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Market View & Insights
Wir leben heute in einer multipolaren Welt, in der nationale Sicherheit zunehmend Vorrang vor wirtschaftlicher Effizienz hat.
Die Globalisierung ist nicht tot - im Gegenteil. Aber sie wird gerade neu erfunden. Die bisherige Formel "Günstig produzieren, global verkaufen, schnell profitieren" verliert an Bedeutung. Diese Ära geht zu Ende. Stattdessen erleben wir eine Welt, in der Staaten Zölle, Exportverbote und strategische Investitionen als Instrumente der Macht einsetzen. Der Einfluss in Sektoren wie Halbleitern, Künstlicher Intelligenz (KI) und kritischen Rohstoffen ist zunehmend umkämpft. Wer in diesen Bereichen führend ist, verschafft sich strukturelle Vorteile.
Seit Anfang 2025 zeigen sich deutliche Verschiebungen in etablierten Handelsbeziehungen. Die USA und China stehen in einem strategischen Wettbewerb. Europa strebt grössere Autonomie an. Indien versucht, zwischen China und Russland zu balancieren. Die Golfstaaten diversifizieren ihre wirtschaftlichen Partnerschaften. Die Globalisierung verschwindet nicht - aber sie verändert ihr Gesicht.
Ein Blick auf das globale Handelsvolumen unterstreicht diese Entwicklung: Mit rund 44 % des weltweiten BIP bleibt es hoch, liegt jedoch leicht unter dem Vor-Pandemie-Niveau. Die Globalisierung schrumpft nicht, aber das Wachstum stagniert. Wertschöpfungsketten werden regionalisert. ASEAN, Mexiko und Osteuropa entwickeln sich zu Produktions- und Logistikhubs für die USA und Westeuropa, während China als eigenständiges Zentrum fungiert.
Gleichzeitig entstehen neue Koalitionen: die Quad-Partnerschaft zwischen den USA, Indien, Japan und Australien im Indopazifik; BRICS+, ein Zusammenschluss grosser Schwellenländer, der inzwischen auf zehn Staaten erweitert wurde; oder I2U2 mit den USA, Israel, Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Es entwickeln sich auch neue regionale Zahlungssysteme. In manchen Branchen unterliegen Handel, Technologie, Sicherheit und Energie zunehmend eigenen, neuen Regeln.
In dieser neuen multipolaren Welt geraten frühere Gewinner der Globalisierung - etwa Niedrigkosten-Produzenten oder einfache Exportindustrien - unter Druck. Dagegen gewinnen Sektoren wie Verteidigung, Infrastruktur und strategische Technologien an Bedeutung.
Für Investorinnen und Investoren stellt sich daher nicht mehr primär die Frage: "Wo ist die Produktion am günstigsten?", sondern: "Wer verfügt über strukturelle Machtpositionen?"
Chris Burger ist bei der LGT als Senior Aktienspezialist tätig, mit Fokus auf Basiskonsumgüter, Big Tech und Schweizer Aktien. Seine Themenschwerpunkte umfassen Künstliche Intelligenz, Cloud Computing, Cyber Security und Slowbalisierung.
Auch die öffentliche Wahrnehmung globaler Machtverhältnisse verändert sich. In früheren Umfragen in 13 grossen Ländern sahen rund 50 % der Befragten die USA als alleinige Supermacht. Dieser Anteil ist auf 32 % gesunken. Die multipolare Sichtweise gewinnt an Boden: 24 % sehen heute Akteure wie Indien, Europa, Russland oder die Golfstaaten als eigenständige Machtpole.
Multipolarität manifestiert sich über drei zentrale Kanäle:
Diese Entwicklungen dürften sich nicht kurzfristig umkehren. Dahinter stehen tiefgreifende strukturelle Kräfte, die Wirtschaft, Technologie und Politik nachhaltig verändern.
Ein zentraler Treiber ist der demografische Wandel. In vielen Industrieländern schrumpfen die Bevölkerungen. Sinkt die Zahl der Erwerbstätigen, kann das das langfristige Wachstum dämpfen - sofern Produktivitätsgewinne durch Automatisierung oder Innovation ausbleiben. Schwellenländer mit wachsender Bevölkerung können profitieren, aber nur dann, wenn sie Produktivitätsgewinne durch bessere Bildung und Infrastruktur realisieren.
