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Market View & Insights
Früher zeigten Porträts das Gesicht einer Person. Diese Zeiten sind vorbei: Heute fangen Künstlerinnen und Künstler die Essenz eines Menschen ein - von Gebrauchsgegenständen über DNA bis hin zu Gerüchen.
Als meine Gäste nach dem Abendessen gingen, stellte mir ein befreundeter Künstler eine seltsame Frage: Ob er meine Regale bemalen dürfe - allerdings nicht bloss mit einer Schicht Farbe. Er wollte sie zu einem Kunstwerk machen. Die weissen Würfel, in denen ich alles Mögliche unterbrachte - von der hölzernen Madonna, die ich auf einem mexikanischen Markt gekauft habe, bis hin zu den Teddybären, die meine Grossmutter gestrickt hat - formen sich heute zu einem Gemälde zusammen. Es trägt den Titel "Sarah Nr. 1". Und ist ein Porträt von mir.
Was ist ein Porträt wirklich?
Muss es ein traditionelles Bild von Kopf und Schultern sein, eingerahmt von zwei klassischen Säulen, mit einer idyllischen Landschaft im Hintergrund? Und muss es zwingend eine physiognomische Ähnlichkeit mit der Porträtierten aufweisen?
Nicht unbedingt. Porträts fangen die Essenz eines Menschen ein - sowohl Gemälde alter Meister als auch zeitgenössische Kunstwerke.
Für den New Yorker Richard Pasquarelli, der "Sarah No. 1" gemalt hat, spiegeln sich unsere Persönlichkeiten in den Dingen wider, mit denen wir uns umgeben. "Ich male nicht bloss die Besitztümer der Menschen. Ich male Porträts ihrer Gedanken", sagt Pasquarelli, der in seiner Serie "Collection" (2019-2022) Porträts von drei Frauen geschaffen hat, die unter Sammelzwang leiden - und zwar anhand ihrer Besitztümer.
Pasquarelli ist nicht der Einzige, der das Potential von Gegenständen in der Porträtmalerei erkennt. Seit Jahrhunderten dienen Gegenstände dazu, uns etwas über die dargestellten Personen zu erzählen: Kleidung, Schmuck oder Möbel können auf den Reichtum und Status des Porträtierten hinweisen. Bestimmte Objekte, sogenannte Attribute, werden zu Symbolen, die viel über die Personen auf der Leinwand verraten. So stehen Lilien in der mittelalterlichen Kunst für Keuschheit.
In "Die Gesandten" von Hans Holbein dem Jüngeren entfalten Objekte grosse Aussagekraft. Das 1533 gemalte Doppelporträt lenkt den Blick auf eine Sammlung von Büchern, auf astronomische Instrumente, eine Laute und eine Reihe von Flöten - Objekte, welche die politischen und religiösen Spannungen widerspiegeln, die das Leben der beiden Männer geprägt haben dürften.
So deutet die gerissene Saite der Laute auf Zwietracht hin. Und angeblich sollte die Liedauswahl im offenen Gesangbuch Hoffnung auf eine religiöse Versöhnung signalisieren - die sich letztlich nicht erfüllte. "Wir wollen die Geschichte dieser Menschen erzählen. Und dafür sind die Attribute genauso wichtig wie die Gesichter", sagt Joanna Woodall, deren Buch "Portraiture: Facing the Subject" als wegweisendes Werk zu diesem Thema gilt.
Objekte in Porträts würden oft als Ersatz für physiognomische Ähnlichkeit dienen, erklärt Joanna Woddall, Kunsthistorikerin und emeritierte Professorin des Courtauld Institute of Art. Beispiele dafür seien Wappen, heraldische Abzeichen und Kleidungsstücke. "Früher war die Kleidung der Menschen fast genauso wichtig wie ihr Gesicht", erläutert sie.
In chinesischen Ahnenporträts dienen Objekte den Familien dazu, sich um die Seelen verstorbener Verwandter zu kümmern. "Diese Porträts sollten die Verbindung zwischen den Verstorbenen und den Lebenden aufrechterhalten", sagt Marco Almeida, Leiter der Abteilung für chinesische Keramik und Kunstwerke bei Christie's Asia Pacific.
Für Aussenstehende verraten lediglich Kleidung und Schmuck, wer die porträtierte Person gewesen sein könnte und welchen Status sie in Familie und Gesellschaft hatte.
In den bemerkenswerten Werken von Giuseppe Arcimboldo aus dem 16. Jahrhundert sind Objekte und Gesichter untrennbar miteinander verbunden. Der italienische Maler konstruiert menschliche Köpfe aus allen möglichen Elementen - von Pflanzen, Früchten und Büchern bis hin zu Alltagsobjekten wie Feuerzeuge, Waffen oder Schlüssel.
