vor ein Tabuthema - dies ist eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer kürzlich veröffentlichten "Wealth for Impact"-Studie. Rund drei Viertel der Befragten der nächsten Generation geben an, dass ihnen nicht beigebracht wurde, wie sie mit Vermögen umgehen sollen, und fordern ausdrücklich offene Gespräche darüber, was Vermögen bedeutet und wozu es dient. Ohne einen solchen Dialog fühlen sich viele Angehörige der nächsten Generation unvorbereitet und isoliert.
Im Fall der Familie Müller wurden grundlegende Fragen nie offen diskutiert:
Als die Familie unsere Unterstützung suchte, war der erste Schritt nicht die Ausarbeitung von Verträgen oder strukturelle Massnahmen, sondern ein bewusstes Innehalten. Der Vater initiierte ein strukturiertes Familiengespräch, in dem jedes Kind zum ersten Mal eingeladen wurde, seine Sicht auf die Zukunft zu artikulieren - darunter auch die Rolle, die das Familienvermögen darin spielen sollte.
Eine auffallend grosser Anteil der nächsten Generation fühlt sich nicht auf die Nachfolge vorbereitet und befürchtet mögliche Konflikte. In vielen Familien wird die Nachfolge durch unklare Vereinbarungen geregelt: Jemand übernimmt die Rolle des CEO oder Haupteigentümers, ohne dass ein klar definiertes Mandat vorliegt. Dieses Muster taucht in unserer Beratungstätigkeit immer wieder auf und spiegelt sich auch in den Ergebnissen unserer Studie wider.
Im Fall der Familie Müller trug die jüngste Tochter die operative Verantwortung, ohne über ein formelles Nachfolgemandat zu verfügen, während die Rollen der anderen Geschwister unklar blieben. Es gab kein gemeinsames Verständnis darüber, was passieren würde, wenn der Vater sich zurückziehen oder sterben würde - ein Paradebeispiel für informelle Vereinbarungen ohne Legitimität.
Durch erneute, vertiefte Gespräche begann die Familie, klarere Unterschiede zu machen:
Unsere Studie untersucht Vermögen in vielen Facetten und untersucht, wie verschiedene Generationen mit der Schaffung, Investition, Ausgabe, Weitergabe und Übertragung von Vermögen umgehen. Sie soll Vermögende dazu inspirieren, ihre Werte in die Praxis umzusetzen - und innerhalb ihrer Familien sinnvolle, zukunftsorientierte Diskussionen zu führen.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer Studie ist, dass Familien, deren Vermögen über die dritte Generation hinaus Bestand hat, in der Regel drei Merkmale teilen:
Im Fall der Familie Müller gab es kein Testament, keine Gesellschaftervereinbarung und keinen dokumentierten Nachfolgeplan. Wenn sich nichts änderte, würden die gesetzlichen Bestimmungen der Schweiz - und zunehmend auch ausländische Bestimmungen für international ansässige Familienmitglieder - über das Resultat der Vermögensübergabe entscheiden. Genau darin besteht das Risiko fehlender oder veralteter Planung: Es gelten die Standardbestimmungen, und das Risiko von Konflikten steigt.
Als wir uns zum ersten Mal trafen, wollte der Vater dieses Problem instinktiv lösen, indem er in seinem Testament eine sehr detaillierte Holdingstruktur festlegte. Die Idee war, alle Vermögenswerte zusammenzuhalten und alle vier Geschwister zu verpflichten, unter einer Reihe von Bedingungen Miteigentümer und Mitgeschäftsführer zu bleiben. Auf dem Papier sah dies nach einer gründlichen Planung aus. In Wirklichkeit führte dies direkt zur Herausforderung Nr. 4.
Viele Familien tappen in die Falle, die vermeintlich perfekte Lösung zu entwerfen - eine Lösung, die jedes mögliche Szenario vorwegnimmt. Unsere Studie warnt davor, dass dies oft zu überkonstruierten, starren Strukturen führt, die schnell veralten. Das andere Extrem sind Familien, die Entscheidungen ganz vermeiden und hoffen, dass sich die Dinge von selbst lösen.
