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Nachhaltigkeit

Energie für die Welt Wie der globale Elektrizitätsbedarf gedeckt werden kann

Stromnetze sind die Lebensadern der modernen Wirtschaft - doch eine alternde Infrastruktur gerät angesichts der stark steigenden Stromnachfrage zunehmend unter Druck.

  • von Cedric Baur, Equity Specialist Europe, LGT Private Banking
  • Datum
  • Lesezeit 6 Minuten

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Der Engpass der Energiewende liegt zunehmend zwischen Erzeugung und Verbrauch - entscheidend ist, wie leistungsfähig und flexibel die Netze ausgebaut werden, sagt Cedric Baur, Aktienspezialist bei LGT Private Banking. © Shutterstock/zhengzaishuru

Zusammenfassung

  • Der weltweite Strombedarf steigt bis 2035 voraussichtlich um rund 30 % - getrieben von Elektrofahrzeugen, Rechenzentren, Industrie und Klimatisierung.
  • Parallel dazu verändert die Dekarbonisierung die Stromerzeugung grundlegend: Der Anteil von Solar- und Windenergie wächst stark, fossile Energieträger verlieren an Bedeutung.
  • Regional drohen jedoch Engpässe: Während China hohe Sicherheitsmargen aufweist, könnten sie in Europa bis 2029 gegen null sinken. Auch in Teilen der USA wird die Versorgungssicherheit zur Herausforderung.
  • Die Netzinfrastruktur wird zum kritischen Faktor: Veraltete Systeme, fehlende Übertragungskapazitäten und komplexe Genehmigungsverfahren bremsen den notwendigen Ausbau.
  • Künftig braucht es leistungsfähigere, intelligentere und flexiblere Netze, die bidirektionale Stromflüsse und wetterabhängige Einspeisung integrieren. Dieser Transformationsprozess bedarf erheblicher Investitionen.

Es ist keine Überraschung, dass der Strombedarf weltweit rasant wächst - das Zeitalter der Elektrifizierung hat längst begonnen. Dieser Megatrend gemeinsam mit der Dekarbonisierung der Stromerzeugung ist entscheidend für den weltweiten Ausbau erneuerbarer Energien. Doch kann die Stromerzeugung mit der steigenden Nachfrage Schritt halten, während die Dekarbonisierung weiter voranschreitet?

Der entscheidende Faktor hierbei ist die Netzinfrastruktur: Bieten die bestehenden Netze ausreichend Kapazität und Resilienz, um Angebot und Nachfrage auszubalancieren? Wahrscheinlich nicht - zumindest nicht ohne erhebliche Investitionen. Erforderlich sind sowohl ein umfassender Ausbau der Stromnetze als auch die Erneuerung veralteter Infrastruktur. Daraus können sich vielfältige Chancen für Unternehmen ergeben, die Netzkomponenten liefern oder Planungs-, Ausbau- und Wartungsdienstleistungen anbieten.

Elektrofahrzeuge und Rechenzentren treiben den globalen Strombedarf

Aerones, Lightrock
Der beschleunigte Ausbau von Wind- und Solarparks verschiebt Erzeugungsschwerpunkte zunehmend in entlegene Regionen - und erhöht damit die Anforderungen an Kapazität, Flexibilität und Planung der Netze. © Aerones/Lightrock

Elektrizität spielt eine immer wichtigere Rolle in unserem Alltag und für das Funktionieren der globalen Wirtschaft. Laut BloombergNEF, einem Forschungsunternehmen im Bereich Energie, wird der weltweite Stromverbrauch bis 2035 um rund 30 % steigen. Dieser Anstieg entspricht in etwa dem gesamten Stromverbrauch Chinas im Jahr 2024.

Die Haupttreiber dieser Entwicklung sind - wenig überraschend - die Elektrifizierung von Gebäuden, Elektrofahrzeuge, Rechenzentren, der Industrie sowie Klimaanlagen. Besonders dynamisch entwickelt sich der Bedarf von Rechenzentren: Ihr Stromverbrauch wächst rund dreimal so schnell wie der Gesamtmarkt. Noch dynamischer entwickelt sich nur der elektrifizierte Verkehr. Auch wenn dieser bislang einen vergleichsweisen kleinen Anteil am Gesamtverbrauch ausmacht, dürfte sich der Strombedarf in diesem Segment bis 2035 verfünffachen - vor allem aufgrund der steigenden Zahl von Elektrofahrzeugen.

Stromengpässe könnten in Europa und den USA Realität werden

Ein weiterer zentraler Aspekt der Elektrifizierung ist die Dekarbonisierung. Laut der Internationalen Energieagentur wird der Anteil fossiler Energieträger an der globalen Stromerzeugung stark sinken - von 60 % im Jahr 2024 auf 40 % im Jahr 2035. Gleichzeitig soll der Anteil an Solar- und Windenergie stark steigen - von heute 15 % auf 40 % im Jahr 2035. Der verbleibende Anteil wird durch Kern- und Wasserkraft gedeckt.

Cedric Baur, Equity Specialist, LGT Private Banking

Cedric Baur

Cedric Baur ist bei der LGT als Aktienspezialist mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit unter anderem für die Themen Klimawandel, erneuerbare Energien, Energieinfrastruktur, Wasser und Kreislaufwirtschaft verantwortlich. Sein Fokus liegt dabei auf Unternehmen aus den Sektoren Energie, Industrie und Grundstoffe.

