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Shubham Nemani von LGT Wealth India führt durch seine Heimatstadt Mumbai - im Zugabteil. Denn im Pendlerzug wird die Megacity plötzlich klein.
Mumbai wartet nicht auf dich. Das habe ich früh gelernt - wenn auch nicht früh genug, um am ersten Tag meines Studiums in den richtigen Zug einzusteigen.
An jenem Morgen kam ich mit der ganzen nervösen Energie eines neuen Studenten am Bahnhof an. Ich überlegte mir, ob ich meinen Seminarraum finden würde, wie meine Kommilitonen wohl sein würden, ob ich zu ihnen passen würde. Mitten in all diesen Gedanken stieg ich in einen Zug ein. Und bemerkte zu spät: Es war ein Schnellzug.
In Mumbai ist das kein unwesentliches Detail.
Der Zug raste an der Station vorbei, an der ich hätte aussteigen sollen. Ich sah dem Bahnhof beim Verschwinden zu, während ich versuchte zu begreifen, wohin ich eigentlich fuhr. Schliesslich stieg ich an der nächsten Haltestelle aus und fuhr ein paar Stationen zurück.
Ich kam aufgeregt und etwas verlegen an der Hochschule an - mit meiner ersten praktischen Lektion darüber, wie Mumbai funktioniert: Bevor die Stadt dich dorthin bringt, wo du hinwillst, bringt sie dir erst einmal bei, wie du den Weg zurückfindest.
In den folgenden Jahren wurde der Nahverkehrszug - der sogenannte Mumbai Local - zu einem so selbstverständlichen Bestandteil meines Alltags, dass ich mir meinen Tag ohne ihn kaum noch vorstellen konnte. Mein Morgen drehte sich nun um den Local um 8.16 Uhr ab Goregaon, ein Vororat Mumbais. Ich wusste, wann ich das Haus verlassen musste, welches Tor zum Bahnhof ich durchschreiten sollte, wo ich stehen musste und ungefähr wo der Wagen anhalten würde.
Oft rannte ich, um ihn noch zu erwischen. Kein dramatischer Sprint, sondern der vertraute Mumbai-Halblauf, den Pendlerinnen und Pendler hier perfektioniert haben: schnell genug, um den Zug noch zu erwischen, aber kontrolliert genug, um unterwegs weder die Tasche noch die Zeitung noch die Würde zu verlieren.
Anfangs waren die Menschen im Abteil einfach nur Mitreisende. Wir erkannten uns, ohne uns zu kennen. Da war die Person, die vor mir eingestiegen war; diejenige, die immer am Fenster sass; diejenige, die sich schon zwei Haltestellen im Voraus auf das Aussteigen vorbereitete; diejenige, die trotz all der Bewegung und des Lärms innerhalb weniger Minuten einschlafen konnte.
Allmählich wurde aus dem Wiedererkennen ein Gespräch, und aus dem Gespräch wurde eine Freundschaft.
Nach einer Weile schienen sogar die Sitzplätze bestimmten Personen zu gehören. Niemand hatte sie offiziell zugewiesen, und es gab sicherlich keine Reservationsliste - aber alle wussten, wo wer sass. Die Aufteilung war im Laufe von Hunderten von Fahrten stillschweigend ausgehandelt worden. Wenn jemand fehlte, hielt ein anderes Mitglied der Gruppe den Platz für ein paar Minuten frei.
Es gab auch Rituale. Verschiedene Personen hatten festgelegte Tage, an denen sie Snacks für die Gruppe mitbrachten, und wenn jemand einmal an der Reihe war und nicht kam, fiel das sofort auf. Das Essen wurde von Hand zu Hand durch das Abteil gereicht und oft mit beeindruckender Präzision aufgeteilt.
Die bedeutungsvollsten Momente waren jedoch die ungeplanten.
