- Home
-
Private Banking
-
Market View & Insights
Dr. Mika Kastenholz, LGT Global Head Investment Solutions, erklärt, weshalb die verzerrten Konjunkturzyklen unserer Zeit einen besonders klaren, globalen und langfristigen Anlagefokus erfordern.
Mika Kastenholz: In der Astrophysik bezeichnet der Ereignishorizont jene Grenze, jenseits derer die Anziehungskraft eines Schwarzen Lochs so stark wird, dass kein Entkommen mehr möglich ist. Für einen aussenstehenden Beobachter scheint dort sogar die Zeit stillzustehen. Der Raum krümmt sich nach innen, Licht wird abgelenkt und Signale von jenseits der Schwelle erreichen den Beobachter nur verzerrt - wenn überhaupt. Die globalen Märkte nähern sich gerade einer vergleichbaren Schwelle.
Anlegerinnen und Anleger haben sich an vorhersehbare Konjunkturzyklen gewöhnt, in denen Wachstumsperioden von Rezessionsphasen abgelöst werden. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Eingriffe der Zentralbanken diese Zyklen jedoch beinahe bis zur Unkenntlichkeit überdehnt. Rezessionen, die eine Bereinigung übermässiger Verschuldung ermöglicht hätten, wurden verkürzt oder blieben ganz aus.
Für Anlegerinnen und Anleger, die sich an diese langanhaltende Ruhe gewöhnt haben, scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Die Volatilität bleibt gedämpft, Kreditaufschläge verengen sich und die Unterscheidung zwischen Qualität und Spekulation verliert an Dringlichkeit. Doch dieses künstliche Gleichgewicht verdeckt angehäufte Ungleichgewichte - z. B. in der globalen Leistungsbilanz -, die nicht verschwinden, nur weil ihre Bereinigung hinausgeschoben wird.
Dr. Mika Kastenholz ist Global Head Investment Solutions bei LGT Private Banking. Mit einem akademischen Hintergrund in Wissenschaft und Technologie verfügt er über mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Kapitalmärkte, Handel und Anlageprodukte, einschliesslich anlageklassenübergreifender Derivate. Er ist ausserdem Autor eines Buches über den Handel mit Derivaten und Mitbegründer eines Fintech-Unternehmens, das sich auf Private Banking und Wealthtech-Lösungen spezialisiert hat.
Nicht wirklich. Eher im Gegenteil, sie fügen ein zusätzliches Ungleichgewicht hinzu. Die technologische Entwicklung schreitet in einem beispiellosen Tempo voran - und genau daraus entsteht ein zeitliches Paradox. In der Biotechnologie dauern neue Entdeckungen heute oft nur noch Jahre statt Jahrzehnte. KI-gestützte Softwareentwicklung verkürzt Entwicklungszyklen von Monaten auf wenige Tage. Mit der zunehmenden Geschwindigkeit des Wandels verkürzt sich auch die Zeit zur Erledigung von Aufgaben. Die Zeit beschleunigt sich - und scheint gleichzeitig, wie eingangs beschrieben, stillzustehen. Eine Rückkehr zu klassischen Konjunkturzyklen sehe ich derzeit nicht.
Die wichtigsten globalen Wirtschaftsakteure tun sich zunehmend schwer damit, sich an diesem “Ereignishorizont” zurechtzufinden. Die Staatsverschuldung übt nachhaltig Druck auf Wachstum, Geldpolitik und die Bewertung von Vermögenswerten aus. Zentralbanken bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Inflationsmandaten, staatlichen Finanzierungskosten und der Aufgabe, die Märkte zu stabilisieren.
Die unipolare Ordnung nach dem Kalten Krieg - jenes kurze Intermezzo, das manche fälschlich als Ende der Geschichte verstanden - beginnt zu zerfallen. Eine G2-Konfiguration entsteht, in der China und die USA konkurrierende Einflusssphären aufbauen, die das Risiko direkter oder indirekter Konflikte wieder erhöht. Direkte militärische Konflikte, die lange als überwunden galten, sind nach Europa und in den Nahen Osten zurückgekehrt.
Kapitalströme, Lieferketten und Technologiestandards, die einst durch multilaterale Vereinbarungen geprägt waren, driften zunehmend entlang strategischer Linien auseinander. Geopolitische Risiken sind längst kein Ausnahmeszenario mehr, sondern ein zentrales Thema. Die investierbaren Konsequenzen hiervon beleuchten wir im Detail in dem in unserem Global Investment Outlook.
Die Weltwirtschaft befindet sich im Übergang zu einer neuen globalen Ordnung. Was sind die Folgen für Anlegerinnen und Anleger in der zweiten Jahreshälfte 2026?
Wer am Ereignishorizont agiert, braucht eine andere Ausrichtung. Die klassische Mean-Reversion-Theorie geht von einem stabilen Gleichgewicht aus, das durch verlässliche Institutionen gestützt wird. Fehlen diese vertrauten Orientierungspunkte, müssen Anlegerinnen und Anleger langfristig und global denken - und gleichzeitig wachsam bleiben: Viele bisher akzeptierte Modelle funktionieren nicht mehr.