Lifestyle

Manieren sind zentral - gerade im Business

In einer immer komplexeren Geschäftswelt beeinflussen Etikette und der richtige Umgangston mehr als den ersten Eindruck: Sie bestimmen auch den langfristigen Erfolg. 

Datum
Autor
Peter Firth, Gastautor
Lesezeit
10 Minuten

Umgangsformen im Businessalltag sorgen immer wieder für Unsicherheiten. Wir alle kennen die Situationen: Biete ich ihm das Du an oder er mir? Begrüsse ich diese Kolleginnen mit Küsschen? Wann darf ich im Büro die Anzugsjacke ausziehen? Wie verhalte ich mich korrekt auf Flugreisen, im Lift oder bei Videokonferenzen? Während der Covid-19-Pandemie stellten sich Fragen zu Umgangsformen bei der Arbeit kaum, da Galadinners und Networking-Events zwangsläufig ausfielen.

Heute ist hat sich das geändert. Im letzten Quartal 2023 sind Veranstaltungen wieder Teil der Agenda: Die Menschen geniessen den direkten gesellschaftlichen Umgang in Form von "Face-to-Face"- (f2f) oder "In-Real-Life"- (IRL). Ganz uneingeschränkt ist die Freude allerdings nicht: So einige suchen Hilfe, da sie der Gedanke an Sitzungen und gesellschaftliche Verpflichtungen ins Schwitzen bringt. Die Angst ist begründet. Wer seine Manieren ein wenig aufpoliert, fühlt sich nicht nur sicherer, sondern erhöht auch die Chancen auf eine bessere Performance und bessere Ergebnisse - für sich selbst und für das Unternehmen.

Menschen beim Anstossen während eines Abendessens
Da die Mitarbeitenden wieder vermehrt am Arbeitsplatz sitzen, investieren immer mehr Organisationen in "Anstand-Trainings". © istock/PeopleImages

Knigge 2023

Da die Mitarbeitenden wieder vermehrt am Arbeitsplatz sitzen, investieren immer mehr Organisationen in "Knigge-Trainings". Diese Trainings bringen Mitarbeitende in Sachen Etikette auf den neusten Stand. Dabei geht es nicht um Formalitäten ("Wie lautet die briefliche Anrede an einen kirchlichen Würdenträger?"), sondern um sogenannte "Soft Skills". Also darum, wie man eine E-Mail verfasst, ohne unhöflich oder ungebildet zu wirken, wie man mit Kolleginnen und Kollegen Witze reisst, ohne eine Abmahnung der HR-Abteilung zu riskieren, und welche Kleidung wann angebracht ist. Einer Umfrage von Resume Builder zufolge, die Vorlagen für Lebensläufe gestaltet, veranstalten bereits 45% aller US-amerikanischen Unternehmen solche Trainings für ihre Teams. Weitere 18% wollen bis Ende 2024 Etikette-Kurse einführen. Resume Builder geht davon aus, dass vor allem die Generation Z profitiert: Da ein Grossteil dieser Nachwuchskräfte während der Pandemie ins Erwerbsleben eingetreten ist, besteht hier wohl ein gewisser Nachholbedarf.

Frau und Mann schütteln Hände
Gute Manieren wirken inklusiv, und schliessen niemanden aus. © shutterstock/PeopleImages_Yuri A

Auch in Europa kündigt sich eine Charme-Offensive an. In der Schweiz gab es früher zahlreiche Privatschulen, sogenannte "Finishing Schools", an denen junge Damen die gesellschaftlichen Riten der Oberklasse erlernten. Heute sind diese Pensionate fast gänzlich verschwunden. Dank der Ausrichtung auf eine neue Zielgruppe - Kadermitglieder statt Debütantinnen - hat zumindest eines dieser Institute überlebt: Das "Institut Villa Pierrefeu" (IVP) bietet einen Kurs mit dem Titel "The European Art of Dining" (Die europäische Kunst zu speisen) an. Wie das Magazin The Economist berichtet, wird dieser Kurs vor allem von Kadermitgliedern aus der Finanz- und Technologiebranche besucht.  

Kein Erfolg ohne Charme

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"Geschäfte macht man nicht mit einem Unternehmen – sondern mit einem Menschen", so Etikette-Coach Jo Bryant.