Eines seiner aussergewöhnlichsten Werke, "Terra" (Die Erde), befindet sich in den Fürstlichen Sammlungen. Hier stellt Arcimboldo ein Gesicht im Profil aus Tieren dar: einen Hasen für die Nase, einen Gepard für das Kinn, einen Elefantenkopf für die Ohren und Wangen. Und eine Kuh verbindet die Schulter (ein Löwenkopf) mit der Brust (ein Widderfell).
Im 18. Jahrhundert schliesslich wurde eine andere ungewöhnliche Form der Porträtmalerei populär: die Augenminiatur. Diese winzigen Kunstwerke, in Broschen und Medaillons eingefasst und zwischen Liebenden ausgetauscht, zeigten ein einzelnes, körperloses Auge. Wenn man die Augen als Fenster zur Seele versteht, gehören diese Miniaturen wohl zu den intimsten Porträts überhaupt.
Für Sissel Tolaas, die an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst arbeitet, macht uns der Geruchssinn zu dem, was wir sind. Oftmals durch künstliche Düfte überdeckt, sei der Geruch eines Menschen ebenso einzigartig wie sein Fingerabdruck, sagt die norwegische Künstlerin und Geruchsforscherin. Auch die durch Emotionen erzeugten Geruchsmoleküle seien unterschiedlich, erklärt sie - so sei der Säuregehalt von Freudentränen anders als der von Tränen aus Traurigkeit.
Das macht Gerüche zu einem hervorragenden Medium für Porträts. Für ihre Serie "Fear" fing Tolaas die Körpergerüche von 21 Männern mit Phobien ein. Diese hatte sich bereit erklärt, ein kleines Gerät unter die Achsel zu kleben, sobald sie eine Angstattacke erwarteten.
Tolaas hat die gesammelten Moleküle in einen geruchsneutralen Bio-Lack eingebettet, der ihren Duft nur bei Berührung freisetzt. Besucherinnen und Besucher der Installation konnten verschiedene Bereiche der Wände berühren, um die Gerüche der Personen zu erleben. "Ich bringe Rubbel- und Riechbilder auf die nächste Stufe", sagt sie. "Und die Lebensdauer dieser Technologie ist unbegrenzt. Diese Porträts werden bis zum Ende der Zeit an diesen Wänden bleiben."
Nicht nur unser Geruch, sondern auch unser genetisches Material stösst in der Porträtkunst auf wachsendes Interesse. Für die amerikanisch-kanadische Bio-Künstlerin Heather Dewey-Hagborg begann alles 2013 mit ihrer Serie "Stranger Visions", einer Sammlung lebensgrosser, farbig gedruckter 3D-Porträts, die auf DNA basieren. Diese extrahierte sie aus Haarsträhnen, Kaugummi und Zigarettenkippen, die sie an öffentlichen Orten in New York City aufgelesen hatte.
Die Genomanalyse lieferte Details darüber, wie die Personen aussehen könnten - Geschlecht, Augenfarbe, Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit - und die KI-gesteuerte Gesichtserzeugungstechnologie ergänzte den Rest. Damit die Gesichter einander nicht zu ähnlich sehen, baute Dewey-Hagborg einen Zufallsfaktor in den Algorithmus ein. "Es ging mir darum, spekulative Porträts zu schaffen", erklärt sie.
Die Künstlerin erforscht diese Mischung aus Wissenschaft und Zufall weiterhin, etwa in DNA-Porträts von Personen wie der Whistleblowerin Chelsea Manning bis hin zum verstorbenen Wissenschaftler James Watson. "Das ist der Bereich, in dem ich gerne arbeite", sagt sie, "Im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Forschung und Fiktion."
Letztendlich wird jede Porträtmalerei vom Gleichgewicht zwischen Fakten und Fiktion bestimmt. Auch wenn es einer Porträtmalerin um die Ähnlichkeit einer Person geht, trifft sie dabei zahlreiche kreative Entscheidungen.
Und obwohl man oft behauptet, dass die Kamera nicht lügen kann, treffen auch Porträtfotografen von der Beleuchtung und Stimmung bis hin zum Kamerawinkel und der Umgebung Entscheidungen, die das Ergebnis massgeblich beeinflussen. Selbst wenn die Porträtkunst nur eine einzige Aufgabe verfolgt - nämlich das Wesen einer Person einzufangen -, so sind die Möglichkeiten dazu doch unendlich.
In den letzten 500 Jahren hat das Fürstenhaus eine der bedeutendsten privaten Kunstsammlungen mit Meisterwerken von der Frührenaissance bis zur österreichischen Romantik zusammengestellt - darunter Werke von Lucas Cranach dem Älteren, Frans Hals, Raffael, Rembrandt, Peter Paul Rubens, Anthonis van Dyck, Rudolf von Alt, Friedrich von Amerling und Ferdinand Georg Waldmüller. Diese Meisterwerke sind im Gartenpalais Liechtenstein und im Stadtpalais Liechtenstein in Wien, aber auch in Ausstellungen vieler bedeutender Museen weltweit für die Öffentlichkeit zugänglich.