Wenn das Kind von jemandem bei einer Prüfung gut abgeschnitten hatte, reichten wir Süssigkeiten herum. Gab es eine Beförderung, einen Geburtstag, eine Hochzeit oder Familienzuwachs, wurde die Neuigkeit während der Fahrt geteilt, kurz darauf folgte etwas Süsses. Wir erfuhren etwas über die Familien der anderen, ohne sie zu kennen. Das Zeugnis eines Kindes, die Gesundheit eines Elternteils oder eine bevorstehende Feier wurden Teil der gemeinsamen Unterhaltung im Abteil. Diese Freundschaften entwickelten sich in zwanzig- oder dreissigminütigen Momenten, die sich jeden Tag wiederholten.
Der Mumbai Local füllt den Raum zwischen den beiden am klarsten definierten Bereichen unseres Lebens aus: Zuhause und Arbeit. Er ist weder privat noch beruflich. Er ist das, was man manchmal als "dritten Raum" bezeichnet, auch wenn dieser Ausdruck für etwas so Instinktives fast zu formell wirkt.
Shubham Nemani ist stellvertretender Vizepräsident und Produktleiter für das internationale Business bei LGT Wealth India. Geboren und aufgewachsen in Mumbai, kennt er die Stadt und ihre Nahverkehrszüge, Cricket-Feiern, Festumzüge, nächtliche Essens-Stände und die sich ständig wandelnde Skyline nur zu gut. Er glaubt, dass Mumbais wichtigste Eigenschaft nicht ihre Geschwindigkeit oder ihr Ehrgeiz ist, sondern ihre Fähigkeit, inmitten der Bewegung Verbindungen zu schaffen.
Für uns war der Zug ein soziales Netzwerk, noch bevor soziale Netzwerke so viel von unserem Leben bestimmten. Er war ein tägliches Ritual, ein fahrendes Wohnzimmer und gelegentlich auch ein Zufluchtsort. Draussen in der Stadt mag es hektisch zugegangen sein, und am Zielort mag ein weiterer anspruchsvoller Tag gewartet haben, doch in diesem vertrauten Abteil war Zeit für ein Gespräch, einen Witz, einen Rat oder einfach die Beruhigung, dieselben Gesichter wiederzusehen.
Dieses Gefühl der Nähe bedeutet nicht, dass Mumbais Schwierigkeiten romantisiert werden sollten. Der Pendleralltag kann anstrengend sein, die Menschenmassen überwältigend und die Infrastruktur ständig auf die Probe gestellt. Doch innerhalb dieser Realitäten schaffen die Menschen Formen der Fürsorge, die leicht übersehen werden.
Jemand streckt die Hand aus, um einen Fremden sicher in ein Abteil zu ziehen. Ein Stammpassagier schickt eine Nachricht, um mitzuteilen, dass der Zug ungewöhnlich überfüllt ist. Ein Platz wird für einen älteren Reisenden frei gemacht. Wegbeschreibungen werden angeboten, noch bevor sie erfragt werden.
Mit der Zeit wird der Bahnplan zu einer Karte des eigenen Lebens. Bestimmte Bahnhöfe verbinden sich mit Schulen und Hochschulen, ersten Jobs, alten Freundschaften, Lieblingsimbissen und verschiedenen Versionen von einem selbst.
Auch in Mumbai nimmt der Zug einen solchen emotionalen Platz ein. Er ist Zeuge sowohl des Aussergewöhnlichen als auch des Alltäglichen. Er bringt die Menschen nach Weltmeisterschaftssiegen nach Hause, aber auch nach schwierigen Tagen, an denen es nichts zu feiern gibt. Er nimmt unsere Müdigkeit, unsere Aufregung, unsere Unsicherheit und unsere Erleichterung auf, ohne Fragen zu stellen, welche Version von uns selbst das Abteil betritt.
Mumbai kann überwältigend sein, weil so viel Leben auf so wenig Raum zusammengepresst ist. Doch diese Verdichtung schafft auch unerwartete Vertrautheit.
Und bevor man es merkt, ist die Reise, die man einst als Pendlerfahrt betrachtete, zu einem Teil der Heimat geworden.
Wir sind in der ganzen Welt zuhause und beschäftigen 6000 Menschen an über 40 Standorten in Australien, in Hongkong, in Irland, in Japan, in Liechtenstein, im Mittleren Osten, in Österreich, in der Schweiz, in Singapur, in Thailand und im Vereinigten Königreich.