- Home
-
Private Banking
-
Market View & Insights
Unternehmerfamilien sind eng verbunden. Viele Eltern erwarten, dass ihre Kinder irgendwann die Firma übernehmen. Doch was passiert, wenn die nächste Generation lieber ein Start-up aufbauen möchte?
Reibungslos, konfliktfrei, einvernehmlich - so wünschen sich Eltern einen Generationswechsel im Familienunternehmen. Sie hoffen, dass die Nachkommen das Unternehmen fortführen: Denn Familienunternehmen sind so definiert, dass man sie und ihre Werte in die nächste Generation tragen möchte.
Ein Grossteil der Next Generation möchte das auch: Sie ist verantwortungsvoll, bürgerlich, individuell und zeichnet sich durch Leistungsbereitschaft sowie Eigenverantwortung aus, heisst es in einem Nachfolge-Monitoring deutscher Familienunternehmen, das vor drei Jahren das Ifo-Institut veröffentlicht hat. Rund 70 % der Befragten sind demnach bereit, eine operative Führungsrolle im Unternehmen zu übernehmen. Auch alternative Rollen, wie zum Beispiel aktive Tätigkeiten in Beiräten oder Family Offices, seien für sie denkbar.
Aber in der Studie steht auch: "44 % halten eine eigene Unternehmensgründung für möglich und 23 % der Befragten schliessen nicht aus, das ererbte Unternehmen zu verkaufen."
Viele Nachkommen wollen ihren eigenen Weg gehen. "Der Trend, dass mögliche Nachfolger aus Unternehmensfamilien nach der Ausbildung gleich in das Unternehmen einsteigen, ist rückläufig", sagt Heiko Kleve vom Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) der Universität Witten/Herdecke. Er beobachtet, dass die Tendenz, zunächst einmal selbst eine Firma oder ein Start-up gründen zu wollen beziehungsweise einen eigenen Berufsweg einzuschlagen, bei der Next Generation stärker ausgeprägt ist denn je.
Die Gründe dafür sind vielfältig. "Viele sagen: Ich will eigentlich etwas Eigenes machen, bei dem ich meine Wünsche einbauen kann, und das wirklich zu mir passt", sagt Nadine Kammerlander, Leiterin des Instituts Familienunternehmen bei der WHU - Otto Beisheim School of Management. Nicht selten hat diese Neugründung der Next Generation eine stark digitale Ausrichtung oder einen Fokus auf Künstliche Intelligenz.
Andere Nachkommen wollen den Eltern und der Umwelt vor allem beweisen, dass sie von alleine etwas aufbauen und leiten können. Denn wer direkt ins Unternehmen einsteigt, dessen Position ist oft geschwächt. "Sie bekommen zu hören: Du bist ja nur Chef oder Chefin, weil du das Unternehmen von deinen Eltern bekommen hast", sagt Wirtschaftswissenschaftlerin Kammerlander. Nicht nur als Sohn oder Tochter von jemandem erfolgreich sein, sondern als eigener Unternehmer oder Unternehmerin - darum geht es vielen.
Das "Center of Excellence for Entrepreneurial Families" ist eine gemeinsame Initiative von LGT Private Banking und der "WHU - Otto Beisheim School of Management". Als innovative Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis widmet sich das Center of Excellence aktuellen Fragestellungen rund um Unternehmerfamilien, Nachfolge und Household Finance.
Auch Lebenswünsche spielen oft eine Rolle: lieber in Metropolen leben statt im ländlichen Raum, wo vielleicht das Familienunternehmen angesiedelt ist. Und in Städten lassen sich inzwischen Start-ups mit zahlreichen Hilfestellungen und Fördertöpfen leichter gründen als früher.
Natürlich gibt es auch Unternehmerfamilien, die Konflikte oder gar Zerwürfnisse erleben: Wenn das Verhältnis zu den Eltern oder Geschwistern schlecht ist, sagen manche Nachkommen: Bevor ich mich jetzt an die Familie kette, gründe ich lieber etwas Eigenes.
Die Jüngeren ticken zudem oft anders. Gerade die Generation Z (zwischen 1995 und 2012 geboren) ist oft weniger karrieregetrieben, stattdessen hat für sie Selbstverwirklichung eine hohe Priorität: "Bei vielen jungen Menschen besteht heute ein stärkeres Bedürfnis nach Sinnstiftung sowie nach einer Arbeit, bei der Themen wie Nachhaltigkeit und Flexibilität eine wichtige Rolle spielen. Gleichzeitig gibt es aber weiterhin eine sehr ambitionierte Leistungselite, für die Karriere und unternehmerischer Erfolg nach wie vor zentrale Ziele sind", sagt Julian Schenkenhofer, Juniorprofessor an der WHU.
Doch wie sagt man seinen Eltern, dass man den eigenen Weg gehen möchte?
