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Eine steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenraten verändern die Nachfrage - von der Gesundheitsversorgung bis zum Wohnen. Für Unternehmen ist es entscheidend, ihre Angebote auf die Bedürfnisse einer alternden Bevölkerung auszurichten.
Mit zunehmendem Alter ändern sich die Ansprüche an das Wohnen, während der Bedarf an medizinischer Versorgung zunimmt. Da ältere Menschen einen wachsenden Teil der Bevölkerung ausmachen, verschieben sich auch die Märkte. Unternehmen müssen ihre Produkte und Dienstleistungen auf diese Nachfrage ausrichten, um sich behaupten zu können und wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben.
Die Weltbevölkerung wächst weiter - und altert zugleich. Im Jahr 2100 dürften von voraussichtlich 10.2 Milliarden Menschen deutlich mehr als ein Viertel über 60 Jahre alt sein. Bereits heute leben laut Statistiken der Vereinten Nationen mehr Menschen ab 65 Jahren als Kinder unter fünf Jahren. Bis 2050 könnten es sogar doppelt so viele sein.
Allerdings verläuft dieser demografische Wandel regional unterschiedlich. In Europa und Nordamerika altert die Bevölkerung besonders schnell: Die Menschen leben länger, während die Geburtenraten sinken. Auch in zahlreichen Ländern Asiens und Afrikas steigt die Lebenserwartung; dort sind die Geburtenraten vielerorts jedoch weiterhin höher.
Der demografische Wandel hat zwei Seiten. Einerseits erreichen dank besserer medizinischer Versorgung und Vorsorge sowie grösserem Wohlstand immer mehr Menschen ein hohes Alter - und bleiben länger gesund.
Dr. Tilman Dumrese ist bei der LGT als Senior Aktienspezialist tätig, mit Fokus auf Nachhaltigkeitsthemen sowie auf die Sektoren Healthcare, Gebrauchsgüter und Chemie. Der promovierte Immunologe war während und nach seiner akademischen Ausbildung in Deutschland und den USA international an renommierten Forschungsinstituten tätig.
Andererseits verändert die höhere Lebenserwartung zusammen mit sinkenden Geburtenraten die Altersstruktur der Gesellschaft. Diese Entwicklung wird mit dem Begriff Silver Society beschrieben. Je grösser der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung, desto stärker rücken ihre Bedürfnisse in den Fokus von Unternehmen, Anlegerinnen und Anlegern sowie der Politik.
Wie stark die Gesundheitsausgaben mit dem Alter steigen, zeigen US-Daten. Für Menschen ab 65 Jahren lagen die persönlichen Gesundheitsausgaben im Jahr 2020 bei USD 22'356 pro Kopf - mehr als fünfmal so hoch wie für Kinder und etwa 2.5-mal so hoch wie für Erwachsene im Erwerbsalter. Obwohl die über 65-Jährigen damals nur 17 % der US-Bevölkerung ausmachten, entfielen auf sie 37 % der gesamten Gesundheitsausgaben.
Menschen in hohem Alter nehmen noch mehr Gesundheitsleistungen in Anspruch. Bei den über 85-Jährigen lagen die Gesundheitsausgaben im Durchschnitt bei rund USD 36'000 pro Kopf. Mit der wachsenden Zahl hochaltriger Menschen dürfte daher auch die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen langfristig steigen.
Damit könnte künftig ein grösserer Teil der Wirtschaftsleistung für Medikamente, Medizintechnik und Gesundheitsversorgung aufgewendet werden. Für die USA wird erwartet, dass der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2030 auf mehr als 20 % steigt. Auch in anderen Ländern wird mit einem wachsenden Anteil gerechnet.
Vor diesem Hintergrund entwickeln Unternehmen im Gesundheitssektor neue Behandlungsmöglichkeiten für Erkrankungen, die im Alter häufiger auftreten, darunter Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Für ausgewählte Markenmedikamente gegen Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen wird zwischen 2025 und 2030 ein jährliches Umsatzwachstum von rund 10 % erwartet. Für den gesamten Pharmamarkt rechnen verschiedene Quellen mit einem Wachstum von rund 6 % pro Jahr.
Auch für die Medizintechnik könnte die demografische Entwicklung Wachstumsimpulse liefern. Das weltweite Marktvolumen wurde für 2025 auf rund USD 550 Milliarden geschätzt. Bis 2035 könnte es auf etwa USD 850 Milliarden steigen - ein durchschnittliches jährliches Wachstum von rund 4.5 %.
