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Market View & Insights
Metalle wie Kupfer und Kobalt sowie Seltene Erden sind für die Energiewende so entscheidend, dass mögliche Engpässe bereits heute die Lieferketten der Elektrifizierung beeinflussen.
Mehrere globale Megatrends entfalten sich derzeit gleichzeitig: die Dekarbonisierung der Wirtschaft, die Rückverlagerung industrieller Produktion sowie der rasante Aufstieg der Künstlichen Intelligenz (KI). Was sie verbindet, ist ihr hoher Energiebedarf - insbesondere an Strom.
Nach zwei Jahrzehnten weitgehend stabiler Stromnachfrage - geprägt durch De-Industrialisierung in den USA und Europa - zeichnet sich nun eine Trendwende ab. BloombergNEF, ein auf die Energiewende spezialisiertes Forschungsunternehmen, schätzt, dass die globale Stromnachfrage in den nächsten 20 Jahren um 40 % steigen wird.
Georg Ruzicka leitet das thematische Aktieninvestieren bei der LGT in Europa. Sein Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung und Umsetzung innovativer Anlagestrategien entlang langfristiger, gesellschaftlicher und technologischer Megatrends.
Um diesen steigenden Bedarf zu decken, setzt die Welt verstärkt auf erneuerbare Technologien wie die Energiegewinnung aus Solar, Wind und Wasserstoff. Diese erfordern mehr Infrastruktur als konventionelle Kraftwerke. Gleichzeitig benötigen sie pro installierte Leistung deutlich mehr kritische Metalle und Mineralien - insbesondere Materialien mit hoher Leitfähigkeit, Korrosionsbeständigkeit und Temperaturtoleranz.
Doch um welche Metalle und Mineralien handelt es sich konkret? Dazu zählen unter anderem Kupfer, Nickel, Platin, Lithium, Kobalt sowie die Gruppe der 17 Elemente, die als Seltene Erden bekannt sind.
Wir fassen sie unter dem Begriff "Übergangsmaterialien" zusammen, da sie für die Energiewende unverzichtbar sind. Sie ermöglichen den Ausbau von Energie- und Netzinfrastrukturen, Elektromobilität und Windkraft, die Verbreitung von KI und Rechenzentren sowie die technologische Weiterentwicklung im Verteidigungsbereich.
Die steigende Nachfrage nach Übergangsmaterialien ist leicht nachvollziehbar. In den USA und Europa ist fast die Hälfte der Netzinfrastruktur über 20 Jahre alt. Ersatz- und Ausbauinvestitionen erfolgen gleichzeitig - und jeder zusätzliche Kilometer Stromleitung erhöht direkt den Bedarf an leitfähigen und langlebigen Materialien, insbesondere Kupfer und Aluminium für Kabel, Transformatoren und Netzkomponenten.
Zudem macht die schwankende Stromerzeugung Speicherlösungen unerlässlich - von stationären Batteriesystemen bis hin zu Wasserstoff. Sie überbrücken die zeitliche Differenz zwischen Stromerzeugung und -verbrauch. Der Ausbau von Wind- und Solarkapazitäten geht daher mit einer steigenden Nachfrage nach Batterierohstoffen wie Lithium, Kobalt und Nickel einher.
Auch die weltweit stark zunehmende Verbreitung von Elektrofahrzeugen trägt dazu bei. Nicht nur die Fahrzeuge selbst sind materialintensiv - auch die Ladeinfrastruktur benötigt erhebliche Mengen an Übergangsmaterialien.
Die Expertinnen und Experten der LGT analysieren laufend die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung. Mit unseren Publikationen zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen treffen Sie fundierte Anlageentscheide.
BloombergNEF schätzt, dass die Nachfrage nach zentralen Metallen und Mineralien für Energiewende-Technologien wie Solar, Wind, Batterien und Elektrofahrzeuge bis 2050 auf das Fünffache steigen könnte.
Die Herausforderung liegt dabei weniger auf der Nachfrageseite als beim Angebot. Die Produktion lässt sich nur begrenzt schnell ausweiten. Lange Projektlaufzeiten, geopolitische Risiken, steigende Förderkosten sowie geografisch konzentrierte und träge Lieferketten machen kritische Metalle und Mineralien zu einem zentralen Engpass der Energiewende.
Grosse Minenprojekte benötigen laut Internationaler Energieagentur in der Regel zehn bis 15 Jahre von der Exploration bis zur kommerziellen Produktion. Zudem sind Investitionen in den Rohstoffsektor häufig von Unsicherheit geprägt - nicht zuletzt aufgrund ökologischer und sozialer Herausforderungen.
