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Corona-Pandemie: Kein schwarzer, sondern ein weisser Schwan

20. Mai 2020

Lesezeit: 5 Minuten

von Marc Lustenberger, Gastautor

Kein schwarzer Schwan

Ein mikroskopisch kleines Virus zwingt die Welt in die Knie. Oft kündigen sich solche unerwarteten Ereignisse bereits lange voraus an. Es gilt die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Es ist der perfekte Sturm – und praktisch niemand sah ihn kommen. Es dauerte nur wenige Wochen, bis dieser mikroskopisch kleine Organismus die ganze Welt eroberte und Milliarden von Menschen in Angst und Schrecken versetzte. Gleichzeitig infizierte das Coronavirus das Wirtschaftssystem, indem es die Arbeitnehmer und Konsumentinnen in die Quarantäne zwang, Fabriken und Märkte lahmlegte und weltweit die Börsen erschütterte.

Extrem unwahrscheinlich – extreme Konsequenzen

Im angelsächsischen Raum nennt man ein solches Ereignis einen schwarzen Schwan. Bevor die Engländer Australien entdeckten, waren sie der festen Überzeugung, dass alle Schwäne weiss seien. Der «schwarze Schwan» ist seither eine Metapher für extrem unwahrscheinliche Ereignisse. Sie sind nicht nur kaum vorhersehbar, sondern haben auch extreme Konsequenzen. Schwarze Schwäne haben das Potential, politische Umstürze, ökonomische Krisen, gesundheitliche Epidemien oder ökologische Katastrophen auszulösen. Mit dem Coronavirus und seinen Folgen erleben wir zurzeit alle hautnah, was passiert, wenn eine Pandemie und eine Wirtschaftskrise nahezu gleichzeitig die ganze Welt befallen. Welche Schlüsse müssen Investoren daraus ziehen? Sie sollten ein Buch lesen. Seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008 wird bei jeder grossen Krise das Buch «Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse» von Nassim Nicholas Taleb zitiert.

Trügerische Linearität

Der US-Finanzmathematiker und ehemalige Wall Street-Profi ist ein Querdenker, der die Schwachstellen unserer modernen Welt akribisch analysiert. Je vernetzter unsere Wirtschaft und Gesellschaft, desto gravierender seien die Auswirkungen von schwarzen Schwänen, schreibt er. Dabei stolpere der Mensch immer wieder über die trügerische Linearität von Ereignissen. Wenn etwas 1000 Mal auf ähnliche Weise funktioniert habe, gingen wir blindlings davon aus, dass dies auch beim 1001. Mal der Fall sein werde. Anschaulich beschreibt Taleb das am Beispiel eines Truthahns. Dieser wird sein Leben lang von einer Hand gefüttert und umsorgt. Bis zuletzt ist er überzeugt, in der besten aller Welten zu leben. Doch eines Morgens dreht ihm diese Hand den Hals um – weil gerade das Erntedankfest vor der Tür steht.

Der streitbare Nassim Nicholas Taleb hat in seinem Leben nicht nur zahlreiche, erfolgreiche Bücher geschrieben. Als Trader an der Wall Street und später als Berater eines Hedge Funds hat er mit seinem unkonventionellen Denken viel Geld verdient (siehe Kasten). Er setzt als Investor auf für unwahrscheinlich gehaltene Ereignisse wie Bankpleiten und den Kursverlust von sämtlichen Anlageklassen. Mit den sogenannten Black-Swan-Funds hat er dazu eine eigene Anlagekategorie geprägt. Kritiker werfen ihm vor, durch seine Finanzwetten persönlich vom Leid anderer zu profitieren. Er gilt als dünnhäutig, wenn seine Thesen in Zweifel gezogen werden und eckt damit im Wissenschaftsbetrieb an.

Weiss oder schwarz?

Es ist ein weisser Schwan

Bedenkenswert ist nun allerdings, was Taleb in einem Aufsatz in der NZZ über das Coronavirus schreibt: «Eine globale Pandemie ist klar und deutlich ein weisser Schwan – ein Ereignis, das mit Gewissheit irgendwann eintreffen wird. Solche Pandemien sind unvermeidlich, sie resultieren aus der Struktur der modernen Welt; und ihre wirtschaftlichen Folgen werden noch gravierender infolge der zunehmenden Verflechtung und der übertriebenen Optimierung.»