Technologie und Sicherheit bilden das zentrale Schlachtfeld der neuen Ordnung. Im KI-Wettlauf verfügen die USA über eine starke Ausgangsposition - dank ihrer Dominanz bei Grafikprozessoren (GPUs), führenden Ökosystemen für grosse Sprachmodelle (LLMs) und dem "Stargate"-Projekt mit geplanten Investitionen von rund USD 500 Milliarden in KI-Infrastruktur. China bleibt jedoch ein ernstzunehmender Wettbewerber - mit einem grossen Binnenmarkt, eigener Technologieentwicklung und Modellen wie DeepSeek.
Analystinnen und Analysten betonen, dass die Kontrolle über KI, Quantencomputing und High-End-Chips künftig entscheidend für den Grossmachtstatus sein wird. Ebenso zentral ist die Sicherung kritischer Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Seltene Erden. Hier findet bereits ein intensiver Wettbewerb um die Vormachtstellung statt.
Die Frage ist nicht mehr, wer am meisten handelt – sondern wer die Zukunft kontrolliert.
Politisch verstärken Populismus und eine wachsende Skepsis gegenüber der Globalisierung diese Dynamik. Laut der Ipsos-Studie "World Affairs Survey" aus dem Jahr 2024 befürworten zwar weiterhin 74 % der Befragten in 30 Ländern eine internationale Zusammenarbeit (fünf Prozentpunkte weniger als im Fünfjahresdurchschnitt). 78 % wünschen sich jedoch, dass ihr Land sich stärker auf sich selbst konzentriert. Das gilt selbst für traditionelle Globalisierungsgewinner wie die USA, Grossbritannien und Australien.
Parallel dazu erodieren multilaterale Institutionen. Blockaden im Streitbeilegungssystem der Welthandelsorganisation (WTO) begünstigen bilaterale Abkommen. Analystinnen und Analysten rechnen mit zunehmendem Protektionismus, Exportkontrollen und Sanktionen, da Staaten ihre nationalen Interessen entschlossener verteidigen.
Multipolarität und technologischer Wettbewerb verändern die Entwicklung einzelner Sektoren. Einige Branchen erscheinen relativ besser positioniert als andere.
Die Halbleiterindustrie steht im Zentrum des geopolitischen Wettbewerbs um technologische Souveränität. Die USA dominieren im Chipdesign und verfügen über starke Akteure bei Speicherchips und kritischem Equipment. Taiwan führt bei der Logikchip-Fertigung, während die Niederlande und Japan Schlüsseltechnologien liefern. China investiert massiv entlang der gesamten Wertschöpfungskette - mit dem Ziel, technologisch aufzuschliessen.
Die Expertinnen und Experten der LGT analysieren laufend die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung. Mit unseren Publikationen zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen treffen Sie fundierte Anlageentscheide.
Die Regionalisierung von Lieferketten schafft neue Logistikzentren. Davon könnten Reedereien, Logistikdienstleister und Hafenbetreiber profitieren. Gleichzeitig bestehen Risiken wie Piraterie, Hafenüberlastung und steigende Treibstoffkosten.
Steigende Verteidigungsbudgets und geopolitische Spannungen begünstigen Verteidigungs- und Cybersecurity-Sektoren. Konflikte verlagern sich von grossen Bodenarmeen hin zu hochpräzisen, technologiegetriebenen Systemen und hybriden Bedrohungen. Cyberangriffe, Satellitenstörungen und Drohnen gewinnen an Bedeutung. Moderne Streitkräfte investieren zunehmend in vernetzte Sensorik, Software und Datenplattformen.
Auch Infrastruktur rückt in den Fokus: die industrielle Revitalisierung, die Energiewende und KI-Rechenzentren erfordern hohe Investitionen. Gleichzeitig bestehen erhebliche Risiken: langwierige Genehmigungsverfahren, volatile Lieferketten und geopolitische Risiken für Investorinnen und Investoren.
Die multipolare Welt ist geprägt von einem Paradigmenwechsel: Nicht mehr Kostenoptimierung, sondern nationale Sicherheit steht im Vordergrund. Lieferketten fragmentieren sich in regionale Blöcke. Die Multipolarität wird wirtschaftlich, technologisch und sicherheitspolitisch ausgefochten.
Die Kontrolle über Halbleiter, KI, kritische Rohstoffe, Energie und Infrastruktur wird zur strategischen Schlüsselressource. Die Welt wird komplexer - es ist schwieriger umsichtig zu navigieren, aber nicht unmöglich. Wer die neue Logik der Multipolarität versteht, kann Risiken besser steuern und strukturelle Gewinner identifizieren.