FinanzmÀrkte

Neu auf dem Börsenparkett – sofort investieren?

ARM, Birkenstock, Sandoz & Co.: Nach einer KĂ€ltephase lĂ€uft das GeschĂ€ft mit IPOs wieder heisser. Dabei sind starke Geschichten genauso wichtig wie gute Zahlen. Gelingt beides, liegt am ersten Börsentag sogar ein kleiner Hype drin. Lohnt es sich fĂŒr Anlegerinnen und Anleger, von Anfang an dabei zu sein?

Datum
Autor
Stephan Lehmann-Maldonado, Gastautor
Lesezeit
3 Minuten
Schuhe der Marke Birkenstock im Showroom der Zentrale des Unternehmens in Neustadt/Wied
Die Beteiligungsgesellschaft L Catterton, die zum Luxuskonzern LMVH gehört, hat Birkenstock im Oktober an die Börse gebracht. © Christoph Papsch/laif

Intel inside? Denkste! Die Chance hat Intel vor ĂŒber 15 Jahren verspielt. Damals gab der Konzern dem Apple-GrĂŒnder Steve Jobs einen Korb, als dieser ihn bat, Chips fĂŒr sein erstes iPhone beizusteuern. Als Resultat stecken heute in fast allen Smartphones Prozessoren, die nach dem Konzept von ARM funktionieren - ein KĂŒrzel fĂŒr: Advanced RISC Machines.

Masayoshi Son, Chairman und CEO der SoftBank Group Corp, spricht auf einer Veranstaltung in Tokio, Japan
FĂŒr Softbank, im Bild GrĂŒnder Masayoshi Son, brachte der Börsengang von Nvidia 4,9 Milliarden US-Dollar ein. © Keystone/Jiji Press/Yuma Suguro

Dennoch kennt die breite Öffentlichkeit ARM erst seit Kurzem. Das Unternehmen legte am 14. September 2023 an der US-Technologiebörse Nasdaq den bisher grössten Börsengang, oder Initial Public Offering (IPO), des Jahres hin. Die beauftragten Banken legten den Preis pro Aktie des Chip-Designers auf 51 US-Dollar fest. Erstmals flimmerte das Papier bei einem Kurs von 56.10 US-Dollar ĂŒbers Tableau der US-Nasdaq, 10 Prozent ĂŒber dem Ausgabepreis.

FĂŒr ARM war es ein Comeback. Die Aktien des Unternehmens aus Cambridge waren bereits von 1998 bis 2016 an der Börse notiert. Dann kam der japanische Investor Softbank und kaufte ARM auf. Eigentlich wollte der Softbank-GrĂŒnder Masayoshi Son sein Aktienpaket an Nvidia verkaufen. Doch der Deal scheiterte an den WettbewerbshĂŒtern. Nun hat die IPO "Notlösung" dem Technologiekonzern 4,9 Milliarden US-Dollar in die Kassen gespĂŒlt. Dabei bleibt diese 90-Prozent-Eignerin von ARM.

Plötzlich hipp - bei Investoren

Nicht nur Tech-Firmen denken ĂŒber einen Börsengang nach. Ungleich weiter in der Vergangenheit liegen die UrsprĂŒnge eines deutschen Traditionshauses, das aber nicht die Frankfurter Börse, sondern die Wall Street bevorzugt. Vor bald 250 Jahren soll der Schuhmacher Johannes Birkenstock das Fussbett fĂŒrs gleichnamige Unternehmen geschustert haben.

Barbie besucht ihre Barbie-Welt im gleichnamigen Film von Warner Bros.
Im gleichnamigen Film wechselt Barbie von Manolo Blahnik High Heels zu pinkfarbene Birkenstocks. © Entertainment Pictures/eyevine/laif

Galten die "Birkenstöcker" jahrzehntelang als Synonym fĂŒr Heiland-Sandalen, zeigt niemand Geringeres als "Barbie", dass der Image-Wandel gelungen ist: Im Film entscheidet sie sich fĂŒr ein pinkfarbenes Paar "Birkenstock".

Trotzdem sollte das nicht zu sehr ĂŒberraschen. Seit 2021 gehört Birkenstock hauptsĂ€chlich der Beteiligungsgesellschaft L Catterton, hinter welcher der Luxuskonzern LVMH steht. L Catterton gab vor dem Börsengang an, die Kontrolle ĂŒber das Latschen-Haus behalten zu wollen. Ob das auch so bleibt, nachdem Birkenstock an die Börse gestolpert ist?.

Gratis-Aktie dank Gang an die Börse

Auch die Schweizer Börse durfte sich am 4. Oktober auf Zuwachs freuen. Novartis verselbstÀndigt die Generika-Tochter Sandoz. Bei Àlteren Investoren schwingt bei diesem Namen mit, dass so einst der Pharma- und Chemie-Riese hiess, der 1996 in Novartis aufging.