Solche Kurse erleben derzeit eine Hochblüte, da der Wettbewerbsdruck im Geschäftsleben stetig steigt. Wer sich um eine vielbegehrte Stelle bewirbt, wer eine wichtige potenzielle Kundin überzeugen will, muss nicht nur Kompetenz und Sachverstand mitbringen. Ihr Gegenüber mag zwar überzeugt sein, dass Sie die nötigen beruflichen Fähigkeiten mitbringen - wenn Sie aber nicht sympathisch wirken, schwinden Ihre Chancen.

Jo Bryant ist Coach in Etikette-Fragen. In Einzelkursen vermittelt sie, wie man während Bewerbungsgesprächen oder Kundinnen und Kunden gegenüber besser auftritt. Ein einnehmendes Wesen ist der Schlüssel, sagt sie. "Schliesslich macht man keine Geschäfte mit einem Unternehmen - sondern mit einer Person. Wir entscheiden uns im Zweifelsfall immer für die Person, die uns sympathisch ist. Und gegen die anderen. Wie sonst sollte man in einem gesättigten Markt hervorstechen, in dem Dutzende Konkurrentinnen und Konkurrenten die erforderlichen Studienabschlüsse, das Fachwissen und den Spürsinn mitbringen? Es geht am Ende immer darum, wie Sie auf Ihr Gegenüber wirken."

Etikette im Generationenwechsel

Gute Manieren und geschäftlicher Erfolg korrelieren. Während der Anfangsphase der Globalisierung stellten kulturell bedingte Eigenheiten auf wichtigen Reisen gefährliche Stolperfallen dar - etwa für europäische Geschäftsleute in Hongkong.

Heute sind es auch Unterschiede zwischen den Generationen, die Geschäftsbeziehungen gefährden können. So befassen sich derzeit viele vermögende Privatpersonen mit Vermögenstransferfragen. Das Trendforschungsunternehmen The Future Laboratory hat mit seinem Research gezeigt, dass die jüngere Altersgruppe der Millenials und der GenZ - und insbesondere ihre weiblichen Vertreterinnen - sich von Vermögensverwaltern rasch abwenden, die ihre Wünsche, Bedürfnisse und Ziele nicht nachvollziehen. Laut Martin Raymond, Mitgründer von The Future Laboratory, handelt es sich hierbei auch um eine Frage der Umgangsformen.

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Trainings bringen Mitarbeitende in Sachen Etikette auf den neusten Stand. © Katharina Hesse/laif

"Interessanterweise fehlt es den Bankfachleuten und den Anwältinnen und Anwälten an den kommunikativen Fähigkeiten und dem Verständnis, wenn es darum geht, Vermögende zu beraten, die zur Generation X oder Z gehören", so Martin Raymond. "Fehlinterpretationen dessen, was das Gegenüber für erstrebenswert oder moralisch vertretbar hält, führen dazu, dass sie diese Kundinnen und Kunden verlieren."

Er unterscheidet zwischen zwei Arten von Etikette, die sich historisch entwickelt haben - einer positiven Ausprägung, die auf Konsens und ein Gefühl der Gleichstellung abzielt, und einer deutlich bösartigeren, die Menschen ausschliessen und gegenüber Eliten abgrenzen soll: "Gute Manieren sollen inklusiv wirken, statt Menschen auszuschliessen", wie er anmerkt. "Ein Verhaltenskodex diente früher dazu, dass Könige mit Bettlern verkehren konnten, ohne dass sich einer von beiden fehl am Platz fühlte. Dann aber entwickelte sich der Kodex zu einem undurchdringlichen und nicht nachvollziehbaren Dickicht von Vorschriften, sodass Nichteingeweihte ausgeschlossen wurden. In wirtschaftlicher Hinsicht ist Inklusion aber in jedem Fall der bessere Weg."

Unsere Umgangsformen lassen deutliche Rückschlüsse auf den Zustand der Wirtschaft zu. Für Fachleute ist es unabdingbar, sich immer effizienter und einfallsreicher von ihrer Konkurrenz abzuheben. Gleichzeitig spielen Umgangsformen eine immer grössere Rolle - im Jahr 2023 legen Vorgesetzte mehr Wert auf eine angenehme Arbeitsatmosphäre unter durchschnittlichen Mitarbeitenden als auf Kollegen mit Starallüren, die eitel oder streitlustig sind.

Nach wie vor kosten gute Manieren nichts. Wer sich aber nicht zu benehmen weiss, muss mit hohen Opportunitätskosten rechnen.

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