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Market View & Insights
In Las Vegas mangelt es nicht an Nervenkitzel und Neuheiten. Zwischen Resorts, Casinos, Restaurants und Shows können Besucherinnen und Besucher ihre Tage mit jeder Form von Unterhaltung füllen, die ihnen gerade zusagt. Und doch versammelten sich Mitte Juli mehrere Hundert Menschen im Wynn Hotel zu etwas, das in diesem Zentrum endloser Ablenkung zunächst fehl am Platz wirkt - einem Schachturnier.
Es war die jüngste Etappe des Freestyle Chess Grand Slam. Im Finale spielte Hans Niemann gegen Levon Aronian um den ersten Platz, während Magnus Carlsen und Hikaru Nakamura um Rang drei antraten. In einer Neuerung für den Grand Slam wurden die Finalisten von einem Livepublikum begleitet. Die Zuschauer sassen nur wenige Meter von den Spielern entfernt, Kopfhörer auf den Ohren, die Blicke wechselnd zwischen den Kontrahenten und den riesigen Bildschirmen, auf denen jeder Zug zu sehen war. Für das Publikum zu Hause teilten sich digitale Schachbretter den Bildschirm mit Nahaufnahmen der Spieler, tief angesetzten Kameraperspektiven vom Brett aus sowie einem fortlaufenden Strom aus Kommentaren und Analysen.
Am Ende gewann Aronian das Turnier, Carlsen wurde Dritter. Bei der Siegerehrung standen die drei Bestplatzierten mit übergrossen Schecks auf der Bühne, während Jan Henric Buettner, der deutsche Unternehmer, der das Turnier gemeinsam mit Carlsen gegründet hat, kommende Stationen ankündigte - mit einem Höhepunkt in Südafrika im Dezember. Zugleich deutete er Anpassungen am Format an. Denn so gross das Spektakel auch ist: Der Grand Slam befindet sich noch im Aufbau.
Buettners Ziel ist es, eines der ältesten Spiele der Welt in ein globales Event auf Augenhöhe mit der Formel 1 zu verwandeln - inklusive Austragungsorten in aller Welt, prominenter Teilnehmer und luxuriöser VIP-Pakete.
"Natürlich haben wir es viel einfacher", sagt er einige Tage nach dem Turnier am Telefon. Die Formel 1 brauche Rennstrecken, erklärt er, Schach hingegen vergleichsweise wenig Platz und Ausrüstung. Dennoch reist der Grand Slam mit weit mehr als nur Brettern und Figuren. Die Bühne ist gespickt mit Kameras und Fotografen, dazu kommen Trophäen, Ledersofas und bewegliche Scheinwerfer, die den Raum ausleuchten.
Diese Inszenierung richtet sich weniger an die Spieler als an das Publikum - sie soll den Freestyle Chess Grand Slam klar von klassischen Schachturnieren abheben. Und das potenzielle Publikum ist gross: Millionen Menschen weltweit spielen und verfolgen Schach bereits. Der Netflix-Erfolg "Das Damengambit" und die COVID-19-Lockdowns sorgten für einen starken Zustrom neuer Spielerinnen und Spieler. Viele traten online gegeneinander an und lernten Taktiken über YouTube-Videos einer wachsenden Zahl von Schach-Influencern.
Buettner sieht darin einen fertigen Markt. "Man muss Schach nicht erst populär machen. Es ist bereits populär", sagt er. "Es gibt ein Interesse daran, was in diesem Markt passiert. Und wenn man es zugänglicher, spannender und unterhaltsamer präsentiert, werden mehr Menschen zuschauen."
Der Versuch, neue Sportarten zu schaffen oder bestehende neu zu erfinden, ist nichts Neues. Man denke an die XFL, Arena League Football, Slamball oder die regelmässigen TV-Comebacks von Roller Derby. Städte haben sogar in E-Sports-Infrastruktur investiert - in der Hoffnung, dass Videospielwettkämpfe ebenfalls Stadien füllen können.
Ein Patentrezept gibt es nicht. Doch Michaël Mrkonjic, Sportökonom an der Eidgenössischen Hochschule für Sport, nennt drei zentrale Faktoren. Der erste ist die Beteiligung - in Vereinen und Ligen oder unter engagierten Amateuren. "Man muss sich immer fragen, welche Sportarten Kinder spielen, ohne dass man sie dazu auffordert", sagt er.
Schach hat hier einen klaren Vorteil. Laut TechCrunch spielen rund 200 Millionen Nutzerinnen und Nutzer auf Chess.com täglich etwa 20 Millionen Partien. Die Plattform ist für Schach das, was improvisierte Fussballplätze für den Rest der Welt sind - ein Ort, an dem Profis, Hobbyspieler und Zeitvertreibende gleichermassen eine Partie finden. In Flugzeugen oder Zügen ist es keine Seltenheit, über die Schulter einer fremden Person zu blicken und zu sehen, wie sie auf dem Smartphone Bauern über ein virtuelles Brett zieht.
Schach zu spielen unterscheidet sich jedoch stark davon, es zu beobachten. Ambitionierte Spieler verfolgen Turniere, um Strategien von Profis zu lernen - Aussenstehenden kann das Geschehen jedoch statisch erscheinen. "Ich habe das perfekte Schlafmittel gefunden, indem ich zwei Leuten beim Schachspielen zugesehen habe", scherzt Buettner und erinnert sich an ein Turnier vor einigen Jahren.
