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Market View & Insights
Japan löst sich endlich aus Jahrzehnten der Deflation - und rückt zunehmend in den Fokus der Anlegerinnen und Anleger. Stefan Hofer, Chief Investment Strategist bei LGT Private Banking Asia-Pacific, erläutert, warum dieser Wandel entscheidend ist, wie die Politik reagieren dürfte und weshalb Japan einen Ausblick darauf geben könnte, was anderen entwickelten Volkswirtschaften bevorsteht.
Stefan Hofer: Diese Frage ist deshalb so zentral, weil Japan fast drei Jahrzehnte in einer Deflationsphase gefangen war - und diese prägte alles, vom Verhalten der Konsumentinnen und Konsumenten bis hin zu den Strategien der Unternehmen. Eine Inflationsrate von 2 % zu erreichen, war ein zentrales Ziel der Abenomics-Reformen unter Shinzo Abe seit 2012.
Heute gehen wir davon aus, dass Japan dieses deflationäre Regime klar hinter sich gelassen hat. Ob sich die Inflation nachhaltig bei 2 % stabilisieren wird, ist jedoch noch ungewiss. Die entscheidende Veränderung ist nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch psychologischer Natur: Die Erwartungen wandeln sich. Und sobald sich diese Denkweise verändert, erweist sie sich meist als beständig.
Japan ist die viertgrösste Volkswirtschaft der Welt und das einzige asiatische Mitglied der G7. Einst gehörte sie zu den führenden globalen Wirtschaftsmächten, doch dann prägte die Stagnation das Land über Jahrzehnte - und mit ihr auch die Deflation und eine rasch alternde Bevölkerung.
Stefan Hofer ist Chief Investment Strategist für LGT Private Banking im asiatisch-pazifischen Raum. Er ist für die Kommunikation der globalen Wirtschafts- und Marktaussichten verantwortlich und hilft bei der Festlegung von übergeordneten Anlagestrategien und -themen. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung im Bereich Investment und Vermögensverwaltung.
Nun beginnt sich dieses Bild zu ändern. Während die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger damit beginnen, die jahrelange aussergewöhnlich expansive Geldpolitik zurückzufahren und Reformen im Unternehmenssektor an Dynamik gewinnen, löst sich Japan zunehmend aus seiner langjährigen Schwächephase. Damit entsteht ein seltenes Beispiel dafür, wie sich eine entwickelte Volkswirtschaft nach einer langen Phase der Stagnation neu ausrichtet - und dies verfolgen wir nahezu in Echtzeit.
Japan hat traditionell häufige Regierungswechsel erlebt; in den vergangenen zwei Jahrzehnten gab es neun Premierminister. Diesmal ist die Ausgangslage jedoch eine andere. Sanae Takaichi verfügt über eine klare Mehrheit im Unterhaus, was der Liberaldemokratischen Partei erheblichen legislativen Handlungsspielraum verschafft.
Dennoch ist ihr fiskalischer Spielraum begrenzt. Steigende Renditen japanischer Staatsanleihen signalisieren bereits eine erhöhte Sensibilität der Märkte gegenüber zusätzlichen Ausgaben. Gleichzeitig dürfte nach dem Sieg bei vorgezogenen Neuwahlen der Druck steigen, die privaten Haushalte zu unterstützen. Es dürfte auf einen Balanceakt hinauslaufen: gezielte fiskalische Unterstützung, jedoch innerhalb der durch den Anleihemarkt gesetzten Grenzen.
Die Bank of Japan agiert in einem stärker abgestimmten wirtschaftspolitischen Umfeld als beispielsweise die Federal Reserve oder die Europäische Zentralbank. Zwar ist sie formal unabhängig, doch besteht eine enge Abstimmung mit den Prioritäten der Regierung.
Die Expertinnen und Experten der LGT analysieren laufend die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung. Mit unseren Publikationen zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen treffen Sie fundierte Anlageentscheide.
Die jüngsten Signale deuten auf ein vorsichtiges Vorgehen hin. Die Inflationsentwicklung würde eine weitere Normalisierung der Zinsen rechtfertigen, doch die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger wollen vermeiden, die Zinsen zu rasch anzuheben und damit die Erholung zu gefährden. Am wahrscheinlichsten ist daher ein graduelles Vorgehen: Die Zinsen können weiter steigen, jedoch in moderatem Tempo. Entscheidend wird die Kommunikation sein: die Märkte zu steuern, ohne Volatilität auszulösen.
Zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Es ist zwar wichtig, steigende Anleiherenditen und Inflation ernst zu nehmen, doch werden Japans Schuldendynamiken häufig missverstanden. Unter realistischen Annahmen - moderates Wachstum, eine gewisse Inflation und kontrollierte Finanzierungskosten - könnte sich die Schuldenquote im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt stabilisieren oder sogar zurückgehen. Zudem verfügt Japan über umfangreiche staatliche Finanzvermögen. Berücksichtigt man diese, reduziert sich die Schuldenquote von 230 % des BIP auf rund 130 %. Aktuell erscheinen Sorgen um die Schuldentragfähigkeit daher verfrüht. Die Struktur der japanischen Staatsverschuldung und die starke inländische Investorenbasis sorgen weiterhin für Stabilität.
Erstens das Lohnwachstum: Eine nachhaltig höhere Inflation in Japan setzt voraus, dass die Löhne spürbar und wiederkehrend steigen - dies ist das fehlende Element, das den Abschied von der Deflation dauerhaft verankern würde. Zweitens die Normalisierung der Geldpolitik: Wie rasch die Bank of Japan ihre ultralockere Geldpolitik beendet, wird Wechselkursentwicklungen, Anleihemärkte und die globale Liquidität massgeblich beeinflussen. Drittens das Verhalten der Unternehmen: Laufende Reformen der Unternehmensführung führen dazu, dass Firmen ihre Kapitaleffizienz und die Renditen für Aktionärinnen und Aktionäre verbessern. Setzt sich dieser Trend fort, könnte dies einen strukturellen Rückenwind für japanische Aktien darstellen.
Insgesamt spricht vieles dafür, dass Japan nicht mehr nur eine zyklische Geschichte ist, sondern eine strukturelle - mit grundlegend veränderten Perspektiven. Genau das macht das Land für langfristig orientierte Anlegerinnen und Anleger besonders interessant.