Selbst bei fortschreitender Dekarbonisierung dürfte die globale Stromerzeugung insgesamt ausreichen, um die Nachfrage zu decken. Regional wird die Situation jedoch stark variieren. In China beispielsweise führt der massive Ausbau von Energiequellen in den kommenden Jahren voraussichtlich dazu, dass das Land weiterhin mit einer Sicherheitsmarge von 80 % bis 100 % operieren kann - es stünde also selbst zu Spitzenlastzeiten mehr Erzeugungskapazität zur Verfügung als benötigt.

In Europa hingegen könnten die Sicherheitsmargen bis 2029 gegen null sinken. Das Risiko möglicher Stromausfälle steigt. In den USA liegt die Sicherheitsmarge derzeit bei rund 30 %. In stark wachsenden Regionen wie Texas könnten die Margen jedoch bereits ab 2027 ins Negative drehen. Neue Erzeugungskapazitäten und moderne Netzinfrastruktur werden damit zu einem kritischen Faktor für die Versorgungssicherheit.

Stromnetze müssen intelligenter und flexibler werden

Der Ausbau erneuerbarer Energien rückt Stromnetze und Netzinfrastruktur zunehmend in den Mittelpunkt. Die Struktur der Stromerzeugung verändert sich grundlegend, wenn die Erzeugung nicht mehr ausschliesslich aus zentralen Kraftwerken für fossile Brennstoffe, Kernenergie oder Wasserkraft stammt.

Heute wird Strom zunehmend weit entfernt von Verbrauchszentren erzeugt - etwa in Offshore-Windparks oder grossflächigen Solaranlagen in Wüstenregionen. Gleichzeitig produzieren immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher selbst Strom, beispielsweise über Photovoltaikanlagen auf dem Dach oder über Solaranlagen mit Batteriespeicher neben Industrieanlagen oder Rechenzentren.

Der nächste Energiedurchbruch entscheidet sich im Netz - nicht im Kraftwerk.

Strom fliesst daher nicht mehr nur von der Produktion zur Konsumentin oder zum Konsumenten, sondern zunehmend in beide Richtungen, da er von den Konsumentinnen und Konsumenten selbst eingespeist werden kann. Stromnetze müssen also auch vermehrt bidirektionale Stromflüsse integrieren und flexibel steuern können.

Zudem ist die erneuerbare Stromerzeugung wetterabhängig. Sonne und Wind stehen nicht konstant zur Verfügung. Produktionsspitzen und -einbrüche müssen ausgeglichen werden, um das Potenzial erneuerbarer Energien optimal zu nutzen. Wird beispielsweise mehr Strom erzeugt als bestehende Leitungen transportieren können, entstehen Engpässe. Der Netzbetreiber muss dann den Stromfluss umleiten - was erhebliche Kosten verursachen kann. Künftig müssen Stromnetze daher nicht nur leistungsfähiger, sondern auch intelligenter und flexibler werden.

Unsere Infrastruktur ist in die Jahre gekommen

Die variable Stromerzeugung ist nur ein Faktor, der Druck auf die bestehende Strominfrastruktur ausübt. Mindestens ebenso bedeutend ist das Alter vieler bestehender Netze - insbesondere in Europa und den USA, wo rund die Hälfte der Strominfrastruktur seit mehr als 20 Jahren in Betrieb ist. Der Bau neuer Leitungen einschliesslich der notwendigen Ausrüstung ist kostenintensiv und unterliegt komplexen Planungs- und Genehmigungsverfahren. Daher kann ein erheblicher Teil der bestehenden Infrastruktur die heutigen Anforderungen nicht mehr ausreichend auf erfüllen.

Marktinformationen unserer Expertinnen und Experten

So sehen wir die Märkte

Die Expertinnen und Experten der LGT analysieren laufend die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung. Mit unseren Publikationen zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen treffen Sie fundierte Anlageentscheide.

Heute sind über 90 % der weltweiten Netze Verteilnetze, die im Mittel- und Hochspannungsbereich betrieben werden und Strom lokal an Industrie und Haushalte liefern. Künftig wird jedoch deutlich mehr Übertragungskapazität benötigt: ultrahochspannungsfähige Fernleitungen, die grosse Strommengen von erneuerbaren Energiequellen aus abgelegenen Regionen transportieren und den Spitzenbedarf unter anderem grosser Industriekunden sowie von Rechenzentren decken können.

Trotz des allgemein anerkannten Bedarfs an zusätzlicher Übertragungsnetzinfrastruktur verläuft der Ausbau nur schleppend. In Teilen Kaliforniens müssen neue Rechenzentren mehrere Jahre auf einen Netzanschluss warten - unter anderem aufgrund langwieriger Genehmigungsverfahren, des Fachkräftemangels sowie langer Lieferzeiten für Schlüsselkomponenten wie Transformatoren.

Der Umbau der Stromnetze kann attraktive Investitionschancen eröffnen

Angesichts des Bedarfs an Erneuerung und Ausbau der Stromnetze sowie ihrer Komponenten ist in den kommenden Jahren mit einem deutlichen Anstieg der Investitionen zu rechnen - voraussichtlich über bisherige Niveaus hinaus.
In diesem Umfeld könnten Unternehmen profitieren, die Komponenten für Stromnetze liefern oder entsprechende Planungs-, Ausbau- und Wartungsdienstleistungen anbieten.

Mit dem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien und dem steigenden globalen Strombedarf wächst die Bedeutung stabiler und zuverlässiger Stromnetze. Im Zuge der fortschreitenden Elektrifizierung wird der Ausbau und die Modernisierung der Netzinfrastruktur damit zu einer der zentralen Herausforderungen - und zugleich zu einer der vielversprechendsten Chancen des kommenden Jahrzehnts.

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