Abonnieren Sie unseren Insights Newsletter

Unsere Insights liefern informative, inspirierende und unterhaltsame Einsichten hinter die Kulissen von Finanz und Wirtschaft, aber auch von Gesellschaft oder Kunst. Mit dem monatlichen Newsletter bleiben Sie stets informiert.

 

Anlagestrategien

Die neue Logik der Globalisierung verstehen

Wir leben heute in einer multipolaren Welt, in der nationale Sicherheit zunehmend Vorrang vor wirtschaftlicher Effizienz hat.

  • von Chris Burger, Senior Equity Specialist Europe, LGT Private Banking
  • Datum
  • Lesezeit 6 Minuten

Wirtschaftliche Einflusszonen werden zunehmend strategisch definiert, während neue Machtpole die globale Ordnung neu austarieren, sagt Chris Burger von LGT Private Banking. © Greg Pease/Getty Images

Zusammenfassung

  • Die Globalisierung verschwindet nicht, sie verändert sich grundlegend: Nationale Sicherheit und strategische Kontrolle gewinnen gegenüber Kosteneffizienz an Priorität.
  • Wertschöpfungsketten fragmentieren sich in regionale Blöcke, während neue Allianzen und Zahlungssysteme entstehen.
  • Technologische Souveränität - insbesondere bei Halbleitern, künstliche Intelligenz und kritischen Rohstoffen - wird zur zentralen Machtressource.
  • Staaten setzen zunehmend auf Exportkontrollen, Subventionen, Reshoring und geopolitische Industriepolitik.
  • In dieser multipolaren Welt finden sich strukturelle Gewinner in Bereichen wie Technologie, Infrastruktur, Verteidigung und strategischen Lieferketten.

Die Globalisierung ist nicht tot - im Gegenteil. Aber sie wird gerade neu erfunden. Die bisherige Formel "Günstig produzieren, global verkaufen, schnell profitieren" verliert an Bedeutung. Diese Ära geht zu Ende. Stattdessen erleben wir eine Welt, in der Staaten Zölle, Exportverbote und strategische Investitionen als Instrumente der Macht einsetzen. Der Einfluss in Sektoren wie Halbleitern, Künstlicher Intelligenz (KI) und kritischen Rohstoffen ist zunehmend umkämpft. Wer in diesen Bereichen führend ist, verschafft sich strukturelle Vorteile.

Seit Anfang 2025 zeigen sich deutliche Verschiebungen in etablierten Handelsbeziehungen. Die USA und China stehen in einem strategischen Wettbewerb. Europa strebt grössere Autonomie an. Indien versucht, zwischen China und Russland zu balancieren. Die Golfstaaten diversifizieren ihre wirtschaftlichen Partnerschaften. Die Globalisierung verschwindet nicht - aber sie verändert ihr Gesicht.

Der Aufstieg regionaler Wertschöpfungsketten

Ein Blick auf das globale Handelsvolumen unterstreicht diese Entwicklung: Mit rund 44 % des weltweiten BIP bleibt es hoch, liegt jedoch leicht unter dem Vor-Pandemie-Niveau. Die Globalisierung schrumpft nicht, aber das Wachstum stagniert. Wertschöpfungsketten werden regionalisert. ASEAN, Mexiko und Osteuropa entwickeln sich zu Produktions- und Logistikhubs für die USA und Westeuropa, während China als eigenständiges Zentrum fungiert.

Grenzüberschreitende Massenmärkte basierten lange auf reibungslosem Handel - ein Modell, das durch geopolitische Fragmentierung neu bewertet wird. © Shutterstock/Caroline Ruda

Gleichzeitig entstehen neue Koalitionen: die Quad-Partnerschaft zwischen den USA, Indien, Japan und Australien im Indopazifik; BRICS+, ein Zusammenschluss grosser Schwellenländer, der inzwischen auf zehn Staaten erweitert wurde; oder I2U2 mit den USA, Israel, Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Es entwickeln sich auch neue regionale Zahlungssysteme. In manchen Branchen unterliegen Handel, Technologie, Sicherheit und Energie zunehmend eigenen, neuen Regeln.

