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Finanzmärkte

US-Wahljahr Sprengkraft für die Märkte?

Die Zwischenwahlen in den USA gelten stets als richtungsweisend - insbesondere für den jeweiligen Präsidenten. Doch auch für Anlegerinnen und Anleger sind sie von grosser Bedeutung, denn Machtverschiebungen im Kongress können die Märkte spürbar bewegen.

  • von Jürgen Lukasser, LGT Private Banking
  • Datum
  • Lesezeit 5 Minuten

Die politischen Folgen der US-Zwischenwahlen dürften weit über die Wahlurne hinausreichen und wichtige Weichen für Fiskalpolitik, Regulierung und Finanzmärkte stellen, sagt Jürgen Lukasser von LGT Private Banking. © Gregg Newton/AFP/Getty Images

Zusammenfassung

  • Die US-Zwischenwahlen 2026 könnten die Mehrheitsverhältnisse im Kongress verändern und damit den politischen Handlungsspielraum des Präsidenten entscheidend beeinflussen.
  • Für Anlegerinnen und Anleger sind die Wahlen besonders relevant, da der Kongress massgeblich über Steuerpolitik, Staatsausgaben und Infrastrukturinvestitionen entscheidet.
  • Veränderungen in wichtigen Kongressausschüssen könnten Auswirkungen auf die Regulierung von Technologieunternehmen, künstlicher Intelligenz und Datenschutz haben, während auch Energie-, Rohstoff- und Verteidigungsmärkte betroffen sein könnten.
  • Historische Erfahrungen und aktuelle politische Rahmenbedingungen sprechen dafür, dass die Republikaner ihre knappen Mehrheiten im Kongress verteidigen müssen.
  • Die Folgen der Wahl dürften vor allem in der Fiskalpolitik und der legislativen Agenda spürbar werden, während in Bereichen wie Handel, Zöllen und Einwanderungspolitik eher Kontinuität zu erwarten ist.

Im November stehen zwar keine US-Präsidentschaftswahlen an, doch die anstehenden Zwischenwahlen zählen dennoch zu den politisch entscheidenden Weichenstellungen des Landes. Zur Wahl stehen sämtliche Sitze im Repräsentantenhaus sowie ein Drittel der Sitze im Senat. Die Wahlen finden jeweils zur Mitte der vierjährigen Amtszeit des Präsidenten statt - und führen historisch betrachtet häufig zu einem Machtwechsel im Kongress.

Derzeit verfügt die Republikanische Partei sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat über die Mehrheit, wobei ihr Vorsprung im Repräsentantenhaus äusserst knapp ist. Wird der Kongress von der Partei des amtierenden Präsidenten kontrolliert, lassen sich Gesetzesvorhaben deutlich einfacher durchsetzen. Allerdings verlor die Partei des Präsidenten seit dem 20. Jahrhundert bei 36 von 38 Zwischenwahlen Sitze im Repräsentantenhaus.

Bereits wenige Verluste der Republikaner könnten im November dazu führen, dass sie die Kontrolle über eine oder sogar beide Kammern verlieren.

Der Kongress bestimmt über Steuern, Ausgaben und Investitionen

Donald J. Trump, US-Präsident
Für die Märkte ist oft weniger entscheidend, wer im Weissen Haus regiert, als welche Partei die Kontrolle über den Kongress ausübt. © Roberto Schmidt/Getty Images

Die Ergebnisse der Zwischenwahlen hatten schon immer erhebliche Bedeutung für Anlegerinnen und Anleger. Ein geteilter Kongress - also eine Situation, in der Repräsentantenhaus und Senat von unterschiedlichen Parteien kontrolliert werden - führt historisch häufig zu politischem Stillstand. Die Finanzmärkte bewerten das meist positiv, weil abrupte politische Richtungswechsel dadurch weniger wahrscheinlich werden. Kontrolliert hingegen eine Partei beide Kammern, steigt das Risiko rascher regulatorischer Veränderungen und konzentrierter politischer Eingriffe.

Der US-Kongress besteht aus zwei Kammern: dem Repräsentantenhaus als Unterhaus und dem Senat als Oberhaus. Die 435 Mitglieder des Repräsentantenhauses werden alle zwei Jahre für eine Amtszeit von zwei Jahren gewählt. Die 100 Mitglieder des Senats werden für jeweils sechs Jahre gewählt, wobei die Wahlen gestaffelt stattfinden. Dadurch wird etwa ein Drittel der Senatssitze alle zwei Jahre neu vergeben.

Die Zusammensetzung des Kongresses beeinflusst unmittelbar die Entwicklung von Steuersätzen, staatlichen Ausgabenprogrammen und Infrastrukturinvestitionen. Besonders hoch ist der finanzpolitische Einsatz in diesem Wahlzyklus, weil zentrale Bestimmungen früherer Gesetzespakete - etwa des Tax Cuts and Jobs Act von 2017, der die Unternehmenssteuern deutlich senkte - auslaufen könnten.

Folgen für Technologie- und Verteidigungssektor

Mit einem Wechsel der Mehrheitsverhältnisse verändert sich auch die Zusammensetzung wichtiger Kongressausschüsse. Dadurch könnten neue Stimmen bei Themen wie der kartellrechtlichen Regulierung grosser Technologiekonzerne, der Governance künstlicher Intelligenz oder Datenschutzgesetzen stärkeres Gewicht erhalten. Für die Bewertungen im Technologiesektor hätte dies direkte Auswirkungen.

