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Market View & Insights
"Das Wirtschaftswachstum lebt von Innovationen", heisst es oft - aber das allein genügt nicht. Die Wirtschaftsnobelpreisträger von 2025 zeigen, unter welchen Bedingungen technologischer Fortschritt tatsächlich zu nachhaltigem Wachstum führt.
Aus Anlegersicht könnte das Jahr 2026 eines der schwierigsten seit Beginn der Aufzeichnungen werden. Der Grund: Die sprichwörtliche Gans, die goldene Eier legt - das Wirtschaftswachstum -, gerät ins Straucheln. Die Gewinner der Märkte von morgen zu erkennen, wird immer schwieriger.
Für 2026 erwarten Analystinnen und Analysten eine deutliche Verlangsamung des Wachstums. Denn Handelskonflikte und geopolitische Spannungen fragmentieren die Weltwirtschaft zusehends.
Gleichzeitig versuchen die Regierungen, die oft widersprüchlichen Interessen von Bevölkerung, Unternehmen und Umwelt auszubalancieren - und das in einer Zeit des rasanten technologischen Wandels.
Die Künstliche Intelligenz (KI) stellt fast jede Branche auf den Kopf. Die Regulierungsbehörden haben Mühe, mit dem Tempo Schritt zu halten. Eine unbedachte Wettbewerbspolitik könnte die heutigen Technologie-Giganten sogar weiter stärken - und werden diese zu mächtig, dürften sie aufstrebende Unternehmen ausbremsen, was wiederum die nächste Innovationswelle brechen könnte.
Besonders herausgefordert ist die Eurozone. Bei der Entwicklung von Schlüsseltechnologien wie KI fällt sie deutlich hinter die USA und China zurück.
Der Draghi-Bericht 2024 zur Wettbewerbsfähigkeit Europas warnte bereits eindringlich vor den Folgen dieser "Innovationslücke" - unter anderem mit Blick auf die Energiewende. "Die EU ist weltweit führend im Bereich sauberer Technologien", heisst es darin. "Es ist aber nicht garantiert, dass wir diese Chance nutzen werden." Oft würden europäische Innovationen nicht durch Synergien unterstützt, sondern durch Vorschriften behindert. Das Resultat: "Es gelingt uns nicht, Ideen in kommerziellen Erfolg umzusetzen".
Vor diesem Hintergrund ist der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 2025 an die Richtigen gegangen: Die gemeinsamen Arbeiten des Trios Joel Mokyr, Philippe Aghion und Peter Howitt zeigen, unter welchen Bedingungen Innovation nachhaltiges Wachstum hervorbringt.
Demnach sind Innovationen dann erfolgreich, wenn sie "kreative Zerstörung" auslösen. Konkret bedeutet dies: Neue und bessere Technologien verdrängen alte Lösungen. Entscheidend ist laut den Preisträgern allerdings, dass dieser Prozess gesellschaftlich akzeptiert und aktiv politisch unterstützt wird.
Sonst drohe die Gefahr, "in Stagnation zurückzufallen", warnte der Vorsitzende des Nobelkomitees bei der Preisverleihung. Dieser Zustand prägte tatsächlich den grössten Teil der Menschheitsgeschichte - bis die britische industrielle Revolution im 18. Jahrhundert das Wirtschaftswachstum, wie wir es heute kennen, in Gang setzte.
Bezeichnenderweise ging die Hälfte des mit 11 Millionen SEK - über 1 Million USD - dotierten Preises an Joel Mokyr, einen amerikanisch-israelischen Wirtschaftshistoriker an der Northwestern University in den USA. In seiner Forschung hat er sich auf die Epoche bahnbrechender Umbrüche spezialisiert: die industrielle Revolution im 18. und 19. Jahrhundert.
Mokyr zeigt, dass es zwar schon davor wichtige technologische Innovationen gab - etwa Hochöfen, die im Mittelalter die Herstellung von Gusseisenprodukten wie Pflügen ermöglichten. Aber die darauffolgenden Wirtschaftswachstumsschübe blieben kurzlebig.
