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Führungsstil und Nachfolge

13. August 2021

Lesezeit: 8 Minuten

von Ellen Sheng, Gastautorin

Jeffrey Sonnenfeld

Wie sollte ein CEO die Machtübergabe gestalten? Ein renommierter Business-Professor und Autor erläutert, was wir von antiken und literarischen Helden lernen können.

Als Jeffrey Sonnenfeld, derzeit Senior Associate Dean des Leadership-Programms an der Yale School of Management, in den späten 1970er Jahren begann, sich mit dem Thema Führung zu befassen, fiel ihm ein Phänomen auf: Eine ganze Generation großer Führungskräfte der Nachkriegszeit aus Regierung und Wirtschaft war dabei, ihre Posten zu verlassen. Es gab keine Blaupause oder Standard für das richtige Vorgehen und die Führungspersönlichkeiten wählten sehr unterschiedliche Wege. Manches Mal war dieser Weg destruktiv.  "Es ist eine Art Spoilereffekt. Als ob man den Frühstückstisch verlässt und jemand den Tisch umwirft", sagt Sonnenfeld.

Traditionell konzentrieren sich die Nachfolgeaktivitäten darauf, den besten internen Kandidaten zu identifizieren. Laut Sonnenfeld ist das aber nur die Hälfte der Diskussion. "Der Spoilereffekt ist enorm wichtig und wirkt sich kaskadenartig auf das gesamte Unternehmen aus. Je länger ich mich damit beschäftigte, desto mehr wurde mir klar, dass das Ganze viel mit der Geschichte von Helden zu tun hat", sagte er.

Diese Erkenntnis veranlasste ihn, das Buch ‘The Hero's Farewell: What Happens When CEOs Retire’ zu schreiben, in dem er sich ausführlich mit den Faktoren befasst, die die Nachfolge beeinflussen. Wie sich ein CEO verabschiedet, kann darüber entscheiden, wie erfolgreich die Machtübergabe ausfällt. Obwohl es schon 30 Jahre her ist, dass The Hero's Farewell zum ersten Mal veröffentlicht wurde, sind dessen Erkenntnisse immer noch aktuell, denn Nachfolgekonflikte sind so alt wie die Menschheitsgeschichte.

Herr Sommerfeld, was macht die Übergabe von Macht und Verantwortung so schwierig?
Untersuchungen zeigen, dass sich Top-Führungskräfte in zweierlei Hinsicht vom Rest der Menschheit unterscheiden: Einer davon ist das Streben nach Unsterblichkeit, ein anderer der ausgeprägte Drang nach Einzigartigkeit und Größe. Niemand bezeichnete Alexander als den Großen, bis er sich selbst so nannte.

Menschen hängen oft an ihrem Beruf, aber auch an den damit verbundenen Epauletten und Schärpen auf der Brust. Sie haben Mühe, sich selbst ohne ihre Titel vorzustellen. Deshalb fällt manchen Führungspersönlichkeiten das Abtreten sehr schwer. Sie fürchten den Bedeutungsverlust. 

Rückkehr aus dem Ruhestand: Winston Churchill
Rückkehr aus dem Ruhestand: Winston Churchill

Wie wirkt sich der Führungsstil auf die Nachfolge aus? 
Es gibt Führungskräfte, ich nenne sie Monarchen, die glauben, dass sie wirklich unentbehrlich ist, und  deshalb ihr Amt nicht mit Würde abgeben können. Sie sind große Baumeister, aber sie unterminieren ihre Nachfolger, weil sie diese als Bedrohung wahrnehmen. Sie sagen: "Diesen Berg habe ich gebaut. Ich zeige anderen gerne, wie man einen Berg baut. Aber nehmt nicht meinen Berg, schafft euch euren eigenen.'

Dann gibt es noch eine andere Gruppe, die ich Generäle nenne. Sie scheiden aus dem Amt, ändern dann aber ihre Meinung und kommen wieder zurück. Damit sabotieren sie ihre Nachfolger. Viele der großen Helden des Zweiten Weltkriegs kamen eingemottet aus dem Ruhestand zurück - Patton, MacArthur, Montgomery, Churchill. In der Unternehmenswelt sind es Howard Schultz von Starbucks, Phil Knight von Nike, Michael Dell. Sie sind zurückgekehrt und haben wieder grossen Einfluss genommen.