Selbst wenn heute umfangreiche Investitionen getätigt werden, ist daher frühestens in den 2030er-Jahren mit einem substantiellen zusätzlichen Angebot zu rechnen.
Die Energiewende scheitert nicht an der Nachfrage - sondern an der Geschwindigkeit des Angebots.
Hinzu kommt, dass ein kleiner Kreis von Ländern einen grossen Teil der globalen Förderung bzw. Produktion dieser Materialien kontrollieren. Zudem sind Förderung und Verarbeitung oft geografisch getrennt, was geopolitische Risiken erhöht.
Seltene Erden bilden hier eine besondere Konstellation: China kontrolliert einen überwiegenden Anteil sowohl beim Abbau als auch in der Verarbeitung. Ähnlich wie die OPEC im Ölmarkt spielt China damit eine dominierende Rolle, welche gezielt als strategisches Instrument eingesetzt werden kann, etwa als Gegengewicht zu US-Exportzöllen und Chiprestriktionen im Jahr 2025.
Recycling wird häufig als Lösung für Rohstoffknappheit genannt. Langfristig kann es tatsächlich eine wichtige zweite Angebotsquelle darstellen, kurzfristig lassen sich die aktuellen Engpässe damit jedoch nicht beheben.
Metalle wie Kupfer und Aluminium sowie viele Batterierohstoffe lassen sich ohne wesentlichen Qualitätsverlust wiederverwerten.
Da jedoch viele Elektrofahrzeuge, Windturbinen und Rechenzentren noch relativ neu sind, steht bislang nicht ausreichend Material für das Recycling zur Verfügung. Zudem fehlt in vielen Bereichen noch die notwendige Infrastruktur für geschlossene Stoffkreisläufe.
Seltene Erden umfassen eine Gruppe von 17 chemischen Elementen, die trotz ihres Namens relativ häufig in der Erdkruste vorkommen - jedoch selten in Konzentrationen, die den Abbau rentabel machen. Die sogenannten Schweren Seltenen Erden wie Dysprosium und Terbium sind seltener, wertvoller und für Hochleistungsanwendungen besonders kritisch.
Ihr wichtigster Einsatzbereich sind Permanentmagnete. Grundsätzlich gilt: Alles, was Bewegung in Elektrizität oder Elektrizität in Bewegung umwandelt, ist heute auf Seltene Erden angewiesen. Anwendungen reichen von Unterhaltungselektronik über Elektrofahrzeuge und Windturbinen bis hin zu Industriemotoren, Kampfjets, Robotik und Rechenzentren.
China produziert nicht nur rund 69 % der Seltenen Erden weltweit, sondern kontrolliert auch über 90 % der globalen Raffination und Magnetproduktion. Selbst Länder mit eigenen Vorkommen sind bei der Weiterverarbeitung in hohem Masse von China abhängig. Diese Doppelkonzentration macht westliche Lieferketten besonders anfällig.
Bis 2030 dürfte die Nachfrage nach Seltenen Erden um bis zu 35 % steigen, vor allem getrieben durch Permanentmagnete für Elektrifizierung, erneuerbare Energien und Elektromobilität. Damit stehen Seltene Erden im Zentrum der Schnittstelle von Energiewende, Technologie und Geopolitik.
Obwohl kritische Metalle und Mineralien eine zentrale Rolle in der Energiewende spielen, sind sie gleichzeitig mit erheblichen Herausforderungen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) verbunden.
Einerseits sind Kupfer, Lithium, Kobalt und Seltene Erden unverzichtbare Rohstoffe für Technologien, die erneuerbare Energien ermöglichen und die Energieeffizienz steigern. Andererseits ist ihre Gewinnung häufig mit erheblichen ESG-Risiken verbunden - darunter Umweltzerstörung, Wasserknappheit, steigende CO2-Emissionen, der Einsatz giftiger Chemikalien, radioaktive Nebenprodukte sowie Menschenrechtsverletzungen und soziale Konflikte in Förderregionen.
Übergangsmaterialien stehen damit im Zentrum globaler Entwicklungen: von Elektrifizierung über den KI-Boom bis hin zur Reindustrialisierung und geopolitischen Sicherheitsfragen. Ein vertieftes Verständnis von Angebot und Nachfrage dieser Rohstoffe bleibt daher entscheidend - heute und in Zukunft.