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Market View & Insights
Früher war das Wettrennen im All ein Stellvertreterkonflikt, geprägt von Ideologien und ingenieurtechnischen Höchstleistungen. Heute ist der Orbit wieder Schauplatz von Rivalitäten, doch längst sind nicht nur Staaten die treibenden Kräfte. Zunehmend drängen private Unternehmen in die Raumfahrt und erschliessen jenseits der Erde neue ökonomische Möglichkeiten.
Mehr als 50 Jahre ist es her, dass ein Mensch den Mond betreten hat. Nun beginnt ein neues Kapitel der Raumfahrt. Anders als beim Wettlauf zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion geht es heute nicht mehr darum, Flaggen zu hissen und Fussabdrücke zu hinterlassen. Im Mittelpunkt stehen vielmehr der Aufbau einer dauerhaften Präsenz auf dem Mond, seine Nutzung als Ausgangsbasis für weiter reichende Missionen sowie Raumfahrt als Testfeld für kommerzielle Anwendungen.
Mit der jüngsten Artemis-II-Mission hat die NASA erstmals seit 1972 wieder Menschen über den niedrigen Erdorbit (LEO) hinaus in den Weltraum gesandt. Dies wird als entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer dauerhaften Basis nahe dem lunaren Südpol gewertet, wo Vorkommen von Wassereis künftig Trinkwasser und Raketentreibstoff liefern könnten.
Auch China will noch vor 2030 auf den Mond und bis 2045 zur führenden Raumfahrtnation aufsteigen. Sollte China zuerst landen, wäre dies ein schwerer symbolischer Rückschlag für die Führungsrolle der USA im All.
Sie meinen, dieses Rennen bereits zu kennen? Man müsse lediglich China durch die Sowjetunion ersetzen? Nicht ganz. Das Space Race 2.0 wird von technologischen Fortschritten des Privatsektors vorangetrieben, der selbst wirtschaftliche Interessen im All verfolgt.
Zwar sind Unternehmen seit Langem Teil staatlicher Raumfahrtprogramme, indem sie Triebwerke entwickeln oder Komponenten liefern. Ihr Engagement hat heute jedoch einen grundlegend anderen Charakter. Eine neue Generation von Unternehmen entwickelt, besitzt und betreibt heute eigene Raketen und Raumfahrzeuge.
Tobias Aellig ist als Senior Equity Specialist bei der LGT tätig. Sein Fokus liegt auf Unternehmen aus den Sektoren Informationstechnologie und Industrie mit Vertiefung in der Halbleiter- und Kapitalgüterindustrie. Die Themengebiete umfassen unter anderem Künstliche Intelligenz, Cloud Computing & Rechenzentren, Automation & Robotik und Energieeffizienz.
In den USA wurde dieser Wandel durch Budgetdruck, Sicherheitsbedenken und strategische Notwendigkeiten vorangetrieben. Nach der Ausmusterung des Space Shuttle entschied sich die NASA, Dienstleistungen von privaten Anbietern einzukaufen. Das bedeutete einerseits, dass Unternehmen mehr technisches und finanzielles Risiko übernahmen. Andererseits erhielten sie die Möglichkeit, ihre Produkte und Wissen auch anderen Kundinnen und Kunden anzubieten und kommerzielle Geschäftsfelder zu erschliessen.
Diese Programme markierten einen strukturellen Wandel in der Raumfahrtindustrie. Staaten bleiben wichtige Ankerkunden und Regulierungsinstanzen, treten jedoch zunehmend als Käufer in einem kommerziellen Markt auf. Eben dieser Wandel in der Beschaffung war ein wesentlicher Katalysator für die Ausweitung der Space Economy.
Festpreisverträge und die Aussicht, mehrere Kundengruppen zu bedienen, haben starke Anreize geschaffen, die Kosten von Raketenstarts zu senken und deren Frequenz zu erhöhen. Wiederverwendbare Raketen, standardisierte Komponenten und effizientere Fertigungsprozesse haben die Kosten zusätzlich reduziert. Zusammen haben diese Entwicklungen den Zugang zum Orbit deutlich günstiger gemacht.
Je nach Datenbasis und Vergleichsmassstab liegen die Kosten pro Kilogramm Nutzlast in den niedrigen Erdorbit mit modernen wiederverwendbaren Trägersystemen heute um bis zu 90 % unter dem Niveau von vor 20 Jahren. Der günstigere Zugang zum All beschleunigt nicht nur die Weltraumforschung, sondern eröffnet privaten Unternehmen auch eine Vielzahl neuer kommerzieller Möglichkeiten.
Um die fortlaufende Entwicklung der Space Economy besser zu verstehen, lässt sich der Markt in drei Segmente unterteilen:
Über weite Strecken der Raumfahrtgeschichte wurden Raketen von grossen Rüstungsunternehmen im Rahmen staatlicher "Cost-plus"-Verträge entwickelt. Dabei fungierte beispielsweise ein Unternehmen als Hauptauftragnehmer für die Kernstufe, während andere Firmen weitere Komponenten oder Subsysteme lieferten. Dieses Modell existiert weiterhin. Das kommerzielle Zeitalter hat jedoch den Aufstieg vertikal integrierter Anbieter begünstigt, die Raketen entwickeln, produzieren, starten und betreiben. Diese Akteure konnten die Startfrequenz erhöhen und gleichzeitig die Kosten optimieren.
