Skip navigation Scroll to top
Scroll to top

Moderne Sklaverei ist weit verbreitet: „Es geht darum, hinzuschauen“

19. Juli 2021

Lesezeit: 10 Minuten

von Klaus Rathje, Gastautor

Moderne Sklaverei

Das Fürstentum Liechtenstein hat eine Initiative gegen moderne Sklaverei ins Leben gerufen. Warum Banken im Kampf gegen Sklaverei zentral sind.

Dubiöse Finanzströme, kriminelle Machenschaften: Daniel Thelesklaf hat schon viel erlebt in seinen Jobs. Thelesklaf ist er seit 30 Jahren mit der Bekämpfung von Finanzkriminalität beschäftigt. Er deckte Gelwäsche in Osteuropa auf, spürte Korruptionsgeldern nach und ermittelte im Bereich Terrorismusfinanzierung. Jetzt sitzt er an der Spitze von FAST, der so genannten „Liechtenstein-Initiative“, die unter dem Dach der Vereinten Nationen von New York aus agiert. FAST steht für „Finance against Slavery and Trafficking“ (Finanzsektor gegen Sklaverei und Menschenhandel).

An Erfahrung mangelt es dem 57-jährigen Österreich-Schweizer also nicht. Dennoch hat auch ihn schockiert, wie gigantisch das Thema moderne Sklaverei ist, dem FAST den Kampf angesagt hat: „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Problem so gross ist.“

Was ist moderne Sklaverei?

„Moderne Sklaverei“ geht über reinen „Menschenhandel“ hinaus: „Moderne Sklaverei umfasst alles von schweren Folgen von Abhängigkeit wie Zwangsarbeit bis hin zu Kinderarbeit“, erklärt Daniel Thelesklaf. „Im Sexgewerbe ist das ein bekanntes Phänomen. Aber dass es auch in der Bauwirtschaft, der Fischerei, im Bereich der Hotellerie und im Gastgewerbe, bei Reinigungsinstituten und in Nagelstudios stattfindet, ist weniger bekannt.“ Tatsächlich schätzen die Vereinten Nationen, dass sich derzeit 40 Millionen Menschen weltweit in einer Arbeits- und Lebenssituation befinden, die als moderne Sklaverei bezeichnet werden kann – Tendenz steigend. 

Daniel Thelesklaf
Daniel Thelesklaf, Projektleiter von "Finance against Slavery and Trafficking": "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Problem so gross ist." © FAST

Der FAST-Direktor traf Menschen, die es herausgeschafft haben und deren Geschichten wichtige Erkenntnisse liefern über die perfide Systematik, die hinter moderner Sklaverei steht: „Die Unfähigkeit der betroffenen Personen dieser Situation zu entfliehen, so als wären sie angekettet, ist auf jeden Fall ein Merkmal. Das kann der Fall sein, wenn man ihnen die Ausweise wegnimmt, etwa bei Ausländern ohne Arbeitsbewilligung. Was machen sie dann? Sie können ja nicht mal zur Polizei gehen, dann machen sie sich selbst strafbar.“ Ein anderer Fall war der eines jungen Mannes aus Ghana, der schon als Junge verschleppt worden ist und Zwangsarbeit auf einem Fischkutter vor der afrikanischen Küste leisten musste.

Der Finanzsektor kann moderne Sklaverei bekämpfen

„Im Kampf gegen organisierte Kriminalität hat man Leute aus diesen Situationen befreit und gehofft, dass sie gegen ihre Unterdrücker aussagen. Diese Strategie hat sich bisher nicht bewährt.“, stellt Thelesklaf nüchtern fest. „Ich glaube aber fest daran, dass die Finanzwirtschaft bei der Bekämpfung dieser Straftaten eine grosse Rolle spielen kann.“ 

Moderne Sklaverei
Auch in der Bauwirtschaft ist Sklaverei ein verbreitetes Phänomen.