Es gibt aber auch Führungspersönlichkeiten, die in Würde weiterziehen können, ich nenne sie Botschafter. Sie unterstützen ihre Nachfolger als kooperative Partner, gewissermassen als weise ältere Staatsmänner. Die vierte Gruppe sind die Gouverneure. Sie sind nur eine begrenzte Zeit im Amt und gehen dann weiter, um etwas ganz anderes zu tun, beispielsweise wechseln sie von einem Start-up in den öffentlichen Dienst.

Welche Veränderungen oder Trends bei der Nachfolge haben Sie festgestellt, seit Sie The Hero's Farewell geschrieben haben?
Es gibt immer mehr Gouverneure, also Führungspersönlichkeiten, die in ihrem Leben noch etwas anderes tun möchten. Sie gehen nicht in den Ruhestand, sondern suchen sich andere Branchen oder Unternehmen, sei es im Private-Equity-Sektor, als Aufsichtsrat oder in gemeinnützigen Organisationen.

Aktivistische Investoren drängen oft darauf, für die Nachfolge eine externe Lösung zu finden, anstatt jemanden intern zu fördern, der lediglich als loyaler Gefolgsmann des Amtsinhabers angesehen wird. Daran nichts auszusetzen. Es funktioniert in vielen Fällen, und es ist wahrscheinlich auch heute noch die vorherrschende Form der Nachfolge. Aber wenn aktivistische Investoren darauf bestehen, dass der CEO oder der Amtsinhaber das Unternehmen verlässt und etwas ganz anderes macht, alle Verbindungen kappt, dann ist das für die meisten Unternehmen nicht unbedingt die richtige Lösung.

Viele Menschen gehen heutzutage nicht mehr in den Ruhestand. Braucht es diesen überhaupt noch?
Die Produktivität einer Person nimmt im Alter in allen Bereichen ab. Bei Wissenschaftlern eher früher, als bei Ingenieuren und Managern. Meist gibt es auch in der Mitte der Karriere einen Einbruch, aber dann kommt ein zweiter Aufschwung.

In repetivitiven Berufen sind die Leute oft ausgelaugt oder sie sind nicht gut geführt worden und hatten kein gutes Arbeitsleben. Sie können es oft nicht erwarten, da rauszukommen. Aber wenn Menschen begeistert sind von dem, was sie tun, dann möchten sie nicht unbedingt in Rente gehen. Und wir sehen immer mehr solche Menschen, die Spass an ihrer Arbeit haben. 

Elizabeth Warren: Weisheit des Alter
Elizabeth Warren: Weisheit des Alters

Wird sich etwas ändern, wenn die GenX und die Millennials in Führungsposition gelangen?
Wir haben es mit einer Generation von CEOs zu tun, den Babyboomern, die viel besser in der Lage sind, ihren Beitrag zu leisten. Die Gruppe der in den 30er Jahren Geborenen war im Amt wahrscheinlich eine viel schwächere Generation. Viele gelangten aufgrund der demographischen Lücke in  Machtpositionen. Sie wurden in den 50er Jahren volljährig und bekamen in den 60er Jahren ihre Jobs. In vielen Fällen wuchsen diese ihnen über den Kopf.

Die Millennials waren eine etwas schwächere Generation, während die Generation X eine stärkere Generation ist, die jetzt in Führungspositionen aufsteigt. Wir sehen eine Spannung zwischen den Millennials und der Generation X, aber ich würde die Baby-Boomer noch nicht abschreiben.

Wir sehen nämlich, dass plötzlich viel mehr Wert auf die Weisheit des Alters gelegt wird, ganz gleich, ob es sich um Mitch McConnell oder Nancy Pelosi, den ehemaligen Präsidenten Trump oder den heutigen Präsidenten Biden oder um Elizabeth Warren handelt - unabhängig davon, was man über ihr Politik denken mag. Aufgrund der Art und Weise, wie die Menschen leben, werden die Senioren nicht mehr so ausgegrenzt wie früher. Tatsächlich sehen wir sie in allen Sektoren in recht bedeutenden Führungspositionen.

Copyrights: Foto Statue von Winston Churchill, © Edwin Remsberg / Alamy Stock; Foto Elizabeth Warren © Keystone/Newscom, Sarah Silbiger

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