Mit der Zahl älterer Menschen wächst auch die Nachfrage nach altersgerechtem Wohnraum und Pflegeangeboten. In Deutschland stieg der Anteil pflegebedürftiger Menschen an der Bevölkerung von 2.5 % im Jahr 1999 auf 6.7 % im Jahr 2023.
Diese Angebote bilden jedoch keinen einheitlichen Markt. Anlegerinnen und Anleger müssen zwischen verschiedenen Geschäftsmodellen unterscheiden. Anbieter stationärer Pflege erbringen umfassende Betreuungs- und Gesundheitsleistungen. Eigentümer und Betreiber von Seniorenwohnungen stellen dagegen Wohnraum für ein selbstständiges Leben bereit, teilweise ergänzt um Pflege und weitere Dienstleistungen. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen dieser Geschäftsmodelle - und damit die Chancen und Risiken - können sich deutlich unterscheiden.
In den USA könnte die Nachfrage nach Seniorenwohnungen das Angebot deutlich übersteigen. Ausgehend von der aktuellen Bautätigkeit und den angestrebten Belegungsquoten könnte die Zahl zusätzlich bereitgestellter Wohnungen bis 2030 um bis zu 70 % unter dem Bedarf liegen. Dies dürfte sich auch auf Preise und Rentabilität auswirken.
Wachsender Bedarf allein garantiert noch keine Anlagerendite.
Wie gross die Lücke tatsächlich wird, bleibt abzuwarten. Ein entscheidender Faktor ist die Nachfrage. Viele ältere Menschen möchten nicht in ein Pflegeheim ziehen, sondern selbstständig bleiben.
Pflegeleistungen, Wohnraum und unterstützende Technik bieten somit mögliche Wachstumsfelder. Ob Anbieter wirtschaftlich davon profitieren, hängt jedoch von der tatsächlichen Nachfrage und der praktischen Umsetzung ihrer Angebote ab.
Wer mit einem längeren Leben rechnet und diese zusätzlichen Jahre geniessen möchte, muss sich auch mit der Finanzierung eines längeren Ruhestands befassen. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert, dass der Anteil der über 60-Jährigen weltweit weiter steigt. Damit müssen vergleichsweise weniger Erwerbstätige für immer mehr Menschen im Ruhestand aufkommen. Die wachsende Bedeutung der privaten Altersvorsorge stellt Privatpersonen, Pensionskassen und Versicherer vor neue Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass der Versicherungssektor stark wächst, sowohl bei der betrieblichen Altersvorsorge als auch bei der individuellen privaten Vorsorge.
Für 2026 wird erwartet, dass in den USA individuelle Rentenversicherungen im Wert von USD 460 Milliarden verkauft werden - 8 % bis 10 % mehr als im Vorjahr. In Grossbritannien könnte das jährliche Verkaufsvolumen von rund GBP 8 Milliarden im Jahr 2024 auf etwa GBP 20 Milliarden im Jahr 2034 steigen.
Die Expertinnen und Experten der LGT analysieren laufend die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung. Mit unseren Publikationen zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen treffen Sie fundierte Anlageentscheide.
Ältere Menschen, die über Geld und Zeit verfügen, dürften auch zum Wachstum der Reisebranche beitragen. Für den weltweiten Tourismusmarkt wird zwischen 2026 und 2035 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 4.1 % erwartet. Anbieter reagieren bereits auf die Bedürfnisse älterer Reisender, etwa mit komfortableren Unterkünften, Reisen mit Gesundheitsbezug und längeren Aufenthalten.
Ein interessantes Wachstumsfeld ist der Medizintourismus, also Reisen für medizinische Behandlungen. Allein in Indien wurde das Marktvolumen 2025 auf USD 18 Milliarden geschätzt, bei einer jährlichen Wachstumsrate von 12 %. Für den Wellnesstourismus werden ein Marktvolumen von rund USD 650 Milliarden und ein jährliches Wachstum von 7.3 % angegeben. Luxus- und Ultra-Luxus-Kreuzfahrten könnten ebenfalls von älteren Reisenden mit hoher Kaufkraft profitieren.
Die Alterung der Bevölkerung dürfte die öffentlichen Finanzen und Volkswirtschaften, die darauf nicht ausreichend vorbereitet sind, erheblich belasten. Zugleich könnte sie in verschiedenen Branchen Anlagemöglichkeiten eröffnen. Für Anlegerinnen und Anleger besteht die Herausforderung darin, Unternehmen zu finden, die auf veränderte Bedürfnisse eingehen und dabei profitabel wirtschaften. Das Wachstum eines Marktes allein garantiert jedoch keine Anlagerendite - zumal Erwartungen an künftiges Wachstum bereits in den Bewertungen enthalten sein können.