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Market View & Insights
Erneuerbare Energien können ein zentraler Bestandteil der langfristigen Energielösung Europas sein. Kurzfristig bleibt die Europäische Union (EU) jedoch stark von importierten fossilen Energieträgern abhängig - und damit anfällig für geopolitische Spannungen.
Mit dem Iran-Konflikt und der daraus resultierenden Blockade der Strasse von Hormus erlebt Europa innerhalb von fünf Jahren bereits die zweite grosse Belastungsprobe bei der Energieversorgung - mit vorhersehbaren Folgen. Die Energiepreise steigen, Unternehmen geraten unter Margendruck, und Regierungen versuchen, die inflationären Auswirkungen abzufedern.
Deutlicher denn je zeigt sich, dass die Verfügbarkeit und die Kosten von Energie eine Frage der nationalen Sicherheit sind. Für Europa, das seinen Bedarf an fossilen Brennstoffen nicht aus eigener Kraft decken kann, ist eine verlässliche Energieversorgung essenziell für Verkehr, Kommunikation, Infrastruktur und Verteidigung. Gleichzeitig muss Energie bezahlbar bleiben, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie und die Kaufkraft der Konsumentinnen und Konsumenten zu sichern.
Cedric Baur ist bei der LGT als Aktienspezialist mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit unter anderem für die Themen Klimawandel, erneuerbare Energien, Energieinfrastruktur, Wasser und Kreislaufwirtschaft verantwortlich. Sein Fokus liegt dabei auf Unternehmen aus den Sektoren Energie, Industrie und Grundstoffe.
Eine höhere Energieunabhängigkeit macht erneuerbare Energien dabei zu einem wichtigen Hebel, für mehr Versorgungssicherheit, niedrigere Kosten und eine bessere Klimabilanz.
Der Energiemix Europas entwickelt sich seit Jahrzehnten zunehmend in Richtung erneuerbare Energien. Im Jahr 1965 entfielen rund 90 % des Primärenergieverbrauchs auf Kohle und Öl. In den folgenden Jahrzehnten gewannen Erdgas und Kernenergie an Bedeutung. Dank technologischer Fortschritte fassten erneuerbare Energien Ende der 1990er-Jahre Fuss. Bis 2024 stieg ihr Anteil am europäischen Primärenergieverbrauch - ohne Kernenergie - auf 22 %, und dieser Anteil wächst trotz der häufig geäusserten Kritik stetig weiter.
Seit dem Jahr 2000 ist Europas Wirtschaft weiter gewachsen und die Elektrifizierung hat zugenommen, während der Energiebedarf insgesamt stagniert. Zwar wurden Teile der energieintensiven Industrie in Entwicklungs- und Schwellenländer verlagert, doch auch die verbleibende Industrie arbeitet deutlich effizienter. Gebäude und Geräte erfüllen strengere Standards, industrielle Prozesse wurden optimiert, und Fahrzeuge verbrauchen weniger Treibstoff oder fahren vollständig elektrisch.
Auch die zunehmende Nutzung von Strom und der breitere Einsatz erneuerbarer Energien erhöhen die Effizienz des Energiesystems. Energieverluste durch Abwärme, Abgase und Reibung werden reduziert. So verlieren Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor bei der Umwandlung von Energie in Bewegung etwa siebenmal mehr Energie als Elektrofahrzeuge.
Europa hat die Möglichkeiten der Elektrifizierung bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Laut dem Energie-Thinktank Ember waren 2023 rund 22 % des Energiebedarfs der EU elektrifiziert. Weitere 67 % könnten mit heute verfügbaren Technologien wie Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen elektrifiziert werden. Norwegen erreicht bereits heute schon eine Elektrifizierungsquote von 47 %.
Trotz dieser Fortschritte bleibt die EU stark von Energieimporten abhängig. Rund 97 % ihres Öls, 85 % ihres Erdgases und 34 % ihrer Kohle stammen aus dem Ausland. Wie problematisch diese Abhängigkeit sein kann, zeigte sich nach Russlands Invasion in die Ukraine, als Europa seine Abhängigkeit von russischen Energielieferungen rasch reduzieren musste.
Die Widerstandsfähigkeit der europäischen Energieversorgung hat sich verbessert, doch Europa bleibt verwundbar. Die Schliessung der Strasse von Hormus zeigt, dass bereits ein Rückgang des globalen Ölangebots um 10 % erhebliche Preissteigerungen auslösen kann. Da sich die Preise für Öl und Gas auf globalen Märkten bilden und langfristige Lieferverträge in der Regel flexible Preisbestandteile enthalten, wirken sich Angebotsengpässe weltweit aus - nicht nur auf die unmittelbar betroffenen Abnehmer.
Die europäischen Staaten sind gegen solche Preisschocks nur begrenzt geschützt. Gasspeicher dienen in erster Linie dazu, saisonale Nachfrageschwankungen auszugleichen, nicht als Absicherung gegen grössere Versorgungsengpässe. Strategische Ölreserven reichen meist für drei bis vier Monate und werden nur zögerlich eingesetzt, selbst in Situationen wie der Schliessung der Strasse von Hormus.
