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Alte Pestrezepte gegen Corona

8. Juni 2020

Lesezeit: 7 Minuten

von Alexander Saheb, Gastautor

Pest und Corona

Mangels Impstoff bekämpfen wir das Coronavirus mit jahrhundertealten Methoden. Proteste gegen Zwangsmassnahmen sind denn auch genauso alt wie die Suche nach Schuldigen. Ein Blick ins Geschichtsbuch.

Vor der Corona-Pandemie kannten die heutigen Bewohner Europas weder Social Distancing noch Quarantäne aus eigener Anschauung. Versammlungsverbote, die Isolierung Kranker oder die Absperrung von Gebieten mit vielen Infizierten waren aber in früheren Jahrhunderten bei gefährlichen Epidemien durchaus üblich. Zwischen 1560 und 1640 kam es in Zentraleuropa etwa alle zehn Jahre zu grösseren Pestwellen. Als Antwort erliessen die Regierenden sogenannte Pestordnungen. Diese sahen beispielsweise Versammlungsverbote, Isolation und Quarantäne, aber auch die Zwangsüberführung von Kranken in Pesthospitäler vor. Beschrieben werden die damaligen Massnahmen vom Historiker Mischa Meier in seinem Buch «Pest: Die Geschichte eines Menschheitstraumas» – und sie klingen erstaunlich aktuell.

Kampf gegen Einschränkungen

Genau wie heute wollten auch damals viele Menschen die Einschränkungen nicht einfach hinnehmen. Sie klagten vor Gericht gegen die von Ärzten oder Stadtregierungen angeordnete Verbrennung von Kleidung, Wohnungseinrichtungen oder sogar ganzen Häusern. Andere missachteten die Versammlungsverbote, die neben Kirchweihfesten oder Tanzabenden auch religiöse Anlässe betrafen. Dies, obwohl man schon längst festgestellt hatte, dass auf solche Anlässe regelmässig ein Schub neuer Krankheitsfälle folgte. Gerade der Streit mit der Kirche eskalierte oftmals: Im italienischen Volterra ging er 1630 sogar so weit, dass der Papst die Mitglieder des weltlichen Florentiner Gesundheitsrates exkommunizierte, weil sie ein solches Verbot durchsetzen wollten.

Weniger Blockaden - mehr Tote

Auch die aktuellen Spannungen zwischen wirtschaftlichen und gesundheitspolitischen Anliegen oder behördliche Vertuschungsversuche finden sich in Europas Geschichtsbüchern: So verhängte Bremen in den Pestjahren 1623 bis 1628 wohl wider besseres Wissen keine Handelssperren. Die Hansestadt gehörte damals zum Einflussgebiet des dänischen Königs und dessen Truppen waren auf Waren aus der Stadt angewiesen. Und als 1627 Kriegsflüchtlinge Bremen überfluteten, verhängte die Stadtregierung keine Versammlungsverbote. Insgesamt starben in der Folge rund 10‘000 von den damals 25‘000 Stadtbewohnern.

Der letzte Pestausbruch in Europa geht ebenfalls auf den internationalen Handel zurück: Im Jahre 1720 erreichte ein Schiff aus Syrien mit der Pest an Bord Marseille. Die Stadt hatte damals bereits scharfe Schiffskontrollen und prophylaktische Quarantänemassnahmen beschlossen. Somit wurde die Ladung beschlagnahmt und die Seeleute in Quarantäne gesetzt. Allerdings gelang es diesen, doch noch einige Tuchballen der Ladung zu verkaufen, die unglücklicherweise voller infizierter Flöhen waren.

Die ersten Todesfälle wurden offiziell noch mit einer Fiebererkrankung erklärt. Doch schon bald kam die Wahrheit an den Tag. Viele Bürger flohen ins Umland und verbreiteten so die Pest auch in der umliegenden Provence. Rasch errichteten die Handelspartner von Marseille Handelssperren. Dank eines scharf bewachten Sanitätskordons um die ganze Provence herum konnte die Krankheit schliesslich eingedämmt werden. Insgesamt starben jedoch in Marseille mindestens 50‘000 Menschen, also mehr als die halbe Stadtbevölkerung.

Katastrophe als existentielle Bedrohung

Parallelen zu früher gibt es nicht nur beim Widerstand gegen behördliche Zwangsmassnahmen, sondern auch bei der Suche nach den Ursachen oder Schuldigen.

