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Market View & Insights
Unternehmerinnen und Unternehmer verfügen nach dem Exit mit einem Schlag über viel investierbares Kapital. Ein Vermögen langfristig zu bewahren und zu vermehren, unterscheidet sich jedoch stark von der Unternehmertätigkeit. Das sind die häufigsten Missverständnisse, wenn es um die Vermögensverwaltung geht.
Markus N. hat in den vergangenen 15 Jahren ein rentables Immobilienunternehmen aufgebaut. Da er nun mehr Zeit mit seiner jungen Familie verbringen möchte, hat er beschlossen, die Mehrheit zu verkaufen und nur noch eine Minderheitsbeteiligung zu behalten. Die Verkaufsverträge sind bereits unterschrieben, und die Überweisung des Erlöses steht kurz bevor. Er verfügt bislang über wenig Anlageerfahrung ausserhalb des Immobiliensektors, hat aber einige Investment-Ideen im Immobilienbereich.
Ein Vermögen langfristig zu erhalten und zu vermehren, unterscheidet sich grundsätzlich von der Unternehmertätigkeit. Es gilt einige häufige Missverständnisse und falsche Vorstellungen auszuräumen, die Investoren mit wenig Erfahrung haben.
Unternehmerinnen und Unternehmer, die nach dem Ausstieg über ein hohes investierbares Kapital verfügen, haben oft noch keine Anlagestrategie und neigen dazu, ihre Branche zu bevorzugen - in der sie sich auskennen und deren Akteure ihnen bekannt sind. Bei der Portfolio-Gestaltung von Markus N. ist es wichtig, die Korrelation zwischen seinem Unternehmen und dem neuen Portfolio möglichst gering zu halten, um das Klumpenrisiko zu verringern und eine breite Streuung der Anlagen zu erreichen.
Wenn die einzelnen Anlagen über mehrere Vermögensklassen, Länder und Branchen sehr breit gestreut werden, kann dies dazu beitragen, das Risiko zu reduzieren. Auf diesem Weg lassen sich zwei konkurrierende Ziele aus dem magischen Dreieck gleichzeitig erreichen.
Das magische Dreieck der Vermögensanlage bezeichnet die bei der Vermögensanlage untereinander konkurrierenden Ziele Rentabilität, Sicherheit und Liquidität. Die drei Ziele werden durch die Eckpunkte des Dreiecks symbolisiert. Diese Ziele befinden sich in einem Spannungsverhältnis zueinander. Wird ein Ziel maximiert, geht dies zu Lasten eines oder beider anderer Ziele. Die geschickte Diversifikation kann jedoch sowohl die Sicherheit wie auch die Rendite erhöhen, wie der Begründer der modernen Portfolio-Theorie und spätere Nobelpreisträger Harry Markowitz in den 1950er Jahren nachwies.
Markus' Erwartungen bezüglich Rendite sind nach erfolgreicher Unternehmertätigkeit unter Umständen zu hoch. Renditen von jährlich 10 % oder mehr, wie er sie in der Vergangenheit mit seinem Unternehmen erzielt hat, sind bei der Vermögensanlage nicht nachhaltig zu erwirtschaften.
Riccardo Petrachi ist Head von Ultra-High-Net-Worth (UHNW) Business Europe bei LGT Private Banking. Er entwickelt ganzheitliche Vermögenslösungen für sehr vermögende Kundinnen und Kunden sowie Familien mit komplexen Vermögenssituationen. Sein Tätigkeitsfeld umfasst Anlagelösungen auf Mass sowie die Beratung zu Family Governance und philanthropischem Engagement.
Riccardo Petrachi, Head UHNWI Europe bei der LGT: "In so einem Fall würde ich Markus N. aufzeigen, dass er diese Rendite nicht ohne erhebliches Risiko erzielt hat, nämlich durch die Konzentration auf einige wenige Immobilienanlagen." Mittels Simulation eines Abschwungs im Immobiliensektor, beispielsweise durch markante Zinserhöhungen, simuliert Petrachi das Verlustpotenzial und stellt es einem breit diversifizierten Portfolio gegenüber, das sich viel resistenter gegenüber Abschwüngen einzelner Branchen erweist.
Manchmal werde auch die subjektive Risikobereitschaft höher eingeschätzt, als sie ist oder als die Risikofähigkeit es zulassen würde, gibt Riccardo Petrachi zu bedenken. Einen Vermögensrückgang von 20 % könne er gut verkraften, ist Markus N. überzeugt. "Wenn ich jedoch vorrechne, wie hoch der Betrag bei einem 20%-igen Rückgang ist und wie hoch danach die zukünftigen Ertragseinbussen als Folge des geringeren Vermögens ausfallen, fällt die Antwort oft anders aus", hält Riccardo Petrachi fest.
