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Was ist Stil, Frau Professor Vinken?

10. August 2021

Lesezeit: 10 Minuten

von Sacha Batthyany, Gastautor

Barbara Vinken

Ein Gespräch über Stil und Stillosigkeit mit der Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Prof. Dr. Barbara Vinken.

Frau Vinken, wir alle verwenden dieses Wort tagtäglich und beurteilen verschiedenste Dinge als stilvoll – oder eben stillos. Was genau versteht man unter Stil?

Vielleicht ist es hilfreich, wenn man sich die Unterscheidung von Sprache als System von Regeln einerseits und Sprechen als jeweils konkreten Sprachgebrauch andererseits vor Augen hält, auf Französisch: langue und parole. Mit den Wörtern drücken wir uns auf je unterschiedliche Weise aus, bewegen uns aber in einer gegebenen Norm, einem Regelsystem, das wir Sprache nennen. So verhält es sich auch mit dem Stil: Wir bewegen uns in einem Regelsystem, der Mode, das wir beherrschen müssen, um es zu durchbrechen oder ein bisschen anders artikulieren zu können. Der Stil ist wie das Wort im Sinne von parole – ein individueller Ausdruck innerhalb eines Systems.

Stil wird häufig als eine Auszeichnung gehandelt. Jemand hat Stil – oder auch nicht.

Diese normative Sichtweise gibt es, aber ich kann damit wenig anfangen. Wunderbar hat der Naturwissenschaftler Comte de Buffon Stil definiert: «Le style, c’est l’homme même.» Was nichts anderes bedeutet, als dass sich im Stil der Charakter ausprägt, der sich in verschiedenen Bereichen äussert: Sprache, Kleidung, Einrichtung, Essen, Lebenskunst. So, wie man seiner Art zu sprechen nicht entkommen kann, wird man auch in einen Stil hineingeboren und saugt ihn sozusagen mit der Muttermilch ein.

Es gibt Menschen, die alles für einerlei halten und diese Unterschiede nicht wahrnehmen. 

Die gibt es fürwahr, aber die gucken nicht hin. Oder sie hängen der Ideologie an, dass Form an sich kein Wert ist und Ästhetik besser nicht existieren sollte.

Barbara Vinken
"Stil bedeutet, keine Angst zu haben, auch mal aus der Rolle zu fallen", so Prof. Dr. Barbara Vinken  © Dirk Bruniecki/laif

Ein Stil schützt uns davor, jedes Modediktat mitzumachen. Ein eigener, gefestigter Stil macht unabhängig.

Stil hat etwas mit einer gewissen Nonchalance gegenüber dem letzten Schrei zu tun. Man muss nicht jedem Trend hinterherrennen; das gibt den Mut, vielleicht auch extravagant aus der Reihe zu tanzen, auch mal zu schockieren. Stil schützt uns also nicht vor den berühmten Fehlkäufen – wir sind alle verführbar –, aber vielleicht schützt er uns davor, weder als atemloses Fashion-Victim zu enden noch die Lust am Self-Fashioning zu verlieren.

Stil muss man haben, Mode kann man kaufen, heisst es.

Das ist ganz richtig. Stil bedeutet, keine Angst zu haben, auch mal aus der Rolle zu fallen. Was die Mode vorgibt, wird durch individuelle Aneignung neu geformt – und vielleicht auch mal verformt.

In diesen Corona-Zeiten war eine Zunahme an Online-Einkäufen zu beobachten, was die Rate an Fehlkäufen wahrscheinlich erhöhte, weil alles nur mit einem einzigen Klick zu erwerben ist.

Das denke ich auch. Ich habe irgendwo gelesen, dass 70 Prozent der Kleidung, die man bestellt, wieder zurückgeschickt werden. Das ist doch verrückt, wenn man sich nur überlegt, wie viele Pakete in diesen Monaten im Kreis herumgeschickt wurden. In den USA, anders als hier, bieten auch die meisten Läden ein 14-tägiges Umtauschrecht an. Viele Leute verfallen in einen veritablen Rausch und kaufen all diese Kleider, die sie dann wieder umtauschen, um neue zu kaufen. Ein bisschen schwindelerregend.

