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Market View & Insights
Die grössten Renditekiller an den Finanzmärkten? Es sind nicht die gefürchteten Crashes, sondern unsere Emotionen. Hier sind vier Prinzipien, die Anlegerinnen und Anlegern helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren.
Frühling 2000. Cindy lächelt triumphierend. Sie hat soeben die "heisseste Aktie der USA" erworben: Amazon. "Die Zukunft gehört dem Online-Handel", begründet die Jurastudentin ihre Wahl. Der Erfolg scheint ihr Recht zu geben. Die Aktie klettert seit dem Börsengang 1997 scheinbar unaufhaltsam - befeuert von der Internet-Euphorie an der US-Technologiebörse Nasdaq.
Wenige Monate später folgt die Ernüchterung. Cindy reibt sich ungläubig die Augen. Die Nasdaq taumelt abwärts. Die Medien schreiben einen Nachruf auf die "New Economy". Und die Amazon-Aktie fällt, fällt und fällt. Ein Minus von über 90 % gegenüber dem Hoch. Cindy sieht rot. Verzweifelt verkauft sie ihre Aktien.
25 Jahre später könnte sie sich ohrfeigen. Seit dem Börsengang 1997 hat Amazon eine Rendite von unglaublichen 131'700 % erwirtschaftet. "Der Verkauf war mein teuerster Fehler", sagt Cindy. Was sie damals nicht wusste: Jeff Bezos hatte in der Tiefphase längst den Plan im Kopf, Amazon vom Online-Buchhändler zum grössten Marktplatz der Welt auszubauen.
Cindy ist ein fiktives Beispiel, aber daraus lässt sich eine Menge lernen: Hier sind vier Grundsätze für Anlegerinnen und Anleger, um sich gegen die Panik an den Börsen zu wappnen.
Ein Panikverkauf kann die Früchte guter Anlageentscheide in einem Augenblick vernichten. Das gilt auch bei breit diversifizierten Anlagen.
Nehmen wir an, jemand hat Mitte der 2000er-Jahre einen börsenkotierten Fonds (ETF) auf den globalen Aktienmarktindex MSCI World gekauft. Mitten in der Finanzkrise von 2008 tauchte dieser über 50 % ab. Im Durchschnitt hat der MSCI jedoch in den letzten 50 Jahren eine Jahresrendite von 9 % erwirtschaftet. Solche Renditen fährt aber nur ein, wer in guten wie in schlechten Zeiten investiert bleibt - wie es Kultinvestor Warren Buffett macht.
Sein Grundprinzip hat er oft wiederholt: "Ich kaufe nur Aktien von Unternehmen, die ich verstehe." Seine Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway hält 9,3 % am Softdrink-Giganten Coca-Cola. Daran hat er auch Ende der 90er-Jahre festgehalten, als der Titel als "langweilig" belächelt wurde. Seither hat sich der Wert um den Faktor 21 multipliziert. Buffett hat ein gutes Bauchgefühl fürs Geschäftsmodell: Seine erste Cherry-Coke-Dose schlürft er schon zum Frühstück - weitere folgen. Doch vor allem versteht er den Geschäftsbericht des Konzerns. Wichtige Kennzahlen dazu sind die Profitabilität, die Verschuldung und der Cashflow.
Wer weiss, was er warum besitzt, kann daran in jeder Wetterlage festhalten. Diese Strategie lehrte und lebte auch Peter Lynch beeindruckend konsequent. Er multiplizierte das Vermögen des Magellan Funds in nur 13 Jahren - bei einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 29.2 %. Danach hatte Lynch so viel auf der Seite, dass er sich mit Mitte 40 aus dem operativen Geschäft zurückzog.
Allein Amazon stürzte in 28 Jahren über 50 Mal um 10 % und mehr ab. Wohl jede Anlegerin, jeder Anleger, kommt deshalb irgendwann an den Punkt wie Cindy: Man sieht nur noch rote Zahlen, bekommt feuchte Hände - und drückt den Verkauf-Knopf.
Wieso eigentlich?
"In der Praxis lassen sich viele Finanzmarktakteure von Geschichten und Hypes blenden - statt auf Qualität zu achten", sagt Thorsten Hens, Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Zürich und der Norwegian School of Economics. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert J. Shiller vertieft genau dieses Phänomen in seinem Buch "Narrative Economics: How Stories Go Viral and Drive Major Economic Events".
Spannende Stories von Unternehmen, welche die Welt revolutionieren wollen, verkaufen sich besser als unauffällige Betriebe in etablierten Märkten, die solide Gewinne erwirtschaften. Für besonders attraktiv hält Shiller den Bitcoin-Krimi: Bis heute bleibt es ein Geheimnis, wer sich hinter dem Schöpfer-Pseudonym Satoshi Nakamoto verstecken könnte. Das zeigt, wie mächtig ein Narrativ wirken kann - selbst wenn der fundamentale Wert schwer erfassbar ist.
Das ändert aber nichts an der Faktenlage: Aktien sind langfristig die attraktivste Anlageklasse. Am eindrücklichsten zeigt dies die über 220-jährige Geschichte der US-Aktienmärkte, die der Wirtschaftsprofessor Jeremy Siegel in seinem Bestseller "Stocks for the Long Run" beschrieben hat. Demnach haben US-Aktien im Durchschnitt jährlich eine Rendite von 7 % abgeworfen - inflationsbereinigt. Das bedeutet: Vermögen können sich statistisch in 10 Jahren verdoppeln.
