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Unternehmertum

Disruptive Innovationen: Zwischen Euphorie und Enttäuschung

Wenn Neues entsteht, sind Euphorie und Enttäuschung nah beieinander. Und es ist ungewiss, ob, wann und in welcher Form sich das Neue durchsetzt. Was wir tun können, um Anlagerisiken zu mindern und dennoch am Erfolg von Innovationen teilzuhaben.

  • von Corina Drack, LGT Private Banking
  • Datum
  • Lesezeit 5 Minuten

Zwischen Hype und Realität: Wer Innovation verstehen will, muss erkennen, wann sie verführt - und wann sie verändert. © Andriy Onufriyenko/Getty Images

Zusammenfassung

  • Disruptive Innovationen verlaufen oft nach einem wiederkehrenden Muster: Hype, Ernüchterung - und mit Verzögerung der Durchbruch.
  • Die Dotcom-Blase zeigt exemplarisch, wie Technologie-Trends kurzfristig überschätzt und langfristig unterschätzt werden.
  • Der aktuelle Boom der Künstlichen Intelligenz (KI) weist Parallelen auf - doch viele der heutigen Marktakteure sind finanziell solide aufgestellt.
  • Erfolgreiches Investieren in Innovation erfordert breite Diversifikation, thematisches Denken und Fokus auf Fundamentaldaten.
  • Innovationskraft lässt sich messen: über Investitionen, Produktentwicklung und Marktposition - und sollte im Portfolio nie aus dem Blick geraten.
Steve Jobs, Mitbegründer von Apple
Steve Jobs, Mitbegründer von Apple © David Paul Morris/Getty Images

Es war das Jahr 2007, als der Apple-CEO Steve Jobs der Welt das multifunktionale Gerät iPhone vorstellte. Heute, keine 20 Jahre später, den Alltag ohne Mobiltelefon bestreiten? Ist kaum mehr vorstellbar. Das Smartphone ist in jede Ritze unseres Alltags eingedrungen: Ob telefonieren, Musik hören, Zeitung lesen, Tickets kaufen oder unseren Kaffee bezahlen - wir greifen zu unserem Mobiltelefon.

Doch es ist nicht nur das iPhone selbst, das die Welt derart verändert hat. Der grösste Trumpf des Geräts: Immer und überall machte es das Internet verfügbar. Die Geburt des Internets hatte eine disruptive Kraft, die sämtliche Wirtschafts- und Lebensbereiche erfasste, und sie löste eine immense Investitionswelle aus, die sich um die Jahrtausendwende zu einer Blase aufblähte, die schliesslich platzte.

Die Dotcom-Blase: ein Hype Cycle wie aus dem Lehrbuch

Innovationen, die das Potenzial haben, disruptiv zu wirken, verlaufen gemäss dem Gartner Hype Cycle nach einem gewissen Muster. Der Zyklus beginnt mit einem technologischen Auslöser, der auf breites Interesse stösst. Die Medienpräsenz führt zu überzogenen Erwartungen, die sich nicht materialisieren lassen. Darauf folgen Enttäuschung und eine Phase des Desinteresses, bis immer mehr Anwendungen den Nutzen verdeutlichen - woraufhin schliesslich die Masseneinführung beginnt.

Die Internet- oder Dotcom-Blase folgte exemplarisch diesem Hype Cycle. Ab Mitte der Neunzigerjahre kamen zahlreiche Tech-Unternehmen an die Börse und sammelten viel Geld ein, teilweise ohne konkreten Business-Plan.

Die Euphorie über die künftigen Gewinnchancen der neuen Technologie trieb die Aktienkurse dieser damals als Zukunftsunternehmen geltenden Firmen in immer neue Höhen. Als die Blase platzte, verloren viele Anlegerinnen und Anleger viel Geld. Manche hatten zum ersten Mal in Aktien investiert. Zahlreiche Tech-Unternehmen gingen in Konkurs.

Doch jenseits der Verwerfungen hatte die zugrundeliegende technologische Neuerung, die Digitalisierung, Bestand. Sie übertraf sogar alle Erwartungen und hat unseren Alltag fundamental verändert. Unternehmen mit wettbewerbsfähigem Geschäftsmodell, wie Amazon, Ebay und Google, überstanden die Bereinigung und setzten erst dann zu ihrem Aufstieg an. Wie so oft wurden die Auswirkungen der technologischen Neuheit kurzfristig über- und langfristig unterschätzt.

Künstliche Intelligenz: Boom oder Blase?

Jensen Huang, Mitbegründer und CEO, Nvidia
Nvidia-CEO Jensen Huang bei der Präsentation des Roboters "Blue" am 18.3.2025 - der Chip-Entwickler profitiert stark vom KI-Infrastruktur-Boom. © David Paul Morris/Bloomberg/Getty Images

Seit OpenAI Ende 2022 eine neue, kostenlose Version von ChatGPT veröffentlichte, prägt künstliche Intelligenz das Investoreninteresse - und hat einen Investmentboom entfacht. Die Rekordinvestitionen in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur wecken ungute Erinnerungen an die Dotcom-Blase und sorgen für Verunsicherung. Wer sich jedoch an den folgenden Grundsätzen orientiert, kann erfolgreich an Innovationen partizipieren: Den Hype meiden, nicht alles auf eine Karte setzen und die Innovationskraft des einzelnen Unternehmens stets im Blick behalten. 

Achtung, Blase!