Wer sitzt am längeren Hebel?

In dieser neuen multipolaren Welt geraten frühere Gewinner der Globalisierung - etwa Niedrigkosten-Produzenten oder einfache Exportindustrien - unter Druck. Dagegen gewinnen Sektoren wie Verteidigung, Infrastruktur und strategische Technologien an Bedeutung.

Für Investorinnen und Investoren stellt sich daher nicht mehr primär die Frage: "Wo ist die Produktion am günstigsten?", sondern: "Wer verfügt über strukturelle Machtpositionen?"

Chris Burger, Senior Equity Specialist, LGT Private Banking

Chris Burger

Chris Burger ist bei der LGT als Senior Aktienspezialist tätig, mit Fokus auf Basiskonsumgüter, Big Tech und Schweizer Aktien. Seine Themenschwerpunkte umfassen Künstliche Intelligenz, Cloud Computing, Cyber Security und Slowbalisierung.

Auch die öffentliche Wahrnehmung globaler Machtverhältnisse verändert sich. In früheren Umfragen in 13 grossen Ländern sahen rund 50 % der Befragten die USA als alleinige Supermacht. Dieser Anteil ist auf 32 % gesunken. Die multipolare Sichtweise gewinnt an Boden: 24 % sehen heute Akteure wie Indien, Europa, Russland oder die Golfstaaten als eigenständige Machtpole.

Die Instrumente der neuen Weltordnung

Multipolarität manifestiert sich über drei zentrale Kanäle:

  • Exportkontrollen und Verbote: Zwischen China und den USA hat sich eine geoökonomische Rivalität entwickelt, insbesondere rund um Halbleiter, KI-Hardware und Seltene Erden. Gleichzeitig prüfen viele Staaten Wege, ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu reduzieren.
  • Zölle und Subventionswettläufe: Unter Präsident Trump stieg das durchschnittliche US-Zollniveau im April 2025 auf 28 %, bevor es sich zum Jahresende bei 18 % einpendelte. Die EU reagierte mit Gegenzöllen im Stahlsektor. China wiederum subventioniert gezielt Schlüsselindustrien wie Batteriechemikalien und Solartechnologie.
  • Reshoring und "Friend-Shoring": Die USA setzen Anreize, um Unternehmen zu milliardenschweren Standortinvestitionen im Inland zu bewegen. In Europa werden Chips aus der EU-Produktion bevorzugt, grosse Batteriefabriken aufgebaut und kritische Pharmalieferketten nach Belgien und Frankreich zurückverlagert. China treibt mit einer zweiten Welle der "Belt and Road Initiative" Investitionen in Afrika und Zentralasien voran - mit Fokus auf Energie, kritische Mineralien und Solarprojekte.

Diese Entwicklungen dürften sich nicht kurzfristig umkehren. Dahinter stehen tiefgreifende strukturelle Kräfte, die Wirtschaft, Technologie und Politik nachhaltig verändern.

Ein zentraler Treiber ist der demografische Wandel. In vielen Industrieländern schrumpfen die Bevölkerungen. Sinkt die Zahl der Erwerbstätigen, kann das das langfristige Wachstum dämpfen - sofern Produktivitätsgewinne durch Automatisierung oder Innovation ausbleiben. Schwellenländer mit wachsender Bevölkerung können profitieren, aber nur dann, wenn sie Produktivitätsgewinne durch bessere Bildung und Infrastruktur realisieren.

Die Supermächte von morgen

Die Kontrolle über industrielle Schlüsselkapazitäten und digitale Infrastruktur entwickelt sich zum entscheidenden Faktor geopolitischer Stärke. © OpenAI

Technologie und Sicherheit bilden das zentrale Schlachtfeld der neuen Ordnung. Im KI-Wettlauf verfügen die USA über eine starke Ausgangsposition - dank ihrer Dominanz bei Grafikprozessoren (GPUs), führenden Ökosystemen für grosse Sprachmodelle (LLMs) und dem "Stargate"-Projekt mit geplanten Investitionen von rund USD 500 Milliarden in KI-Infrastruktur. China bleibt jedoch ein ernstzunehmender Wettbewerber - mit einem grossen Binnenmarkt, eigener Technologieentwicklung und Modellen wie DeepSeek.

