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Market View & Insights
Zeitgenössische Stimmen schimpften Henrietta "Hetty" Green eine geizige Exzentrikerin. Doch ihr kühler Kopf, ihre Disziplin und ihr nüchterner Anlageansatz machten sie zu einer der reichsten Personen ihrer Epoche - und zu einer Pionierin der Finanzwelt.
Henrietta Howland Robinson Green ist weniger bekannt als die Magnaten Andrew Carnegie, John D. Rockefeller und J. P. Morgan. Doch unter den Vermögen aus dem amerikanischen "Gilded Age" - der Phase rasanten Wachstums zwischen den 1870er Jahren und dem Ersten Weltkrieg - war ihres eines der auffälligsten. Nicht zuletzt, weil es von einer Frau aufgebaut wurde.
In einer Zeit, in der Frauen rechtlich stark eingeschränkt waren, steuerte Green ganze Finanzströme. Sie investierte in Eisenbahnen, Immobilien, Hypotheken und Staatsanleihen - und bewies dabei eine aussergewöhnlich geschickte Hand.
Sie kaufte, wenn alle verkaufen wollten - und verkaufte, wenn alle kauften. Damit verfolgte sie eine konsequente Contrarian-Strategie und gilt als frühe Vertreterin des Value Investing. Das ist jene Anlagephilosophie, die später von Benjamin Graham geprägt und heute von seinem "Schüler" Warren Buffett verkörpert wird wie von keinem anderen.
Während Rockefeller und Carnegie Monopole aufbauten, nutzte Green die spekulativen Exzesse ihrer Gegenwart. Sie sah die Finanzkrise von 1907 früh kommen - und dank hoher Barreserven konnte sie den Banken der Wall Street und der Stadt New York aus der Patsche helfen.
Als sie 1916 starb, hinterliess sie ein Vermögen, das heute schätzungsweise fast USD 6 Milliarden entsprechen würde. Damit zeigte sie eindrücklich, dass sie selbst erfolgreich lebte, was sie lehrte: "Es ist die Pflicht jeder Frau, zu lernen, sich um ihre eigenen geschäftlichen Angelegenheiten zu kümmern".
Hetty Green kam im November 1834 in New Bedford, Massachusetts, zur Welt. Der Walfanghafen ist bekannt geworden als Schauplatz von Herman Melvilles "Moby Dick". Nachdem ihr jüngerer Bruder im Kindesalter verstarb, wurde sie Erbin eines beträchtlichen Vermögens. Ihr Vater Edward Mott Robinson war Quäker und stammte aus der reichsten Walfängerfamilie des Orts. Er wollte seine Tochter gezielt auf die Verwaltung seines Vermögens vorbereiten.
Schon im Alter von zwei Jahren schickte er sie zu ihrem Grossvater mütterlicherseits, Gideon Howland, dem damaligen Leiter des Familienunternehmens - und zu ihrer Tante Sylvia Ann Howland. Ermutigt von ihrem Grossvater, entwickelte Hetty von klein auf ein lebhaftes Interesse an Finanzen.
Als Teenagerin führte sie bereits Buchhaltung für die Familie. Zugleich war bald ihre Sparsamkeit erkennbar, die später zu ihrem Markenzeichen wurde.
Als sie 20 Jahre alt war, schenkte ihr der Vater - laut der Zeitung The Telegraph - "eine Garderobe voller edler Kleider…um einen wohlhabenden Verehrer anzuziehen". Die junge Frau hatte jedoch anderes im Kopf. Sie verkaufte die schicken Gewänder und kaufte mit dem Erlös Staatsanleihen. Ihr Vater soll über das gute Geschäft erfreut gewesen sein. Doch das änderte nichts am gesellschaftlichen Druck, einen geeigneten Ehepartner zu finden.
Auf Drängen ihrer Tante zog Hetty widerwillig nach New York, wo sie sich im Mai 1865 mit ihrem künftigen Ehemann Edward Henry Green verlobte, der durch seine Geschäfte in China selbst reich geworden war.