Aber aufgepasst: Das gilt nur, wenn man breit diversifiziert in Aktien investiert - und einen Anlagehorizont von mindestens einem Jahrzehnt mitbringt. Während der Grossen Depression der 1930er musste man sich sogar noch etwas länger gedulden.
Warum sind Aktien langfristig eine Art Renditemotor im Portfolio? Mit Aktien beteiligt man sich an Unternehmen, die Güter und Dienstleistungen produzieren. Solange diese erfinderisch und produktiv sind, dürften sie weiterhin realen Mehrwert schaffen - und am Markt erfolgreich sein.
"Wir haben nicht die geringste Ahnung, was am Aktienmarkt abgeht, wenn er Montag öffnet", gibt Warren Buffett unumwunden zu. Der Anlageerfolg hängt weniger vom Zeitpunkt des Kaufs ab als vielmehr von der Zeitdauer, über die man investiert bleibt. Buffetts bevorzugte Haltedauer: "Für immer."
Das Analyseunternehmen Dalbar untersucht im Rahmen seiner "Quantitative Analysis of Investor Behavior Reports" regelmässig, wie Privatanlegerinnen und -anleger langfristig abschneiden. Das frustrierende Resultat: Ihre Portfolios bleiben weit hinter dem Gesamtmarkt zurück. Zu einem grossen Teil liegt das daran, dass sie ihre Fähigkeit, Marktbewegungen vorauszusehen, massiv überschätzen.
Zielführender als die Jagd nach dem "perfekten Timing" ist darum, zum Beispiel monatlich einen gewissen Betrag in Aktien zu investieren. Sind die Börsen im Hoch, reicht der Betrag für weniger Aktien. Bei niedrigen Kursen kauft man mehr Titel. Diese Strategie nutzt die Volatilität des Marktes, statt gegen sie zu kämpfen. Langfristig führt sie zu einem besseren Durchschnittskaufpreis - was als "Cost Averaging" bekannt ist.
Im Gegenzug gewinnt man bei steigenden Kursen weniger. Doch das fühlt sich "halb so schlimm" an. Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky wiesen nämlich nach, dass Verluste doppelt so stark schmerzen, wie uns gleich hohe Gewinne freuen. Diese Erkenntnis ist in ihre Prospekttheorie eingeflossen, für die Kahneman 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt - stellvertretend auch für seinen damals bereits verstorbenen Kollegen Tversky.
Terrance Odean, Finance-Professor der Universität Berkeley, erforscht seit Jahren, in welche Fallen Privatanlegerinnen und -anleger tappen. Unter anderem hat er 60'000 Haushalte untersucht und festgestellt, dass jene, die ihr Portfolio am meisten umschichteten, die schlechteste Rendite einfuhren. Es gilt also: "Hin und Her macht die Taschen leer."
Die meisten Anlegerinnen und Anleger veräussern ihre Aktien nicht, weil sich fundamentale Veränderungen abzeichnen - sondern weil sie Kurseinbrüche nicht aushalten. Gibt es also keine vernünftigen Gründe, Aktien zu verkaufen? Doch.
Es gibt zwei Hauptgründe, warum man eine Aktie besser verkauft:
Für Odean ist eines klar: "Anlegerinnen und Anleger müssen nicht nur wissen, warum sie in eine Aktie investieren. Sie sollten auch prüfen, weshalb ihre Einschätzung daneben liegen könnte." Bei Aktienanalysen empfiehlt er weiterzudenken: "Inwiefern könnte sich der Wettbewerb verändern - etwa durch künstliche Intelligenz? Wie wandelt sich das makroökonomische Umfeld, die Ölpreise, die Zinsen?"
Je nachdem können sich ursprüngliche Annahmen über ein Unternehmen als nicht mehr realistisch herausstellen. "In diesem Fall ist es sinnvoll, eine Aktie zu verkaufen - statt allein aufs Prinzip Hoffnung zu setzen." Manchmal kann sich zudem auf dem Markt eine Kaufgelegenheit mit besseren Perspektiven ergeben. Dann ist es interessant, eine neue Position aufzubauen - und sich von einer mit weniger Potenzial zu lösen.
Schliesslich verläuft kein Leben nach Plan. Wenn Anlegerinnen und Anleger in unerwartete Liquiditätsengpässe geraten - etwa wegen Steuern, Immobilienkaufprojekten oder unternehmerischen Projekten -, sehen sie sich manchmal gezwungen, Wertschriften zu veräussern. Selten zum "idealen Zeitpunkt". Während das legitime Gründe für einen Aktienverkauf sein mögen, ist es eines nicht: "Die anderen machen es auch."
Cindy ist heute Anwältin. Auf ihrem Pult steht kein Aktien-Ticker, aber ein eingerahmtes Zitat von Warren Buffett: "Die Börse ist ein Instrument, um Geld von den Ungeduldigen zu den Geduldigen zu transferieren."
Anlagestile sind so unterschiedlich und individuell wie unsere Persönlichkeiten. Die Frage, wie viel Zeit und Mühe Sie in die Verwaltung Ihres Geldes investieren möchten, bestimmt zu einem grossen Teil Ihre Anlegerpersönlichkeit. Erfahren Sie mehr darüber, ob die Vermögensverwaltung oder die Vermögensberatung eher zu Ihnen passt.