Es ist ein Symbol unserer überhitzten Konsumkultur.

Es ist die Unfähigkeit, ein Objekt zu besetzen, es mit Liebe zu investieren. Die Objekte werden beliebig ausgetauscht, alles scheint egal, Hauptsache, man konsumiert. Und das ist, um im Thema zu bleiben, im wahrsten Sinne des Wortes stillos: Man spürt nicht mehr, was einem gut tut, worin man sich wohl fühlt, was man einfach haben muss. Es ist ein Ausdruck von Orientierungslosigkeit.

Was bedeutet Stil?

Dieser Artikel erschien erstmals im Kundenmagazin CREDO zum Thema Stil. 

Barbara Vinken lehrt als Professorin für Allgemeine und Französische Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und unterrichtete in New York, Paris und Chicago. Sie ist Kolumnistin verschiedenster Zeitungen und Autorin unzähliger Essays und Bücher über Literatur und Mode. Ihr Buch «Angezogen. Das Geheimnis der Mode» war 2014 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Dabei boomen doch all die Ratgeber und Webseiten, die uns vorgeben, was und wie wir uns zu kleiden haben. Ab vierzig darf man keine Shorts tragen, ab sechzig keine Röcke – und Kurzarmhemden sowieso nie! Was halten Sie von der sogenannten Stilpolizei?

Sagen wir es so: Das Alter ist keine Kategorie in der Mode, obwohl viele Menschen das meinen. Die frühere Ständegesellschaft kannte Status und Alter, aber diese klare Bestimmbarkeit setzte die Mode ausser Kraft. Die Biegsamkeit der Linie sei wichtiger als das Alter, so formulierte es Coco Chanel. Und das bedeutet eben: Es gibt auch Frauen in hohem Alter, die enge Lackjeans mit Plateausohle anziehen können und fantastisch aussehen, und es gibt andere, die können das nicht mal mit 20. Und was all die unsäglichen Regeln der Modeexperten angeht: Die sind mir viel zu ängstlich. Stil hat nicht zuletzt etwas mit Gefallen und Lust zu tun. Erlaubt ist, was gefällt.

Natürlich ist vieles erlaubt. Trotzdem gilt gerade ein Mann, der vielleicht mal einen farbigen Anzug trägt, statt immer nur Grau, schnell als eitler Geck.

Das hängt von der Kultur ab, in der man sich bewegt. In romanisch geprägten Kulturen dürfen auch Männer eitel, ja sogar schön sein. Da herrscht anders als in nördlich protestantisch geprägten Kulturen wie Deutschland und der Schweiz kein totales Modeverbot für den Mann.

Barbara Vinken
"Der aristokratische Mann galt lange Zeit nicht nur als das starke, sondern als das schöne, prunkende Geschlecht." © Dirk Bruniecki/laif

Der Dandy allerdings ist eine Erfindung der Engländer.

Ja, war aber ein Erfolgsschlager in Frankreich. Auch das hat mit der kulturellen Prägung zu tun. In Frankreich hat sich die Grossbourgeoisie an der Aristokratie orientiert. Auch in England übernahm das Bürgertum aristokratische Werte und damit ein Faible für Extravaganz. Wichtig für eine kulturelle Prägung ist zudem, wer die Autorität in einer Gesellschaft verkörpert. In Deutschland war das, hat Friedrich Nietzsche bemerkt, der Geistesmensch im Anzug, der Wichtigeres zu tun hat, als Gedanken darauf zu verschwenden, was er anzieht. Dieses Denkmuster ist, anders als in Italien zum Beispiel, heute noch sichtbar, gerade in intellektuellen Kreisen, in denen man tut, als hätte man Wichtigeres im Kopf, als sich um etwas so frivol Oberflächliches wie das eigene Äussere zu kümmern.

Was aber nicht so ist.