Analystinnen und Analysten betonen, dass die Kontrolle über KI, Quantencomputing und High-End-Chips künftig entscheidend für den Grossmachtstatus sein wird. Ebenso zentral ist die Sicherung kritischer Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Seltene Erden. Hier findet bereits ein intensiver Wettbewerb um die Vormachtstellung statt.

Die Frage ist nicht mehr, wer am meisten handelt – sondern wer die Zukunft kontrolliert.

Politisch verstärken Populismus und eine wachsende Skepsis gegenüber der Globalisierung diese Dynamik. Laut der Ipsos-Studie "World Affairs Survey" aus dem Jahr 2024 befürworten zwar weiterhin 74 % der Befragten in 30 Ländern eine internationale Zusammenarbeit (fünf Prozentpunkte weniger als im Fünfjahresdurchschnitt). 78 % wünschen sich jedoch, dass ihr Land sich stärker auf sich selbst konzentriert. Das gilt selbst für traditionelle Globalisierungsgewinner wie die USA, Grossbritannien und Australien.

Parallel dazu erodieren multilaterale Institutionen. Blockaden im Streitbeilegungssystem der Welthandelsorganisation (WTO) begünstigen bilaterale Abkommen. Analystinnen und Analysten rechnen mit zunehmendem Protektionismus, Exportkontrollen und Sanktionen, da Staaten ihre nationalen Interessen entschlossener verteidigen.

Welche Branchen profitieren?

Multipolarität und technologischer Wettbewerb verändern die Entwicklung einzelner Sektoren. Einige Branchen erscheinen relativ besser positioniert als andere.

Die Halbleiterindustrie steht im Zentrum des geopolitischen Wettbewerbs um technologische Souveränität. Die USA dominieren im Chipdesign und verfügen über starke Akteure bei Speicherchips und kritischem Equipment. Taiwan führt bei der Logikchip-Fertigung, während die Niederlande und Japan Schlüsseltechnologien liefern. China investiert massiv entlang der gesamten Wertschöpfungskette - mit dem Ziel, technologisch aufzuschliessen.

Marktinformationen unserer Expertinnen und Experten

So sehen wir die Märkte

Die Expertinnen und Experten der LGT analysieren laufend die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung. Mit unseren Publikationen zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen treffen Sie fundierte Anlageentscheide.

Die Regionalisierung von Lieferketten schafft neue Logistikzentren. Davon könnten Reedereien, Logistikdienstleister und Hafenbetreiber profitieren. Gleichzeitig bestehen Risiken wie Piraterie, Hafenüberlastung und steigende Treibstoffkosten.

Eine neue Art von Verteidigung

Steigende Verteidigungsbudgets und geopolitische Spannungen begünstigen Verteidigungs- und Cybersecurity-Sektoren. Konflikte verlagern sich von grossen Bodenarmeen hin zu hochpräzisen, technologiegetriebenen Systemen und hybriden Bedrohungen. Cyberangriffe, Satellitenstörungen und Drohnen gewinnen an Bedeutung. Moderne Streitkräfte investieren zunehmend in vernetzte Sensorik, Software und Datenplattformen.

Auch Infrastruktur rückt in den Fokus: die industrielle Revitalisierung, die Energiewende und KI-Rechenzentren erfordern hohe Investitionen. Gleichzeitig bestehen erhebliche Risiken: langwierige Genehmigungsverfahren, volatile Lieferketten und geopolitische Risiken für Investorinnen und Investoren.