Damals verstanden die Menschen, dass neue Technologien funktionierten, aber nicht, warum. Und ohne dieses Verständnis konnten sie die Innovationen laut Mokyr nicht weiterentwickeln. Dazu brauchte es das Zusammenspiel von Wissenschaft, Technologie, Mechanik und einer Gesellschaft, die offen für disruptive Veränderungen war. Diese Voraussetzungen waren erst Mitte des 18. Jahrhunderts in Grossbritannien gegeben.
Seine Auszeichnung erhielt Mokyr für "die Identifizierung der Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum durch technologischen Fortschritt".
Die weiteren Preisträger waren Philippe Aghion, Professor am Collège de France und am INSEAD in Frankreich sowie an der London School of Economics, und Peter Howitt, emeritierter Professor für Sozialwissenschaften an der Brown University in den USA. Sie wurden für ihre jahrzehntelange gemeinsame Forschung zu den präzisen Mechanismen ausgezeichnet, durch die Innovation nachhaltiges Wachstum erzeugt.
Die beiden bauten auf den Erkenntnissen des grossen österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter aus dem frühen 20. Jahrhundert auf. Dieser prägte den Begriff der "schöpferischen Zerstörung" (sinngemäss auch "Restless Capitalism" genannt) und verstand Innovation als disruptiven Wachstumsmotor.
Für Schumpeter war nicht Ordnung, sondern Chaos der Ursprung von Wachstum.
Aghion und Howitt konstruierten daraus ihr eigenes Konzept des "nachhaltigen Wachstums durch kreative Zerstörung". Nachdem sie dieses 1992 vorgestellt hatten, ist es als Aghion-Howitt-Modell bekannt geworden. Es erklärt, wie Unternehmen in neue Produkte und Prozesse investieren, um ihre Vorgänger zu übertrumpfen.
Das Modell geht davon aus, dass jede Innovation die vorherige ersetzt und somit sowohl kreativ als auch destruktiv ist. Wachstum entsteht aus dem kontinuierlichen Prozess qualitätssteigernder Innovationen - der sowohl für die Innovatoren wie auch für die Gesellschaft einen Mehrwert schafft.
Das Nobelkomitee betonte die wirtschaftspolitische Relevanz des Aghion-Howitt-Modells. Es kann beispielsweise dabei helfen, soziale Sicherheitsnetze für Arbeitnehmende aufzubauen, deren Arbeitsplätze durch den technologischen Wandel bedroht sind. Ausserdem ist es nützlich, wenn es darum geht, Subventionen für die Forschung und Entwicklung auszugestalten.
Gleichzeitig offenbart das streng mathematisch-analytische Modell, wie komplex solche Entscheidungen sind. So können Subventionen auch dazu führen, dass Unternehmen andere verdrängen - obwohl ihre Produkte nur geringfügig besser sind. In diesem Fall bleibt der gesellschaftliche Nutzen minimal.
In einer aktuellen Arbeit verbindet Aghion die Theorie der kreativen Zerstörung mit Klimamodellen. Damit will er aufzeigen, warum es sinnvoll ist, die Forschung für Technologien für die grüne Wende zu subventionieren. Solche Subventionen für saubere Energien könnten die schmutzige Energie vom Markt verdrängen, wie er argumentiert. In Kombination mit einer Bepreisung von CO₂-Emissionen seien sie essenziell für die Dekarbonisierung.
Die Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften 2025 haben einige Geheimnisse eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums gelüftet: Mokyr hat gezeigt, dass neue Technologien schnell Fuss fassen müssen. Wenn sie nicht als praktisch und rentabel angesehen werden, verlieren die Menschen das Interesse. Aghion und Howitt erklären darüber hinaus, weshalb neue Technologien oft zunächst auf Widerstand stossen: Sie greifen bestehende Geschäftsmodelle an.
Innovation führt also nicht automatisch zu Wirtschaftswachstum. Entscheidend sei laut den drei Forschern vielmehr, Synergien zu fördern und die im Draghi-Bericht hervorgehobenen Hürden zu beseitigen. Ausserdem seien Märkte so zu regulieren, dass sie weder monopolistisch sind noch in ruinösem Wettbewerb ausarteten. Eine erfolgreiche Industriepolitik müsse gerecht und wirksam sein - und zugleich die kreative Zerstörung fördern.
Ob die Politik dieser Herkulesaufgabe gewachsen ist, wird die Zeit weisen.