Europas Energiezukunft dreht sich längst nicht mehr nur um Emissionen - sondern auch um Resilienz.
Erneuerbare Energien bieten einen gewissen Schutz, sind jedoch ebenfalls nicht frei von Abhängigkeiten. Kritische Komponenten für Solaranlagen und Batteriespeicher werden beispielsweise in grossem Umfang aus Asien importiert. Unterbrechungen dieser Lieferketten würden allerdings in erster Linie den künftigen Ausbau bremsen. Bereits installierte Windparks, Solaranlagen, Wasserkraftwerke und Batteriespeicher würden weiterlaufen und könnten die Abhängigkeit von importierten Brennstoffen verringern. Zudem sind Strommärkte deutlich regionaler organisiert als die globalen Märkte für fossile Brennstoffe und damit weniger anfällig für geopolitische Schocks.
Europas Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist nicht nur ein strategisches Risiko, sondern verursacht auch erhebliche Kosten. Selbst im Jahr 2020, das von niedrigen Preisen und schwacher Nachfrage geprägt war, gab die EU netto 167 Milliarden beziehungsweise 1.1 % ihres BIP für fossile Energieimporte aus. Im Jahr 2022 stieg diese Summe aufgrund höherer Preise auf rund USD 600 Milliarden beziehungsweise 3.5 % des BIP.
Würde Europa seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen vollständig überwinden, könnten jährlich rund USD 300 Milliarden beziehungsweise etwa 2 % des BIP für Investitionen in erneuerbare Energien oder andere Prioritäten eingesetzt werden. Kurzfristig ist das zwar unrealistisch, doch jede Verlagerung der Energieerzeugung nach Europa würde die Wertschöpfung in der Region erhöhen. Dies könnte Forschung, industrielle Aktivitäten und Beschäftigung stärken - insbesondere in Volkswirtschaften mit eher moderatem Wachstum.
Auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Stromerzeugung haben sich grundlegend verändert. Technologischer Fortschritt und Skaleneffekte haben die Kosten für Solarenergie, Windkraft an Land und Batteriespeicher deutlich gesenkt. Gleichzeitig haben CO₂-Bepreisung und geopolitische Spannungen die Kosten konventioneller Stromerzeugung erhöht. In manchen Fällen ist der Weiterbetrieb alter Kohlekraftwerke inzwischen teurer als der Bau neuer Anlagen für erneuerbare Energien.
Die Energiewende wird zunehmend zu einer wirtschaftlichen Chance - und nicht nur zu einer ökologischen Notwendigkeit.
Die Energiedebatte dreht sich nicht nur um durchschnittliche Preise, sondern auch um deren Schwankungen. Starke Ausschläge belasten Unternehmen und Haushalte gleichermassen. Stromsysteme mit einem hohen Anteil an Wind- und Solarenergie können aufgrund schwankender Wetterbedingungen grössere Preisbewegungen aufweisen. Diese lassen sich jedoch durch Speicherlösungen, Nachfragesteuerung und den Ausbau der Stromnetze abfedern. All dies kann innerhalb Europas erfolgen und so zu einem unabhängigeren und widerstandsfähigeren Energiesystem beitragen.
Die Expertinnen und Experten der LGT analysieren laufend die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung. Mit unseren Publikationen zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen treffen Sie fundierte Anlageentscheide.
Im Gegensatz dazu liegen geopolitische Schocks, welche die Versorgung mit fossilen Energieträgern beeinträchtigen, weitgehend ausserhalb der Kontrolle Europas. Ein gut gesteuertes Energiesystem mit einem höheren Anteil heimischer erneuerbarer Energien könnte deshalb für mehr Preisstabilität sorgen. Erneuerbare Energien bringen zwar eigene Herausforderungen mit sich - etwa beim Netzausbau, bei Speicherlösungen, Bewilligungsverfahren oder der Abhängigkeit von importierten Komponenten -, sie können Europas Anfälligkeit gegenüber volatilen Importen fossiler Brennstoffe langfristig jedoch reduzieren.
Die EU hat auf die Herausforderungen der vergangenen Jahre mit einer Reihe von Initiativen reagiert, die den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen und die Widerstandsfähigkeit der Energieversorgung stärken sollen. Sowohl der Krieg in der Ukraine als auch der Iran-Konflikt haben verdeutlicht, dass die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern nicht nur ein Klimaproblem ist, sondern auch eine strategische Schwachstelle darstellt.
Solange keine neue, kostengünstige und emissionsarme Energietechnologie auf den Markt kommt, dürfte sich der Ausbau erneuerbarer Energien weiter beschleunigen. Was einst vor allem als Instrument zur Emissionsreduktion galt, entwickelt sich zunehmend zu einer Strategie für tiefere Energiekosten, mehr Resilienz und stärkeres wirtschaftliches Wachstum.