Jürgen Lukasser, Deputy Chief Investment Officer Europe, LGT Private Banking

Jürgen Lukasser

Jürgen Lukasser ist Deputy Chief Investment Officer Europe bei LGT Private Banking in Europa. In dieser Rolle ist er mitverantwortlich für die Investment-Bereiche für LGT Kundinnen und Kunden, darunter Vermögensverwaltung, Beratung, Research, Strategie und nachhaltige Anlagen. Jürgen Lukasser verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in den Kapitalmärkten und im Fondsmanagement.

Der Senat verfügt zudem über weitreichende Kompetenzen bei der Bestätigung regulatorischer Ernennungen und von Richterinnen und Richtern für den Supreme Court sowie bei der Kontrolle staatlicher Ausgaben. Sollte sich hier die Mehrheit verschieben, könnte dies die Haltung der USA gegenüber China und den NATO-Verbündeten ebenso beeinflussen wie die amerikanische Energiepolitik - mit Folgen für Rohstoffmärkte und den Verteidigungssektor.

Folgen für Technologie- und Verteidigungssektor

Historisch betrachtet ist ein Machtwechsel in einer oder sogar beiden Kammern des Kongresses durchaus möglich. Auch andere Faktoren sprechen dafür. Besonders intensiv wird der Wettbewerb um den Senat geführt. Von den regulär zur Wahl stehenden Sitzen sowie zusätzlichen vakanten Mandaten müssen die Republikaner in diesem Zyklus mehr Sitze verteidigen. Den Demokraten würden deshalb bereits geringe Nettogewinne genügen, um die Mehrheit im Senat zurückzuerobern.

Nicht die Wahl selbst bewegt die Märkte, sondern die politischen Konsequenzen, die sich daraus für Steuern, Ausgaben und Regulierung ergeben.

Ein Indikator sticht dabei besonders hervor: die Zustimmungswerte des Präsidenten. Zwischenwahlen gelten faktisch als Referendum über die bisherige Amtsführung. Liegt die Zustimmung unter 50 %, werden Sitzverluste nahezu unvermeidlich. Offen bleibt meist nur noch die Frage, wie deutlich diese ausfallen.

Der oft zitierte "Fluch der Zwischenwahlen" ist dabei weniger Ausdruck der Qualität einzelner Kandidatinnen oder Kandidaten, der Höhe von Wahlkampfausgaben oder kurzfristiger Nachrichtenlagen, die Wahlausgänge häufig beeinflussen. Vielmehr spiegelt er eine tief verankerte strukturelle Dynamik wider: Oppositionsparteien sind bei Zwischenwahlen regelmässig stärker mobilisiert, während die Anhängerschaft des amtierenden Präsidenten häufig eine geringere Wahlbeteiligung zeigt.

Entscheidend ist nicht nur die Mehrheit

Donald J. Trump, US-Präsident
Für Anlegerinnen und Anleger können personelle Veränderungen in wichtigen Kongressausschüssen ebenso relevant sein wie ein Wechsel der Mehrheitsverhältnisse. © Jim Watson/AFP/Getty Images

Wichtig ist zudem: Nicht allein die Mehrheitsverhältnisse im Repräsentantenhaus oder Senat sind entscheidend. Ebenso relevant ist, welche Politikerinnen und Politiker Sitze gewinnen oder verlieren - denn davon hängen Führungspositionen und Ausschussbesetzungen innerhalb beider Kammern ab.

Die Aussagekraft der Zustimmungswerte des Präsidenten für den Ausgang von Zwischenwahlen ist seit Jahrzehnten bemerkenswert stabil und statistisch klar messbar. Allerdings bestimmen die Zustimmungswerte nicht, ob die Partei des Präsidenten Sitze verliert - sondern vor allem, wie stark die Verluste ausfallen. Genau diese Unterscheidung ist entscheidend für statistische Modelle, die Anlegerinnen und Anlegern unterschiedliche Szenarien aufzeigen können.

Wie hoch die Verluste ausfallen könnten

Anlegerinnen und Anleger sollten im Blick behalten, dass die Wahlen 2026 äusserst umkämpft sein dürften, da Zwischenwahlen historisch meist die Partei begünstigen, die sich in Opposition zum amtierenden Präsidenten befindet. Umso wichtiger ist es deshalb, die möglichen Folgen eines Machtwechsels im Kongress frühzeitig mitzudenken.

Besonders weitreichend wären die Konsequenzen eines Wahlausgangs für die Fiskalpolitik und die allgemeine gesetzgeberische Agenda. Dazu zählen Steuerpolitik, staatliche Ausgabenprogramme, die Schuldenobergrenze, umfassende Reformen der Sozialwerke sowie dauerhafte gesetzliche Änderungen. Gleichzeitig dürfte in Politikfeldern, die weitgehend in den Zuständigkeitsbereich der Exekutive fallen, ein gewisses Mass an Kontinuität bestehen bleiben. Dazu gehören Deregulierung, die Durchsetzung der Einwanderungspolitik, Handels- und Zollpolitik, die strategische Positionierung gegenüber China sowie ausgewählte Bereiche der Verteidigungspolitik.

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