- Home
-
Private Banking
-
Market View & Insights
Die beiden Supermächte wetteifern um die Führungsrolle in Technologien, die das globale Machtgefüge grundlegend verändern können. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede in ihren Ansätzen zur Künstlichen Intelligenz.
Die USA führen im KI-Wettlauf dank überlegener Rechenleistung, fortschrittlicher Chips und hoher Investitionen in Infrastruktur.
China holt schnell auf, indem es auf Effizienz, Open-Source-Modelle und die breite Anwendung von KI setzt.
Während die USA auf technologische Spitzenleistung fokussieren, liegt Chinas Stärke in der Skalierung und Integration in den Alltag und die Industrie.
Daten, Energie und Halbleiterzugang entwickeln sich zu entscheidenden Faktoren im globalen Wettbewerb um KI-Führerschaft.
Für Anleger ergeben sich Chancen entlang der gesamten KI-Wertschöpfungskette - bei gleichzeitig erhöhten geopolitischen Risiken.
Künstliche Intelligenz (KI) ist zu einem neuen Brennpunkt der Rivalität zwischen den USA und China geworden. Einen Vorsprung in dieser universellen Schlüsseltechnologie zu haben, kann die wirtschaftliche und geopolitische Macht eines Landes erheblich beeinflussen - und macht KI damit zu einer strategischen Priorität, nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Regierungen.
Gestützt auf die Stärke ihres Informationstechnologie-Sektors und ihre KI-Kompetenzen standen die USA bislang an der Spitze der KI-Innovation. US-Unternehmen haben Zugang zu den leistungsfähigsten KI-Supercomputern und können dadurch führende KI-Modelle entwickeln.
Doch auch China hat in den vergangenen Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Mit erheblicher staatlicher Unterstützung und klaren nationalen Strategien hat sich das Land zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber entwickelt.
Bislang standen die USA im Zentrum des KI-Booms - ermöglicht durch ihren Zugang zu enormer Rechenleistung. Dieser Vorsprung hat jedoch seinen Preis: Für das Jahr 2026 wird erwartet, dass grosse US-Technologieunternehmen mehr als USD 700 Milliarden investieren, vor allem in KI-Infrastruktur.
Tobias Aellig ist als Senior Equity Specialist bei der LGT tätig. Sein Fokus liegt auf Unternehmen aus den Sektoren Informationstechnologie und Industrie mit Vertiefung in der Halbleiter- und Kapitalgüterindustrie. Die Themengebiete umfassen unter anderem Künstliche Intelligenz, Cloud Computing & Rechenzentren, Automation & Robotik und Energieeffizienz.
China hingegen hat aufgrund von US-Sanktionen nur eingeschränkten Zugang zu fortschrittlicher Halbleitertechnologie und entwickelt deshalb ein unabhängiges Ökosystem. Dieses basiert auf einem Open-Source-Ansatz bei KI-Modellen sowie einem starken Fokus auf Anwendungen. Mit seinem riesigen Binnenmarkt, seiner grossen Bevölkerung und einem bedeutenden Industriesektor verfügt China über erhebliche Möglichkeiten, KI breit einzusetzen - sowohl für Konsumentenanwendungen als auch zur Transformation ganzer Industrien.
Diese unterschiedlichen und in vielerlei Hinsicht konkurrierenden Ansätze eröffnen Anlegerinnen und Anlegern Chancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette - auch wenn angesichts der geopolitischen Unsicherheiten Vorsicht geboten bleibt. China verfolgt seinen KI-Wettlauf mit den USA konsequent seit 2017, als Chinas bester Spieler im Brettspiel "Go" vom AlphaGo-Programm von Google DeepMind besiegt wurde. Kurz darauf formulierte der Staatsrat konkrete Meilensteine mit dem Ziel, bis 2030 die weltweite Führungsrolle im Bereich KI zu erreichen.
Das Herzstück von Chinas KI-Strategie ist die Initiative "AI Plus". Sie knüpft an das frühere Programm "Internet Plus" an, das die Vernetzung im Land entscheidend vorangebracht hat. "AI Plus" zielt auf die breite Einführung von KI-Geräten der nächsten Generation und KI-Agenten ab, um KI langfristig zu einem zentralen Treiber der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung zu machen.
Chinas Erfolg hängt von mehreren Faktoren ab, darunter der Zugang zu einem leistungsfähigen Technologie-Stack sowie günstigen externen Rahmenbedingungen. Der KI-Technologie-Stack umfasst die verschiedenen technologischen Ebenen, die für die Entwicklung und den Einsatz von KI-Systemen erforderlich sind.