Der ursprüngliche Plan von Vater Müller - eine streng kontrollierte Holding, die seine Kinder zwingen würde, nach seinem Tod unter strengen Regeln zusammenzubleiben - ist ein klares Beispiel dafür, wie manche versuchen, das Leben vorwegzunehmen. Damit hätte er
Doch er entschied sich schliesslich dagegen. Indem er von diesem Ansatz Abstand nahm und seine Kinder frühzeitig einbezog, folgte er dem Weg, der in Familien, die über Generationen hinweg erfolgreich sind, häufig zu beobachten ist: mit Werten und Prinzipien beginnen, der nächsten Generation zuhören und dann eine flexible, wertebasierte Unternehmensführung aufbauen.
Benjamin Vetterli ist Senior Family Advisor UHNWI bei der LGT Bank Schweiz. Er hilft Familien sowie Unternehmerinnen und Unternehmer seit 25 Jahren, ihr Vermögen über Generationen zu strukturieren.
Globale Familien sehen sich aufgrund grenzüberschreitender Situationen und sich ändernder Steuersysteme mit einer zunehmenden Komplexität konfrontiert. Unsere "Wealth for Impact"-Studie zeigt, wie das Ignorieren steuerlicher Konsequenzen zu einem Vermögensverlust führen und strategische Optionen erheblich einschränken kann.
Indem er die Idee einer einzigen, allumfassenden Struktur nach dem Tod zurückstellte und sich stattdessen auf einen lebenslangen, schrittweisen Plan konzentrierte, schuf der Vater Raum für koordinierte Beratung durch lokale externe Fachpersonen. Die Wünsche der Familie konnten nun mit der steuerlichen und rechtlichen Machbarkeit in Einklang gebracht werden - statt dass später während der Nachlassabwicklung Konflikte auftraten.
Im Fall der Familie Müller gab es keine strukturierte Betrachtung folgender Aspekte:
Das Kapitel "Governance" unserer Studie zeigt, dass langlebige Familien ihr Vermögen durch eine Kombination aus folgenden Massnahmen schützen:
Im Fall der Millers boten Eheverträge bereits Schutz vor möglichen zukünftigen Scheidungen - eine wichtige Absicherung gegen Aussenstehende. Intern fehlte es jedoch an Schutz:
Dies ist ein häufiges Muster: Spannungen mit Ehepartnerinnen und -partnern können leicht in Diskussionen über Eigentumsverhältnisse übergreifen, während das Fehlen interner Regeln das Risiko von Pattsituationen oder Missbrauch erhöht.
Die Familie arbeitet nun an einem kohärenten Bündel von Schutzmassnahmen: einer formellen Ernennung der CEO, einer Aktionärsvereinbarung mit einfachen Entscheidungsregeln und einer grundlegenden Familiencharta, in der gemeinsame Werte festgehalten sind. Diese Kombination aus Recht und Governance spiegelt weitgehend die erfolgreichen Muster wider, die in unserer Studie identifiziert wurden.
Die Vermögensübergabe der Familie Müller ist noch nicht abgeschlossen. Doch eine entscheidende Veränderung hat bereits stattgefunden: von der einsamen Planung hin zu gemeinsamer Verantwortung.
Ihre Geschichte - und die Ergebnisse unserer "Wealth for Impact"-Studie - legen nahe, dass es bei einer erfolgreichen Vermögensübertragung weniger darum geht, die Zukunft perfekt vorherzusagen, als vielmehr darum, häufige Fehler zu vermeiden. Vor allem geht es darum, die Familie durch Dialog, Klarheit und anpassungsfähige Strukturen auf die Zukunft vorzubereiten.
Die Familiengeschichte unserer Eigentümerfamilie, der Fürstlichen Familie von Liechtenstein, hat sie gelehrt, wie wichtig es ist, eine Familie und ihr Vermögen über Generationen gut zu organisieren und gemeinsame Werte zu pflegen.