Hier kommt das "Freestyle" im Freestyle Chess Grand Slam ins Spiel. Das Format, auch als Chess960 bekannt und vom früheren Weltmeister Bobby Fischer popularisiert, randomisiert die Anfangsstellung aller Figuren ausser der Bauern. Damit werden etablierte Eröffnungen und Verteidigungen ausgehebelt. "Als jemand, der die Kreativität des Schachs schätzt, wollte ich diesen Aspekt stärker in den Fokus rücken", schrieb Carlsen in The Economist. "Der faszinierendste Aspekt des Grand Slam ist nicht der Austragungsort oder die Teilnehmer. Es ist das Format."
Carlsen spricht von einer "Wiederbelebung des Sports". Die ungewohnten Startpositionen wirken zunächst irritierend, entwickeln aber schnell ihren Reiz. Türme und Springer an neuen Plätzen zwingen die Spieler, ihre Strategien zu überdenken - und verleihen jeder Partie ein Element der Überraschung.
Ein Sport braucht nicht zwingend körperliche Dynamik, um ein Publikum zu fesseln. "Bei eher statischen Wettbewerben muss man eine Geschichte rund um den Sport entwickeln", sagt Mrkonjic. Das führt zum zweiten Erfolgsfaktor: Format und Präsentation.
Sport lebt von starken Narrativen - von Rivalitäten, Aufstiegen und unerwarteten Wendungen. Soziale Medien verstärken diese Geschichten, Fans können tief in das Leben ihrer Idole eintauchen, und Ligen inszenieren jede neue Konkurrenz als Ereignis.
Auch der reisende Charakter vieler Sportarten trägt zur Attraktivität bei. Mrkonjic verweist auf die Tour de France mit ihren eindrucksvollen Bildern. "Man kann Städte, Landschaften, unterschiedliche Wettbewerbe und eine historische Erzählung miteinander verbinden", sagt er.
Genau darauf setzt Buettner. Veranstaltungen des Freestyle Chess Grand Slam fanden bereits in Singapur, Paris und im Weissenhaus-Resort in Norddeutschland statt. Die Spitzenspieler tragen farbige Blazer, und die Übertragungen beinhalten "Beichtkabinen", in denen sie - Reality-TV-ähnlich - über Strategie und mentale Verfassung sprechen. "Wir stellen die Menschen in den Vordergrund", sagt Buettner. "Wenn man weiss, wer die Spieler sind und womit sie kämpfen, wird es viel interessanter."
Der fast siebenstündige Livestream des Finales in Las Vegas erreichte auf dem Chess24-YouTube-Kanal rund 100'000 Aufrufe. In den Kommentaren feuerten Fans ihre Favoriten an, diskutierten die Moderation und führten Gespräche, wie man sie sonst aus Stadien kennt. Danach veröffentlichten Spieler eigene Videos, Fans steuerten Analysen bei - und der Algorithmus lieferte Nachschub.
Auch Prominente sind Teil dieser Welle: Vor dem Turnier in Las Vegas veranstaltete Freestyle Chess ein Event mit dem ehemaligen NBA-Star Derrick Rose, und Bloomberg berichtete im Juni, dass mehrere bekannte Sportler inkognito auf Chess.com spielen. Wie die Formel 1, deren Popularität stark von der Netflix-Serie "Drive to Survive" profitierte, setzt auch Freestyle Chess auf Bewegtbild. Ein Produktionsteam begleitet die Turniere bereits.
Der dritte Erfolgsfaktor ist laut Mrkonjic das Live-Event selbst. Fans wollten "mit einem Erlebnis nach Hause gehen" - eines, das über das Spiel hinausgeht: Essen, Begegnungen, VIP-Angebote. Die eigentliche Konkurrenz bestehe in all den Ablenkungen unserer Zeit. "Man muss etwas finden, das das eigene Event ein bisschen cooler macht als die anderen."
An Schachturnieren mangelt es nicht. Parallel zum Freestyle Chess Grand Slam in Las Vegas veranstaltete der Weltschachverband FIDE den Frauen-Weltcup, und in Indien verzeichnete das Chennai Grand Masters zuletzt aussergewöhnlich hohe Besucherzahlen.
Buettners VIP-Modell, inspiriert vom Paddock Club der Formel 1, setzt bewusst andere Akzente: Netzwerken, Genuss, Atmosphäre. VIP-Gäste können den ganzen Tag vor Ort sein, ohne zwangsläufig eine Partie zu verfolgen. Als zusätzlicher Anreiz nehmen die Spieler selbst an VIP-Dinners teil - eine Form des Schacherlebnisses, die sowohl Fans als auch ein Lifestyle-orientiertes Publikum anspricht.
Buettner rechnet damit, dass der Freestyle Chess Grand Slam bis 2031 jährliche Einnahmen von über USD 200 Millionen erzielt - durch Sponsoring, Austragungsgebühren, Medienrechte sowie Ticket- und Merchandising-Verkäufe. Auch Wettangebote für Fans sind geplant. Nach einem Startkapital von 20 Millionen US-Dollar Venture Capital sammelt er derzeit Mittel für 2026 und erwartet im kommenden Jahr die Gewinnzone.
Mit Investitionen, prominenter Unterstützung und wachsender Fangemeinde erinnert Schach derzeit an Pickleball - eine weitere Sportart mit globalem Boom. Doch Schach reicht tiefer als jeder Trend. Es bleibt universell und demokratisch, gespielt von Menschen aller Hintergründe und auf jedem Niveau. Ob auf einer Parkbank, im Café oder online: Sein Kern bleibt bestehen - zwei Köpfe, ein Brett und der zeitlose Wettstreit der Gedanken.