Häufigere Raketenstarts schaffen auch Chancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Anbieter von Antriebssystemen und Treibstoffen sind unverzichtbare Wegbereiter jeder Mission. Hinzu kommen Unternehmen, die Spezialmaterialien und Legierungen liefern und damit Hochleistungsverbundstoffe sowie thermische Schutzsysteme bereitstellen, welche den extremen Belastungen beim Start und beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre standhalten.
Satelliten wurden ursprünglich von Staaten und staatlichen Telekommunikationsanbietern betrieben. Zum Einsatz kamen vor allem geostationäre Satelliten (GEO), die sich in rund 35 786 Kilometern Höhe über dem Äquator befinden. Doch Staaten haben längst kein Monopol mehr auf den Weltraum. Neue kommerzielle Akteure verändern nicht nur den Markt für Raketenstarts, sondern auch die Satellitenindustrie. Sie konkurrieren darum, grosse Satellitenkonstellationen im niedrigen Erdorbit in Höhen zwischen 160 und 2000 Kilometern aufzubauen.
Der Weltraum entwickelt sich vom staatlichen Prestigeprojekt zum kommerziellen Wirtschaftsraum.
Sinkende Startkosten und die industrielle Fertigung kleinerer, softwaregesteuerter Satelliten machen solche grossen Konstellationen wirtschaftlich möglich. Tausende miteinander vernetzte Satelliten, die näher an der Erde operieren, ermöglichen Anwendungen wie satellitengestütztes Breitbandinternet und damit eine globale Internetabdeckung mit einer Leistungsfähigkeit, die jener terrestrischer Netze zunehmend nahekommt.
Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb um den Aufbau solcher LEO-Konstellationen sowohl zwischen privaten Unternehmen als auch zwischen Staaten. Die Kontrolle über den niedrigen Erdorbit ist nicht nur kommerziell attraktiv, sondern besitzt auch erhebliche strategische Bedeutung für die nationale Sicherheit.
Tiefere Startkosten für Kleinsatelliten, neue satellitengestützte Datenkommunikation und Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) schaffen ideale Voraussetzungen für weiteres Wachstum im Markt für Erdbeobachtung (Earth Observation, EO). EO-Satelliten erfassen mithilfe verschiedener Sensoren Informationen über physische Gegebenheiten und Veränderungen auf der Erde, während globale Navigationssatellitensysteme (GNSS) präzise Positions- und Zeitdaten liefern.
Die Menge der gewonnenen Daten übersteigt inzwischen die menschlichen Analysekapazitäten deutlich. Deshalb wird KI zunehmend unverzichtbar, um daraus einen Mehrwert zu generieren. Immer häufiger werden EO-Daten, GNSS-Informationen und KI-gestützte Analysen kombiniert, um aus Rohdaten verwertbare Erkenntnisse zu gewinnen. Die Einsatzgebiete reichen von der Landwirtschaft, etwa zur Erkennung von Trockenstress bei Pflanzen, über das Versicherungswesen, beispielsweise für die Begutachtung von Schäden aus der Ferne, bis hin zum Umweltmonitoring, etwa bei der Identifikation von Methanlecks in der Energieinfrastruktur. Auch für Verteidigungsanwendungen im Bereich der militärischen Aufklärung werden die Erkenntnisse verwendet.
Sinkende Startkosten ermutigen Unternehmen und Staaten zudem, neue Technologien für den Einsatz im All zu erforschen. Die besonderen Eigenschaften des Weltraums könnten ihn zu einem attraktiven Standort für Infrastruktur und Dienstleistungen machen - und zugleich neue Wege eröffnen, Ressourcenknappheit zu begegnen.
Die Expertinnen und Experten der LGT analysieren laufend die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung. Mit unseren Publikationen zu den internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen treffen Sie fundierte Anlageentscheide.
Noch sind viele dieser Konzepte hochspekulativ und mit erheblichen technischen, regulatorischen und wirtschaftlichen Herausforderungen verbunden. Dennoch verdeutlichen sie, wie günstigere und häufigere Raketenstarts die Grenzen der Space Economy erweitern könnten.
Dazu zählen unter anderem:
So faszinierend diese Visionen auch sind - sie alle hängen von weiteren Kostensenkungen beim Transport schwerer Infrastruktur in den Orbit ab. Vollständig wiederverwendbare Trägersysteme mit deutlich höheren Nutzlastkapazitäten werden deshalb eine Schlüsselrolle spielen.
Die Space Economy entwickelt sich mit hoher Dynamik. Dabei lohnt es sich, nicht zu vergessen, dass technologische Innovationen oft weitreichendere Auswirkungen haben als zunächst erwartet. Als Elisha Otis den absturzsicheren Aufzug entwickelte, veränderte dies die Architektur moderner Städte grundlegend. Wiederverwendbare Raketen könnten einen ähnlichen Wandel auslösen - und die Art und Weise verändern, wie Unternehmen und Staaten Infrastruktur planen und bauen, nicht nur im All, sondern auch auf der Erde.