Nicht auf dem Höhepunkt einzusteigen ist ein guter Rat, doch leider sind die unterschiedlichen Phasen des Hype Cycles nicht offensichtlich, wenn wir mittendrin sind. Wann sie beginnen und enden, wissen wir erst im Nachhinein. Es gibt jedoch Hinweise, die verraten, ob sich eine Blase bildet.

Ein Warnsignal ist beispielsweise, wenn das Interesse am (neuen) Anlagethema in der breiten Bevölkerung so gross ist, dass auch in den Medien ständig über die Investmentchancen berichtet wird, die sich sonst kaum Wirtschafts- und Anlagethemen widmen. Oder wenn ein (neues) Thema viel Kapital anzieht und die Bewertungen der Unternehmen nur dadurch absurde Höhen erreichen, weil diese in diesem neuen, trendigen Bereich aktiv sind.

Es ist daher unerlässlich, dass die Anleger und Anlegerinnen jederzeit ihren Investitionsentscheid auf Fundamentaldaten stützen. Die Höhe des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV = Aktienkurs dividiert durch Gewinn pro Aktie) liefert erste Hinweise. Ist es auf einem Niveau, das deutlich höher ist als in anderen Branchen, muss genau hingeschaut werden. Und hier besteht ein Unterschied der KI-Unternehmen zu den Technologieunternehmen von damals: Viele etablierte, in KI aktive Konzerne weisen heute ein gesundes Gewinnwachstum auf, was die hohen Bewertungen fundamental besser unterlegt.

Diversifikation durch thematische Anlagen

Reto Stohler, Head Portfolio Advisory Europe, LGT Private Banking
Reto Stohler, LGT Private Banking

Ebenfalls oft vergessen ob all der Begeisterung für die neue Technologie geht der Grundsatz, nicht alles auf eine Karte zu setzen. Keinesfalls auf eine einzelne Aktie setzen, auch wenn dem Unternehmen eine goldene Zukunft prophezeit wird. Reto Stohler, Leiter Portfolio Advisory Europe der LGT, empfiehlt einen diversifizierten Portfolioansatz mit einer ausgewogenen Vermögensallokation: "Im Rahmen der zuvor festgelegten Allokation soll in verschiedene Arten innovativer Unternehmen und solche in unterschiedlichen Stadien investiert werden."

Aber auch branchenübergreifende Innovationen sollten in ein Portfolio aufgenommen werden: Unternehmen, die traditionelle Branchen, wie Mobilität, Gesundheit, Finanzen durch innovative Ansätze revolutionieren, sowie innovative Unternehmen aus verschiedenen Ländern, um auch eine geografische Diversifikation zu erreichen.

Ein geeigneter Ansatz, in die Fortschrittstreiber zu investieren, ist das sogenannte thematische Investieren: Es handelt sich um eine Investmentstrategie, die systematisch langfristige Trends identifiziert und es so ermöglicht, an fundamentalen Veränderungen branchenübergreifend zu partizipieren.

Megatrends bieten Orientierungshilfe

Megatrends sind langfristige, tiefgreifende und globale Veränderungen, welche die gesamte Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie sowie Umwelt und Kultur über Jahrzehnte massgeblich beeinflussen und grundlegende Auswirkungen auf Unternehmen, Märkte und menschliches Verhalten haben. Für thematische Anlagen lassen sich Megatrends wie digitale Transformation und technologischer Fortschritt, Klimawandel, Nachhaltigkeit, Geopolitik, Demografie, und sozialer und kultureller Wandel definieren.

Ein thematischer Ansatz hilft, Unternehmen zu identifizieren, die diese Trends aktiv vorantreiben und von ihnen profitieren. 

Innovation immer im Blick behalten

Georg Ruzicka, Head Thematic Investing Europe, LGT Private Banking
Georg Ruzicka, LGT Private Banking

Doch Innovation beschränkt sich nicht auf fundamentale Umwälzungen oder die Digitalisierung. "Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen sich die Unternehmen stets weiterentwickeln und ihr Angebot verbessern", sagt Leiter Thematic Investing Europe bei der LGT Georg Ruzicka. Doch wie wissen wir, ob "unsere" Unternehmen im Portfolio innovativ genug sind, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten?

Indikatoren für unternehmerische Innovation sind beispielsweise die Höhe der Investitionen im Verhältnis zum Umsatz, die Höhe der Forschungs- und Entwicklungsausgaben oder der Anteil junger Produkte am gesamten Produktportfolio respektive am Umsatz. Je nach Industrie hat auch die Zahl der Patente eine Aussagekraft.

Ein Warnsignal für eine nachlassende Innovationskraft der Unternehmen kann gemäss Georg Ruzicka sein, wenn bislang erfolgreiche, innovative Unternehmen plötzlich beginnen, Erwartungen zu verfehlen und Marktanteile zu verlieren. "Als das iPhone auf den Markt kam, verlor der damalige Marktführer Nokia rasch und substanziell an Marktanteilen. Tritt dies ein, muss besonders genau hingeschaut und die Ursache für die sinkenden Marktanteile analysiert werden", erläutert er. "Rückblickend war es der Anfang vom Ende von Nokias Dominanz bei mobilen Endgeräten."

Es hört nie auf: Nach der Innovation ist vor der Innovation. Und auch für Anlegerinnen und Anleger gilt: Nicht nur Unternehmen müssen sich ständig neu erfinden, auch beim Investieren kann man es sich nicht leisten, nicht in Innovation zu investieren.

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