Eine mutige neue multipolare Welt

Die multipolare Welt ist geprägt von einem Paradigmenwechsel: Nicht mehr Kostenoptimierung, sondern nationale Sicherheit steht im Vordergrund. Lieferketten fragmentieren sich in regionale Blöcke. Die Multipolarität wird wirtschaftlich, technologisch und sicherheitspolitisch ausgefochten.

Die Kontrolle über Halbleiter, KI, kritische Rohstoffe, Energie und Infrastruktur wird zur strategischen Schlüsselressource. Die Welt wird komplexer - es ist schwieriger umsichtig zu navigieren, aber nicht unmöglich. Wer die neue Logik der Multipolarität versteht, kann Risiken besser steuern und strukturelle Gewinner identifizieren.

Auch interessant

Anlagestrategien

CapEx - über KI hinaus

Investitionsausgaben (CapEx) für langlebige Vermögenswerte wie Gebäude, Maschinen, Fahrzeuge oder Technologie waren zuletzt vor allem bei KI-bezogenen Investitionen hoch. Doch gibt es CapEx-Chancen auch jenseits der Künstlichen Intelligenz?
25_610_Experte_MikaKastenholz_neu
Anlagestrategien

Globale Märkte 2026: Aufbruch in ein neues Zeitalter

Was können Anlegerinnen und Anleger im Jahr 2026 erwarten? Mika Kastenholz, LGT Global Head Investment Solutions, teilt seine Einschätzungen zu den globalen Märkten.
Anlagestrategien

Investieren in KI? Darauf sollten Sie achten

Rechenzentren schiessen aus dem Boden, KI findet man in nahezu jeder Technologie: Die Aussichten stehen gut für jene Unternehmen, die das KI-Wachstum heute ermöglichen und für diejenigen, die es in Zukunft vorantreiben.
Anlagestrategien

"Slowbalisierung" statt Globalisierung

Mit der Reorganisation der Lieferketten zeigt sich, dass der Fokus zunehmend auf der Produktion im eigenen Land liegt und dass die Weltwirtschaftsordnung einen Paradigmenwechsel durchläuft.
Unternehmertum

Disruptive Innovationen: Zwischen Euphorie und Enttäuschung

Wenn Neues entsteht, sind Euphorie und Enttäuschung nah beieinander. Und es ist ungewiss, ob, wann und in welcher Form sich das Neue durchsetzt. Was wir tun können, um Anlagerisiken zu mindern und dennoch am Erfolg von Innovationen teilzuhaben.
Anlagestrategien

Wie Sachwerte in unsicheren Zeiten für Stabilität sorgen können

Sachwerte wie Immobilien und Infrastruktur-Anlagen können ein klassisches Aktien- und Anleihenportfolio in wirtschaftlich unsicheren Zeiten wirksam diversifizieren.
Viele verschiedenfarbige Container in einem Containerhafen, aus der Vogelperspektive sieht es wie ein Mosaik aus.
Finanzmärkte

Die aktuelle Top-Priorität: Wirtschafts- und Versorgungssicherheit

Unternehmen investieren massiv in die Sicherung der internationalen Lieferketten, während in Regierungskreisen die Neigung zu Handelsprotektionismus zunimmt. Wer anlegt, ist daher mit neuen wirtschaftlichen Risiken konfrontiert - hat aber auch grosse Chancen.
Bunte Lichter auf einem grossen offiziellen Gebäude im klassizistischen Baustil. Im Vordergrund dunkle Silhouetten von Menschen
Unternehmertum

Kreative Hotspots in aller Welt

Silicon Valley ist nicht alles. Wir stellen sechs globale Tech Hubs vor und erklären, was sie für Gründerinnen, Gründer und Start-ups attraktiv macht.
Finanzmärkte

Die ESG-Debatte neu gedacht

ESG-Investments - Anlagen, die auch Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien erfüllen - sorgen seit Jahren für hitzige Debatten: Können sie sinnvolle Renditen erzielen und gleichzeitig drängende globale Herausforderungen angehen? Und revolutionieren sie unsere Finanzstrategien wirklich - oder...