Pandemien sind die ganze Menschheitsgeschichte hindurch immer wieder aufgetreten, deshalb sind es weisse Schwäne, auf die es sich vorzubereiten gilt. Tatsächlich haben Taleb und einige andere Investoren ein solches Virus als mögliches Szenarium vorhergesehen und darauf gewettet. Mit SARS, Ebola und den Influenza-Viren gab es in den vergangenen Jahren mehrere Beispiele, die die exponentielle Ausbreitung einer solchen Pandemie aufzeigten. Die Regierung von Singapur hatte offenbar seine Bücher gelesen und Taleb bereits 2010 als Berater beizogen. Eine der Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit war, dass sie sich mit einem detaillierten Plan auf eine mögliche Pandemie vorbereitet. Entsprechend gut kam der Stadtstaat durch die Krise, es gelang ihm die Pandemie frühzeitig einzudämmen und die Todesrate sehr tief zu halten.

Chancen in der Krise

Was können wir von Nassim Nicolas Taleb lernen? Er setzt auf differenziertes Denken: Jede Krise und sei sie noch so gross, eröffnet auch Chancen. In seinem Buch unterscheidet er zwischen negativen und positiven schwarzen Schwänen. Negativ bezeichnet er dabei jene unvorhersehbaren Veränderungen, die einen kritischen bis existenzgefährdenden Effekt auf eine Organisation oder einen Staat haben. Umgekehrt fördern die positiven schwarzen Schwäne die Entwicklung. Dazu gehört für Taleb etwa die Entdeckung von Amerika oder die Entwicklung von Penizillin. Ein Beispiel zur aktuellen Krise wäre die viel schneller als erwartete Entwicklung eines Impfstoffes gegen Corona-Viren. Aus Investorensicht gilt es, Strategien regelmässig zu hinterfragen und nie blind der Herde nach zu trotten. Weiterhin wichtig bleibt, sich breit zu diversifizieren und für Krisenzeiten Reserven zu halten.

Es liegt wohl in der menschlichen Natur begründet, dass der Mensch schwarze Schwäne gar nicht oder erst viel zu spät erkennt. Erst im Nachhinein finden wir wortreiche Erklärungen für ihr Auftauchen. Das heisst aber nicht, dass man sich nicht auf sie vorbereiten kann. Taleb bezeichnet Schwarze Schwäne, die zu einem gewissen Grad erwartet werden können, als graue Schwäne. Zu diesen grauen Schwänen zählt der Autor «Erdbeben, Blockbuster bei Büchern und Börsencrashs». Diese lassen sich bis zu einem gewissen Grad ermitteln, wenn auch nie ganz erfassen. Wie erkennt man graue Schwäne? «Misstrauen Sie Dogmen und versuchen Sie, ausserhalb der gängigen Konzepte zu denken», schreibt Taleb.  

Das wichtigste Beispiel für einen solchen grauen Schwan ist der Klimawandel. Er wurde durch das Corona-Virus an den Rand des öffentlichen Bewusstseins gedrängt. Spätestens bei der nächsten Dürre, Überschwemmung oder einem heissen Sommer rückt es wieder in den Fokus. Die Auswirkungen des Klimawandels sind noch ungewiss, aber die Wahrscheinlichkeit gravierender Konsequenzen ist sehr hoch. Der Klimawandel mit all seinen Folgen droht die Welt noch radikaler umzuwälzen, als es das mikroskopisch kleine Coronavirus im Moment tut.

Black-Swan Fonds gehören zu den Krisengewinnern

Die sogenannten Black-Swan-Funds sind eine Kategorie, die in den Jahren der Finanzkrise mit der Gründung von Universa durch Mark Spitznagel erstmals ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückten. Universa Investments ist ein Hedgefonds, der auf den Eintritt bestimmter, extremer Ereignisse setzt und von Nassim Nicholas Taleb beraten wird. Dessen Strategie ist es, gleichzeitig Calls und Puts auf einen Aktienindex zu kaufen, jahrelang zu warten und Verluste in Kauf zu nehmen. Wenn sich der Index eines Tages massiv nach unten bewegt, spülen die Gewinne aus den Calls oder Puts schliesslich Geld in ihre Kasse. Mit dieser Strategie gehört Universa zu den grossen Gewinnern der aktuellen Krise. Gemäss Berichten von amerikanischen Medien erzielte der Fund im ersten Quartal 2020 einen Kursgewinn von sagenhaften 4’144 Prozent. Doch weil solche Ereignisse nur alle paar Jahre auftreten, ist die Performance des Funds in 99 Prozent der Zeit unterdurchschnittlich.

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