"Ganz wichtig ist eine frühzeitige Kommunikation", rät Nadine Kammerlander. "Die Enttäuschung der Eltern wird umso grösser, je länger man als Sohn oder Tochter mit dem Gespräch wartet." Denn dann können sich über Jahre Erwartungen aufbauen, die dann enttäuscht werden. Dann bleibe auch weniger Zeit für Alternativen - etwa um externes Führungspersonal zu suchen.
Nadine Kammerlander empfiehlt der Next Gen ausserdem, Wertschätzung zu zeigen: "Die Eltern haben im Laufe ihres Lebens viel Zeit und Herzblut in das Unternehmen gesteckt, die Kinder sollten das nicht abtun - etwa mit herablassenden Sprüchen wie zum Beispiel, dass es in der Firma noch immer an Digitalisierung mangele", warnt sie.
Stattdessen rät sie, die positiven Gründe im Gespräch mit den Eltern herauszustellen: "Lieber Sätze sagen wie: Ich will selbst sehen, ob ich das schaffe. Ich will die Unternehmerfamilie vielleicht in einem anderen Bereich noch voranbringen. Ich möchte mich selbst ausprobieren, bevor ich später im Familienunternehmen vielleicht Verantwortung übernehme."
Klar: Viele Eltern werden enttäuscht reagieren. "Über Jahre und Generationen wurde die Geschichte der Familie und des Unternehmens aufgebaut, jetzt droht vielleicht ein Bruch - das kann den Familienfrieden stark belasten", weiss Julian Schenkenhofer. Viele Eltern fürchten zudem, dass die Gründung eines eigenen Start-ups riskanter sei als der Einstieg in der eigenen Firma. Doch Schenkenhofer hat einen klaren Rat für die Eltern: "Machen lassen. Nicht die Türe zuschlagen. Das Start-up nicht klein reden. Nicht das eine mit dem anderen ausspielen. Keine Moral-Keule wie "Du brichst mit der Familientradition". Reden Sie viel und offen miteinander. Denn die wichtige Frage ist doch: Wie bleibt die Familie trotz unterschiedlicher Wege emotional und unternehmerisch verbunden?"
Eltern sollten den Schritt in ein Start-up nicht als endgültige Entscheidung gegen das Familienunternehmen verstehen, betont Schenkenhofer. Die meisten Start-ups scheiterten ohnehin, und gerade diese Erfahrungen können für die spätere Übernahme des Familienunternehmens äusserst wertvoll sein. "Der Weg zurück sollte deshalb möglichst offenbleiben - davon können langfristig sowohl die NextGen als auch das Familienunternehmen profitieren."
Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten sind Eltern allerdings auch viel offener gegenüber solchen (Um-)Wegen ihrer Kinder. Es gehe ihnen heute stärker darum, gute Voraussetzungen für die Nachfolge zu schaffen, sagt Heiko Kleve, und dazu gehöre eben auch Kompetenz und der eigene Wille zur Nachfolge. "Früher war Familienzugehörigkeit ausreichend, heute sagen Eltern eher einmal: Zeig in einem anderen Kontext, was du drauf hast - und dann komm gerne zurück."
Kleve betont: Viele gescheiterte Unternehmensnachfolgen hätten damit zu tun, dass Zwang ausgeübt wurde - obwohl der Sohn oder die Tochter eigentlich grundsätzlich den Willen hatte, einzusteigen. "Wer nicht nein sagen kann zu einer operativen Tätigkeit, der kann auch nicht wirklich ja sagen." Die eigene Entscheidung sei wichtig - und dafür brauche es die ernsthafte Wahlmöglichkeit.
Nadine Kammerlander erlebt bei ihren ehemaligen Studierenden immer wieder Beispiele, bei denen sich durch die Start-up-Gründungen spannende Überschneidungen ergeben: Da haben die Eltern eine Hotelkette, und der Sohn entwickelt und verkauft in seinem eigenen Unternehmen kluge Software für Hotels. Oder die Eltern haben mehrere Möbelgeschäfte, die Tochter baut jedoch lieber ihr eigenes E-Commerce-Business auf, mit dem sie online Lampen verkauft - letztlich integriert sie dieses Start-up in das elterliche Unternehmen, und inzwischen leitet sie das Familienunternehmen.
"Es gibt viele Möglichkeiten der Symbiose und der Synergien zwischen Start-up und Familienunternehmen", sagt Kammerlander. Und genau das sollten die Kinder bei dem Gespräch über ihre Loslösung von Zuhause ansprechen. Die Folge ist oft: Eltern stehen gerne als Unternehmermentoren bei.
Noch ein Vorteil: Wer ein eigenes Unternehmen gründet, lernt im kleinen Massstab alle Bereiche kennen, die man später als Familienunternehmer braucht - von der Produktion bis zum Marketing. "Das ist eine recht risikofreie Art, den Weg ins Familienunternehmen zu ebnen", findet Nadine Kammerlander.
Und wenn die eigene Gründung schief geht? "Dann schreibt man seine Start-up-Zeit mit einer Zeile in den Lebenslauf - da fragt keiner nach."