Sagen wir es mal so: Es bedarf eines sehr grossen Aufwandes, um mit seinen Kleidern zu sagen, dass man sich wenig Gedanken macht – und wenn, dann lediglich korrekt aussehen will. Es ist sogar eine ziemlich komplizierte Form der Ästhetik, mitzuteilen, dass einem Ästhetik egal ist. Bisschen scheinheilig ist das schon, dies dann zu verleugnen.

Sie sprachen vom Einfluss Nietzsches in Deutschland. Wer war stilprägend in Ländern wie Frankreich oder Italien?

Nietzsche hat die bürgerlich protestantische Ästhetik analysiert und propagiert. Der aristokratische Mann galt lange Zeit nicht nur als das starke, sondern als das schöne, prunkende Geschlecht. Dafür muss man nur ins Museum, um sich das vor Augen zu führen. Vor der Französischen Revolution kleideten die Männer sich nicht nur farbenprächtig kostbar, sie zeigten schöne Beine und oft auch ihren Po in schimmernden Seidenstrümpfen, sie trugen Schuhe mit roten Sohlen, Schleifchen und Absätzen und in der Renaissance sogar manchmal Dekolleté. Die erotische Zone des adeligen Mannes wurde im 20. Jahrhundert in die Frauenmode übertragen: Frau zeigt Bein, in Leggings sogar bis zum Schritt, wie die Männer in der Renaissance. Sie trägt Absatz, Schleifchen und rote Sohlen, wie der französische männliche Adel im Absolutismus.

Apropos Leggings. Man spricht ja vom Siegeszug der Funktionskleider. Turnschuhe zieht man heute auch ins Büro an, selbst in Kombination mit einem Anzug. Was sagt das über unsere Zeit aus?

Viele halten Turnschuhe ja für eine Abkehr strenger Kleidervorschriften. Eine Lockerung des allzu steifen Business-Looks. Aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist eine Verschärfung des modernen Sprechaktes par excellence, dass man auf die ästhetische Dimension der Kleider keinen Wert legt, sondern sich rein funktional anzieht: form follows function! Insofern verlängert die Outdoor- und Sportmode das Credo der Moderne. Funktionskleider wie Outdoorjacken mit allerlei Klettverschlüssen sind eine eigentümlich narzisstische Abkehr von seinen Mitmenschen. Und eine Abkehr von allen ästhetischen Seiten des Lebens. Kleidung muss nicht mehr schön oder bizarr sein, sondern rein funktional: atmungsintensiv und wasserabweisend.

Was hat das mit Narzissmus zu tun?

Man denkt bei Kleidern nur mehr an sich – und negiert und verleugnet den Blick des anderen. Diese fluoreszierenden Biker-Hosen in Kombination auch mit den Helmen: Fahrradfahrer erinnern heute an einen Heuschreckenschwarm, die verheerend durch die Stadt ziehen. Wehe, wer ihnen in die Quere kommt. Sie sind im höheren Auftrag ihres Selbst unterwegs. Dabei geht es ostentativ darum, dass man das eigene Ich möglichst aerodynamisch durch die Welt bringt und schweisslos unangreifbar ist.

Sind Funktionskleider nicht auch eine Folge eines Feminismus, der Lippenstift und enge Kleider ablehnt, weil es dem männlichen Blick entspricht?

Es gibt einen bestimmten Feminismus, der Mode als Inbegriff der weiblichen Selbstentfremdung sieht. Die Frau macht sich selbst zum Objekt und findet daran auch noch Gefallen. Eine Gleichberechtigung sei nur möglich, heisst es aus dieser Logik, wenn die Frau die Versklavung durch die Mode hinter sich lässt. Das war vor allen Dingen auch ein Aufbegehren gegen den bürgerlichen Heiratsmarkt. Heute gibt es innerhalb des Feminismus verschiedene Strömungen, die parallel existieren. Es gibt auch die Vorstellung, dass man gerade keine Mimikry am Männlichen betreiben will und das Stigma des Weiblichen betont, aber umbesetzt. Es waren schliesslich Feministinnen, die nicht nur Hosen, sondern auch die kürzesten Röcke getragen haben.

Titelbild: © Gunter Glücklich/laif

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