Schliesslich kursiert viel Geld, das mit moderner Sklaverei verdient wird. Pro Jahr sollen es 150 Milliarden Dollar sein. „Ein Teil dieser Gewinne bleibt sicherlich Bargeld, aber im Fall von organisierter Kriminalität liegen diese Gelder auch auf Bankkonten – und damit stehen die Banken auch in der Verantwortung“, so der FAST-Direktor. „Unsere Initiative kann Banken helfen, solche Transaktionen besser zu erkennen, weil wir die entsprechenden Indikatoren kennen.“

Moderne Sklaverei

Die Liechtenstein Initiative

Die „Liechtenstein Initiative“ soll einen Massnahmenkatalog für den globalen Finanzsektor zur Bekämpfung moderner Sklaverei und Menschenhandel ausarbeiten. Im Zentrum der Arbeit der Kommission stehen die Aufdeckung illegaler Finanzflüsse und sowie verantwortungsvolle Investitions- und Kreditpraktiken. Die Kommission, die als Public-private-Partnership ausgestaltet ist, wird von der LGT intensiv unterstützt.

Kredite an humanitäre Bedingungen knüpfen

Aber der grosse Hebel könnte noch früher ansetzen, denn Thelesklaf sieht in moderner Sklaverei „ein Marktversagen“. Bei einem T-Shirt, das es in reichen Industrieländern für fünf Euro zu kaufen gibt, liege es auf der Hand, dass die Arbeit nicht fair entlohnt worden sei. „In diesem Punkt hat der Markt versagt. Denn ökonomisch gesehen ist moderne Sklaverei leider sehr attraktiv.“

Moderne Sklaverei
Laut der UN befinden sich derzeit 40 Millionen Menschen weltweit in einer Arbeits- und Lebenssituation, die als moderne Sklaverei bezeichnet werden kann.

Finanzinstitute könnten ihre Marktmacht beispielsweise bei der Vergabe von Krediten stärker ausspielen und die Gelder an die Bedingung knüpfen, dass der Bau einer zu finanzierenden Fabrik nur unter fairen Arbeitsverhältnissen vonstattengehen darf. „Auch die Versicherungen sind hier gefragt. Wenn ich ein Schiff versichere oder eine ganze Fischereiflotte – was ja geradezu lebensnotwendig ist für den Betreiber –, dann kann ich ebenso darauf bestehen, dass solchen prekären Arbeitsverhältnissen vorgebeugt wird.“

Daniel Thelesklaf sieht den Job an der Spitze von FAST als seine persönliche Mission an, mit der er Menschen direkt helfen kann: „Es ist eine Herzensangelegenheit.“

Gegen Sklaverei: Präzise Fragen stellen

Hinter FAST stehen Staaten wie das Fürstentum Liechtenstein, Norwegen, Australien und die Niederlande sowie viele Geldinstitute und NGOs. Auch die LGT engagiert sich über diese Initiative gegen moderne Sklaverei. „Ich denke, wir müssen das Thema auch in der Investmentindustrie stärken und in den Vordergrund stellen“, sagt Ursula Finsterwald, Head Group Sustainability Management bei der LGT.

Moderne Sklaverei
"Ökonomisch gesehen ist moderne Sklaverei leider sehr attraktiv.“

„Viele denken, moderne Sklaverei gebe es nur in Asien oder Afrika, aber das Thema ist auch in Europa vorhanden. Wir wollen mithelfen, dass es stärker berücksichtigt wird, indem wir es beispielsweise stärker in unseren Prozessen verankern und so präzisere Fragen stellen können.“ Es gehe letztlich um eine kritischere Haltung des Finanzsektors insgesamt. „Oft will man einfach nicht so genau hinsehen bei solch heiklen Themen. Aber genau das wollen wir mit FAST erreichen: Es geht darum, hinzuschauen – und zu handeln.“

Titelbild: © KEYSTONE/STEVE O. TAYLOR

Mehr vom LGT Online Magazin?

Hinterlassen Sie Ihre E-Mail-Adresse und erhalten per Newsletter regelmäßig das Aktuellste vom LGT Online Magazin.
Newsletter abonnieren