Ihr Vater akzeptierte die Verbindung, wollte aber eines sicherstellen: Hetty sollte die Kontrolle über ihr Geld behalten - obwohl das Vermögen einer Frau nach damaligem Recht bei der Heirat normalerweise auf den Mann überging. Der Vater legte deshalb in seinem Testament ausdrücklich fest, dass Hettys Erbe "frei von den Schulden, der Kontrolle und der Einmischung eines Ehemanns" sein sollte.
Faktisch sicherte sich Hetty Green damit wohl den weltweit ersten Ehevertrag mit einer "Gütertrennung". Dennoch musste sie ihrem verschwenderischen Ehemann mehrfach aus der Klemme helfen, bevor er 1885 bankrott ging. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Paar einen Sohn und eine Tochter - und trennte sich schliesslich.
Nach dem Tod ihres Mannes 1902 zog Green dennoch Trauerkleidung an, laut einem ihrer Biografen auch "einen schweren schwarzen Schleier".
Ihr strenges Auftreten machte sie zur Zielscheibe der Medien. So bezeichneten sie zeitgenössische Zeitungen als "die Hexe der Wall Street". Zweifellos schwang im harschen Ton auch Neid auf ihren Reichtum und ihre Unabhängigkeit mit. Zusätzlich verschärfte ein langwieriger und erbitterter Rechtsstreit um das Erbe ihrer Tante Sylvia das negative Bild - letztlich verlor ihn Hetty Green.
Um Greens Reichtum rankten sich bald Geschichten, die mehr über ihre Zeit verraten als über sie selbst.
Es kursierten wilde Gerüchte: Demnach benutzte Hetty Green kein warmes Wasser, wechselte ihre Unterwäsche erst, wenn sie völlig zerfleddert war, und ass nur Haferflocken, die sie auf dem Heizkörper ihres Büros wärmte. Die wohl verletzendste Behauptung rankte sich um ihren Sohn Edward: Sie soll sich geweigert haben, für die medizinische Versorgung ihrer Kinder zu bezahlen - bis Edwards Bein amputiert werden musste.
Edward selbst dementierte dies später in der New York Times: "Man hat viel Unwahres über meine Mutter geschrieben. Sie wurde als geizig dargestellt, aber das war sie nicht. Sie hat härter gearbeitet als jeder Mann in New York."
Die Finanzkrise von 1907 führte nicht nur zur Gründung des Federal Reserve Systems. Das Börsenbeben gab Green auch die Gelegenheit, ihre Anlagefähigkeiten einem breiten Publikum zu zeigen.
Im Gegensatz zu den meisten Wall-Street-Finanziers behauptete sie, die brandgefährliche Entwicklung bereits drei Jahre zuvor erkannt zu haben. "Ich sagte, die Reichen stünden am Rand des Abgrunds und eine Art Panik sei unvermeidlich", gab sie zu Protokoll.
Als diese Panik ausbrach, gewährte Green sowohl insolventen Banken als auch der Stadt New York grosszügige Kredite, um ihnen durch die Krise zu helfen.
Tatsächlich rettete sie New York City mehrfach vor der Pleite. Wieso war sie dazu in der Lage? Ganz einfach: Während alle anderen kauften und Kredite aufnahmen, hortete sie hohe Barbestände und erzielte mit Dollars sichere Renditen - wie Janet Wallach in der Biografie "The Richest Woman in America: Hetty Green in the Gilded Age" (2012) argumentiert.
"Safety first" ("Auf Nummer sicher gehen") mag Greens Anlageprinzip gewesen sein. Aber auf ihrem Grab sollte "Mut" stehen.
Starke Sätze, wie man sie heute von Warren Buffett hört, könnten ebenso gut von Green stammen - zum Beispiel dieser: "Bargeld kombiniert mit Mut ist in Krisenzeiten unbezahlbar. " In einer Zeit, in der Frauen systematisch vom Geschäftsleben ausgeschlossen wurden, verdienten Greens Erfolge umso mehr Respekt.
Ihr Ruf als strenge, unbeugsame Frau beruhte auf ihrer Unabhängigkeit, ihrer Direktheit und ihrer sichtbaren Ablehnung des Luxus. Wahrscheinlich aber auch auf Vorbehalten gegenüber einer Frau, welche die Vorstellungen ihrer Epoche sprengte und zu einer erfolgreichen Investorin wurde.
Hetty Green hatte vor allem eines: den Mut so zu leben, wie sie es wollte.