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In dieser Saison bereiste das Tonhalle-Orchester Zürich wieder einmal Japan. Vor Ort sprachen der Musikdirektor des Orchesters Paavo Järvi und Yoshitaka Nagakura, Vorsitzender und CEO von LGT Private Banking in Japan, über Tradition, das Publikum, junge Talente und die Musik als Brückenbauer.
Paavo Järvi: Es ist immer etwas Besonderes, hierher zurückzukehren. Vor 30 Jahren habe ich zum ersten Mal in Japan dirigiert. Das fühlte sich an, als würde ich eine völlig andere Welt betreten - fast wie einen anderen Planeten. Das Essen, die Traditionen, die Sprache - alles war neu für mich. Später, während meiner Zeit beim NHK-Sinfonieorchester, begann ich mich hier allmählich zu Hause zu fühlen. Was mir bis heute geblieben ist, ist der tief verwurzelte Respekt, der die japanische Kultur prägt. Im Umgang miteinander zeigt sich eine besondere Qualität, eine Form von Aufmerksamkeit und Würde. Das habe ich immer sehr geschätzt.
Paavo Järvi: Ich denke schon. In Japan ist das Publikum meist sehr ruhig und konzentriert. Man spürt, dass die Menschen auf die innere Tiefe der Musik achten - vielleicht mehr als an vielen anderen Orten. Bruckner zum Beispiel kann anspruchsvoll sein: Die Sinfonien sind lang und erfordern echte Konzentration. In Japan spürt man, dass das Publikum bereit ist, in diese Welt einzutauchen und dort zu verweilen. Es versteht diese Art von Musik auf eine sehr tiefgründige Weise.
Paavo Järvi: Ich halte das für sehr wichtig. Bei Musik geht es nie nur um die Darbietung. Es kommt auch auf Menschen an, denen Kultur am Herzen liegt - die sie bewahren, fördern und weitergeben.
Seit über 150 Jahren begeistert das Tonhalle-Orchester Zürich sein Publikum und zählt heute zu den führenden Orchestern Europas. Die Förderung von Kunst und Kultur hat auch für die Fürstliche Familie von Liechtenstein eine lange Tradition. Als Hauptsponsorin begleitet die LGT das Tonhalle-Orchester Zürich auf seinem künstlerischen Weg.
Paavo Järvi: Tradition ist von unschätzbarem Wert - aber sie muss lebendig bleiben. Sie darf nicht statisch sein. In der Musik muss Tradition bei jedem Auftritt neu belebt werden. Selbst wenn wir dasselbe Werk drei Abende hintereinander spielen, wird es jedes Mal anders klingen. Ein Konzert lebt im Augenblick, in dem, was zwischen den Musikerinnen und Musikern geschieht, in der Atmosphäre des Saals, im Publikum und in der Energie dieses ganz besonderen Abends.
Paavo Järvi: Ja. KI kann basierend auf dem, was bereits existiert, gesagt oder getan wurde, die plausibelste Lösung ermitteln. Aber bei Musik geht es nicht um die wahrscheinlichste Lösung. Es geht um Inspiration, um etwas Lebendiges, um eine neue Erfahrung, die man mit dem Publikum teilt. Sie lässt sich nicht auf Wahrscheinlichkeiten reduzieren. Beim Musizieren geht es um Intuition, Vorstellungskraft, Spannung, Timing, Zuhören und das Eingehen von Risiken. Es entfaltet sich in Echtzeit und hängt von der menschlichen Präsenz ab.
Tradition ist von unschätzbarem Wert - aber sie muss lebendig bleiben. Sie darf nicht statisch sein.
Paavo Järvi: Das ist wunderschön beschrieben. Musik kann tatsächlich etwas Architektonisches an sich haben - und gleichzeitig zutiefst emotional und menschlich sein. Vielleicht erreicht sie die Menschen deshalb so unmittelbar, sogar über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg.
Paavo Järvi: Beides erfordert Struktur und Führung. Ein Orchester braucht einen Dirigenten, der ein sehr komplexes Werk zusammenführt und seine Interpretation gestaltet. Ebenso brauchen Unternehmen Menschen, die grundlegende Entscheidungen treffen. Aber Hierarchie allein reicht nicht aus. Kommunikation ist in beiden Bereichen entscheidend: Man muss zuhören, reagieren, die Menschen verstehen, Vertrauen schaffen und an einem Strang ziehen. Ohne das kann keine Struktur Bestand haben.
Paavo Järvi: Ja. Das Unterrichten ist für mich eine grosse Freude. Ich möchte verstehen, was junge Menschen brauchen - nicht im abstrakten Sinne, sondern als Individuen. Tatsächlich lerne ich dabei auch selbst sehr viel, vielleicht sogar mehr als die Studierenden. Die Zusammenarbeit mit jüngeren Dirigentinnen und Dirigenten erneuert die eigenen Grundlagen. Sie führt einen zurück zu den grundlegenden Wahrheiten, die man im Laufe der Jahre manchmal vergisst oder nicht mehr mit dem gleichen Eifer im Blick behält. Es ist keineswegs ein einseitiger Prozess.
Paavo Järvi, geboren 1962 in Tallinn, Estland, zählt zu den bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit und arbeitet mit den besten Orchestern der Welt zusammen. Er ist Music Director des Tonhalle-Orchesters Zürich, seit 2004 Künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Gründer sowie Künstlerischer Leiter des Estonian Festival Orchestra.
Paavo Järvi: Neugier. Offenheit. Eine echte Verbindung zur Welt da draussen. Für junge Kunstschaffende ist es wichtig, im Dialog mit Europa und Amerika zu bleiben und sich mit internationalen Entwicklungen im weiteren Sinne auseinanderzusetzen. Je globaler ihre Sichtweise ist, desto facettenreicher wird ihre künstlerische Persönlichkeit. Technische Meisterschaft ist natürlich wichtig, reicht aber nicht aus. Man braucht Vorstellungskraft, Weitsicht und den Mut, über den Tellerrand hinauszuschauen.
Paavo Järvi: Ich war sehr dankbar. Menschen für ihre Arbeit zu würdigen, ist eine wunderbare Geste. Für mich war der kulturelle Austausch schon immer ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit. Dem Publikum im Ausland die Musik und Kultur meiner Heimat Estland näherzubringen, habe ich stets als Teil meiner Mission empfunden. Sehr wichtig war mir zum Beispiel, das NHK Sinfinieorchester nach Estland zu bringen. Wir haben Werke aus beiden Ländern aufgeführt, sodass daraus ein echter Austausch wurde. Ich wollte nicht nur estnische Musik in Japan vorstellen, sondern auch dem Publikum in Estland die japanische Musik näherbringen.
Paavo Järvi: Viele Erinnerungen - sowohl musikalische als auch persönliche. Eine Tournee bringt Musiker immer unglaublich eng zusammen. In Japan dürfen wir vor einem treuen und aufmerksamen Publikum auftreten. Diese Begeisterung ist einer der Faktoren, die Auftritte hier so besonders machen. Wenn ein Orchester im Ausland eine solche Verbundenheit spürt, kehrt es mit neuem Selbstvertrauen nach Hause zurück. Solche Erfahrungen bleiben einem Ensemble lange in Erinnerung.