Novartis erhofft sich von dem Spin-off, sich besser auf die Kernkompetenzen - patentgeschĂŒtzte "Innovative Medicines" - konzentrieren zu können. Freuen dĂŒrfen sich jedenfalls Novartis-AktionĂ€re ĂŒber diese Information: Sie erhalten pro fĂŒnf Aktien ein Sandoz-Papier geschenkt.

FrĂŒhlingserwachen an der Börse

Sandoz-Stand
Beim Spin-off von Sandoz erhielten die Novartis-AktionĂ€re fĂŒr je fĂŒnf Aktien eine Sandoz-Aktie. © DENIS/REA/laif

ARM, Birkenstock und Sandoz bilden nur die Spitze des Eisbergs. Nachdem die Zinserhöhungen letztes Jahr viele IPO-TrÀume von Unternehmen platzen liessen, warten derzeit wieder etliche Firmen auf ihre Aktienplatzierungen. Allerdings noch immer nicht so viele wie in den goldenen Börsenjahren vor dem Millennium.

Weshalb ist es fĂŒr viele Firmen gar nicht mehr so attraktiv, ihre Papiere im breiten Publikum zu streuen? "Vor allem kleinere Unternehmen verzichten heute auf einen Gang an die Börse", sagt Jay R. Ritter von der University of Florida. Er registriert seit Jahrzehnten fast jedes IPO und analysiert minutiös, wie sich die Preisbildung von Aktien nach dem IPO entwickelt.

Die letzten Jahrzehnte haben viele Risikokapitalgeber auf den Plan gerufen. Somit können sich Startups lÀnger privat finanzieren, argumentiert Ritter. "Und wenn sie rasant wachsen, lassen sie sich von einem Grosskonzern aufkaufen, statt den Börsengang anzupeilen."

Nicht von ungefÀhr zieht es viele europÀische Firmen wie Birkenstock an die Wall Street. Grosse Gewinner gab es fast ausnahmslos am US-Markt: Microsoft (1986), Amazon (1997), Nvidia (1999), Google (2004), Facebook (2012), Moderna (2018). "Vor allem in den Bereichen Biowissenschaften und Technologie haben die USA die Nase vorn", meint "Mr. IPO" Ritter. Zudem zÀhlen bei einem Börsengang nicht nur Fakten und Zahlen, sondern ebenso Geschichten und Emotionen.

Kurzer IPO-Effekt

In seinem immensen Datenfundus hat Ritter zwei Hauptmuster identifiziert. Erstens schnellen am ersten Tag eines Börsengangs die meisten Aktien hoch. Zweitens behaupten sich Grosskonzerne besser. Kleinere Firmen tendieren dazu, schlechter abzuschneiden und lĂ€ngerfristig ins Hintertreffen zu geraten. "Das gilt in Europa genauso wie in den USA", fĂŒgt Ritter hinzu.

Jay R. Ritter von der University of Florida registriert BörsengÀnge und analysiert, wie sich die Preisbildung entwickelt
Jay R. Ritter von der University of Florida analysiert die Preisentwicklung bei BörsengÀngen

Konkret lagen die Aktienkurse nach BörsengĂ€ngen an der Nasdaq von 2008 bis 2022 zu 69 Prozent ĂŒber dem Ausgabepreis der Aktie. Wer sich die Papiere noch wĂ€hrend der Zeichnungsfrist sicherte oder am ersten Tag rasch einstieg, konnte im Schnitt eine Rendite von gut 30 Prozent herausholen.

Die Outperformance frischer Aktien hĂ€lt bis zu drei Monate an. Dann verpufft der Effekt. LĂ€ngerfristig weicht die Euphorie der NĂŒchternheit. Drei Jahre nach dem Börsengang schnitten 64 Prozent der Aktien sogar 10 Prozent schlechter als der Gesamtmarkt ab. "Das PhĂ€nomen lĂ€sst sich in Europa Ă€hnlich beobachten wie in den USA", weiss Ritter.

Kritische Grösse entscheidend

Ein Mahnmal dafĂŒr, dass frĂŒher Erfolg kein Garant fĂŒr die Zukunft ist, bildet fĂŒr ihn die Aktie von Cisco Systems. Sie entfachte nach dem Börsengang 1990 ein Kursfeuerwerk, dĂŒmpelt aber seit anno 2000 vor sich hin. Fazit: "Anlegerinnen und Anleger sollten jedes Unternehmen individuell unter die Lupe nehmen."

Wer auf ARM, Birkenstock oder Sandoz schielt, kann sich immerhin damit trösten, dass diese die nach Ritter "kritische Grösse" erreichen.

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