Es kommt jedoch auch vor, dass die Risikobereitschaft zu gering ist und ein zu hoher Anteil aus liquiden Mitteln besteht, der langfristig dazu führen kann, dass Renditechancen ungenutzt bleiben und das Vermögen durch Inflation an Kaufkraft verliert.
Risikofähigkeit: Für die Beurteilung der Risikofähigkeit werden objektive Kriterien herangezogen. Alter, Vermögen, Sparquote, finanzielle Verpflichtungen und Anlagehorizont entscheiden über die Risikofähigkeit.
Risikobereitschaft: Die Risikobereitschaft ist ein subjektiver Wert. Sie beschreibt, welches Risiko eine Person eingehen möchte, und ist abhängig von der Persönlichkeit sowie auch von kulturellen Faktoren.
Risikofähigkeit und Risikobereitschaft ergeben das Risikoprofil, auf dessen Basis die Anlagestrategie erstellt wird.
Sind Anlageziel, Anlagehorizont und das Risikoprofil ermittelt, folgt daraus die strategische Vermögensallokation. Als Allokation wird bezeichnet, wie sich das Portfolio in die verschiedenen Vermögensklassen wie Aktien, Anleihen, Immobilien, alternative Anlagen und Cash aufteilt. Bei Anlegerinnen und Anlegern, die aufgrund ihres Risikoprofils ein höheres Risiko eingehen können, wäre beispielsweise der Aktienanteil höher als bei konservativ ausgerichteten Portfolios.
Die Aufteilung basiert auf historischen Rendite- und Risikodaten, wobei die Korrelationen zwischen den einzelnen Anlageklassen berücksichtigt werden. Übergeordnetes Ziel ist, eine geschickte Diversifikation zu erreichen und so das Risiko-Rendite-Profil zu optimieren.
Im Gegensatz zur strategischen Vermögensallokation, die die grundlegende Ausrichtung langfristig festlegt, ist die taktische Allokation kurz- bis mittelfristig ausgerichtet. Mit ihr wird immer wieder die Portfoliostruktur angepasst, indem die Gewichtung bestimmter Anlageklassen vorübergehend erhöht oder verringert wird. So kann auf veränderte Marktbedingungen reagiert und können Anlagechancen wahrgenommen werden. Erst wenn die Gewichtung der Anlageklassen innerhalb der Portfolios festgelegt ist, folgt die konkrete Titelauswahl.
Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem LGT Magazin forward für Anlegerinnen und Anleger. In der jüngsten Ausgabe begleiten wir Kundinnen und Kunden auf ihrem Weg zur individuellen Anlagelösung. Der Weg dazu ist eine spannende Reise, die am Ende zu einigen Erkenntnissen führt. Das vollständige Magazin können Sie hier als PDF herunterladen und lesen.
Und wann ist der richtige Zeitpunkt einzusteigen? "Kundinnen und Kunden wollen den richtigen Zeitpunkt für den Markteinstieg erwischen und wenn möglich die nächste Korrektur abwarten", stellt Riccardo Petrachi fest. Doch dies erweist sich nicht selten als Bumerang. Denn kurzfristige Marktbewegungen lassen sich nicht voraussagen - weder in guten noch in volatilen Zeiten.
An der Börse ist nicht so sehr das Timing entscheidend, sondern vielmehr die Anlagedauer. Wer langfristig investiert, minimiert das Risiko, da Marktschwankungen über die Zeit ausgeglichen werden können. Ausserdem verursacht das Warten auf den günstigen Einstieg hohe Opportunitätskosten, und das Risiko, dass eine besonders günstige Kursentwicklung verpasst wird, ist hoch.
Denn investiert zu bleiben, kann sich lohnen. Auch wenn vergangene Entwicklungen keine verlässliche Prognose für zukünftige Entwicklungen erlauben, zeigt die historische Kursentwicklung des breit gefassten Stoxx Europe 600 Total Return Index, dass wer ab 2000 bis März 2026 immer investiert blieb, das Kapital mehr als verdreifachen konnte (vor Berücksichtigung individueller Kosten, Steuern oder sonstiger Abgaben). Ohne die - nicht vorhersehbaren - zehn besten Tage schrumpfte der Zuwachs auf weniger als die Hälfte und ohne die 20 besten Tage sogar auf fast gar nichts.
"Bei grossen neu zu investierenden Beträgen, beispielsweise nach einem Unternehmensverkauf wie bei Markus N., steigen wir meist in zwei bis drei Schritten ein. Dabei berücksichtigen wir selbstverständlich die Marktentwicklung. Wenn eine Anlageklasse vor Kurzem deutlich korrigiert hat, würden wir gleich den gesamten dafür vorgesehenen Betrag investieren", präzisiert Riccardo Petrachi.