Während dieser Stack Bestandteil der KI-Wertschöpfungskette ist - von Hardware und Infrastruktur bis hin zu Modellen und Anwendungen -, liegt Chinas Stärke vor allem in der Vielzahl möglicher Anwendungen. Die Hardware, insbesondere fortschrittliche Halbleiterprodukte, bleibt hingegen eine der grössten Herausforderungen.
Die USA dominieren im Chipdesign und beherbergen führende Ausrüstungshersteller, auch wenn die modernsten Chips von TSMC in Taiwan produziert werden. Der Zugang zu den leistungsfähigsten Halbleiterprodukten sowie eine umfangreiche Rechenzentrumsinfrastruktur ermöglichen es US-Unternehmen, führende KI-Modelle zu entwickeln und KI-Dienstleistungen in grossem Massstab bereitzustellen.
Die Expertinnen und Experten der LGT analysieren laufend die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung. Mit unseren Publikationen zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen treffen Sie fundierte Anlageentscheide.
Exportbeschränkungen für fortschrittliche Halbleitertechnologien, die von den USA und ihren Verbündeten verhängt wurden, begrenzen hingegen Chinas Zugang zu Rechenleistung. Zwar arbeitet das Land intensiv am Aufbau einer eigenständigen Halbleiterindustrie, doch Fortschritte bei Spitzentechnologien benötigen Zeit. Um im KI-Wettlauf konkurrenzfähig zu bleiben, setzt China daher auf Effizienz in der Entwicklung und auf Open-Source-Modelle.
Ein weiterer zentraler Unterschied zwischen den USA und China liegt in der Energieversorgung. Während die USA derzeit nahezu unbegrenzten Zugang zu Rechenleistung haben, könnten sie künftig an eine Grenze stossen. Der Energiebedarf von Rechenzentren dürfte in den kommenden Jahren stark steigen und die Stromnetze erheblich belasten. China hingegen verfügt über ein robusteres Energiesystem und hat mehr als doppelt so viele installierte Stromerzeugungskapazitäten wie die USA.
Daten sind ein zentraler "Rohstoff" für KI - häufig werden sie als das "Erdöl des 21. Jahrhunderts" bezeichnet. KI verarbeitet diesen Rohstoff in wertvolle und potenziell transformative Informationen sowie technologische Fähigkeiten. Mit über 1.4 Milliarden Einwohnern, rund 1.1 Milliarden Internetnutzern und einer grossen industriellen Basis generiert China enorme Datenmengen.
Ein weiterer Unterschied liegt im Einsatz von KI-Modellen: Während viele US-Unternehmen auf proprietäre Ansätze setzen, verfolgt China überwiegend einen offenen, kollaborativen Open-Source-Ansatz. Durch diesen Ansatz konnte China die Leistungslücke zu westlichen Modellen zu deutlich geringeren Kosten verringern. Zudem verfügt das Land über einen bemerkenswert grossen Talentpool: rund 50 % der weltweit tätigen KI-Forschenden sind chinesischer Herkunft.
Schliesslich haben kosteneffiziente, breit verfügbare Modelle, die für viele Anwendungen "gut genug" sind, den Weg für eine umfassende Integration von KI in Chinas riesigen Binnenmarkt geebnet - insbesondere auf mobilen Plattformen und in physischen KI-Anwendungen.
"Physical AI" bezeichnet die Integration von KI in Systeme, die mit der realen Welt interagieren - etwa Roboter oder selbstfahrende Fahrzeuge. Vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung, steigender Arbeitskosten und seiner Rolle als globale Produktionsdrehscheibe bietet KI China die Möglichkeit, industrielle Transformation im grossen Massstab voranzutreiben.
Die USA und China konkurrieren im Bereich "Physical AI" über das gesamte Spektrum hinweg, etwa in der intelligenten Robotik und beim autonomen Fahren. Auch ausserhalb ihrer Heimatmärkte stehen die beiden Supermächte im Wettbewerb - beispielsweise darum, welche Unternehmen sich im Globalen Süden durchsetzen.
In den vergangenen Jahren hat China bemerkenswerte Fortschritte im Bereich KI erzielt. Unterstützt durch staatliche Strategien und gezielte Förderung hat sich das Land zu einem ernsthaften Wettbewerber der USA entwickelt. Die von den USA verhängten Exportbeschränkungen für fortschrittliche Halbleitertechnologien konnten diesen Aufstieg nicht stoppen - im Gegenteil: Sie haben China dazu veranlasst, ein zunehmend effizientes und eigenständiges Ökosystem aufzubauen und seine Stärken in der KI-Anwendung konsequent auszuspielen. Davon dürften grosse chinesische Technologieunternehmen ebenso profitieren wie weitere Unternehmen entlang der KI-Wertschöpfungskette.