Aus der Psychotherapie weiss man, dass angesichts von schwerem Leid nach einer Erklärung und einem Sinn gesucht wird. Der Mensch als Individuum sieht sich und seine Identität durch Katastrophen einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt. Dadurch wird der «rote Faden» in der Lebensgeschichte bedroht, erklärt etwa Bernd Rieken, Professor für Psychotherapiewissenschaft an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien.

Von Katastrophen stark getroffene Menschen assoziieren die Ereignisse auch mit dem Begriff des Schicksals, vor allem, wenn sie Familienangehörige verlieren. Martin Voss, Leiter der Katastrophenforschungsstelle der Universität Berlin, führt derzeit mehrere Forschungsprojekte zur Wahrnehmung von COVID-19 und seiner Folgen durch. Oftmals steht die Frage im Vordergrund, warum man selbst so stark betroffen ist und andere nicht. «Menschen fällt es schwer, etwas offen zu lassen», weiss Voss. Das habe Traumatisierungspotenzial. Diese Fragen könne der Mensch ohne Antwort, und sei es eine falsche, nicht gut ertragen. In dieser Situation machten religiöse und mythische Erklärungen für Menschen unverständliche Dinge greifbar.

Lazarett zu Zeiten der Pest
Lazarett zu Zeiten der Pest

Willkürliche Schuldzuweisungen

Die Schuld- oder Ursachenfrage wird heute wie früher von offiziellen aber auch vermeintlichen Autoritäten beantwortet. Im christlichen Europa dominierte die straftheologische Interpretation der Pest. Das sündige Treiben der Menschen führe zur Peststrafe, die zu einem besseren Leben bewegen solle. Auch damals florierten wilde Verschwörungstheorien: Etwa von bösen Menschen, die Stühle und Wände mit einer  pestbringenden Salbe eingestrichen haben. In Genf wurden beispielsweise 1530 ein Apotheker, seine Frau und weitere Personen hingerichtet, weil sie angeblich die Seuche durch infizierte Taschentücher verbreitet hatten.

Viel drastischer waren die Judenverfolgungen zwischen 1348 und 1353 in zahlreichen Städten Europas: Auf der Suche nach einem Sündenbock wurden die Juden - bei denen sich damals viele Menschen Geld geliehen hatten - der Brunnenvergiftung mit der Pest beschuldigt und von der wütenden Volksmenge ermordet. In der antisemitischen Deutung finden sich erschreckende Parallelen zu heute. Meistens unternahmen die damaligen Autoritäten nichts dagegen, um von ihrer eigenen Machtlosigkeit abzulenken. Und so wurde die Pest später auch häufig als Vergiftung durch militärische Feinde oder fremde Herrscher ausgegeben. In Mailand waren die Franzosen schuld, In Neapel die Spanier und in Spanien die Mailänder.

Corona profitierte vom Vergessen

Beim Umgang mit Katastrophen finden sich somit im historischen, aber auch im interkulturellen Vergleich viele Parallelen. Das bestätigt der Historiker Franz Mauelshagen, von der Universität Wien, der Katastrophen in kulturvergleichender Perspektive untersuchte. Warum aber war Europa trotz seiner langen und gut dokumentierten Katastrophen- und Seuchengeschichte nicht besser auf Corona vorbereitet? Dazu hat Mauelshagen eine Vermutung: Möglicherweise war es schlichtes Vergessen. Man habe in Europa schon lange keine schwere Seuche mehr erlebt, meint der Experte: «Wir waren so lange frei von Epidemien, dass einige Leute Massnahmen wie die Quarantäne, die Europäer vor über einhundert Jahren den Asiaten nahebrachten, heute für einen Import aus Asien halten.»

Bilder: akg-images und Wikipedia

Präventive Massnahmen der LGT

Die Corona-Krise stellt Gesellschaft und Wirtschaft vor enorme Herausforderungen. Die LGT hat frühzeitig umfassende präventive Massnahmen umgesetzt, um die Gesundheit ihrer Kunden und Mitarbeitenden zu schützen und einen weiterhin reibungslosen Betrieb zu gewährleisten. Auch für den Fall negativer wirtschaftlicher Entwicklungen ist die LGT gut abgesichert. Weitere Informationen finden Sie hier.

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