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Oliver Karius: "Venture Philanthropy sucht neue Lösungen für alte Probleme"

4. Oktober 2021

Lesezeit: 10 Minuten

von Eloise von der Schulenburg, LGT Venture Philanthropy

Oliver Karius

Oliver Karius, CEO LGT Venture Philanthropy, ist überzeugt: Die heutigen Herausforderungen in Umwelt und Gesellschaft verlangen nach einer engagierten Form der Philanthropie. 

Herr Karius, was bedeutet es, heute philanthropisch aktiv zu sein? Ist es mit einem Einzahlungsschein getan?

Oliver Karius: (Lächelt) Wir alle wünschten, es wäre so einfach. Leider sind die Dinge komplexer. Wir leben in einer spannenden Zeit. Es sind Systemfehler, die Herausforderungen verursachen – wie die Klimakrise, die Covid-Pandemie, die Jugendarbeitslosigkeit, der Mangel an erschwinglicher Gesundheitsversorgung und der Verlust der biologischen Vielfalt. Wirksame Lösungen erfordern systemische Antworten und einem besser koordinierten Zusammenwirken zwischen dem öffentlichen, privaten und auch dem philanthropischen Sektor – und auch von Kapital. Diese Herausforderungen sind ein Aufruf für eine engagiertere Form der Philanthropie, die Risiken eingeht und hilft, neue Lösungen für alte Probleme zu finden – hier kann Venture Philanthropy eine wichtige Rolle spielen.

Last Mile Health
Last Mile Health, eine Portfolio-Organisation von LGT VP, will Menschen auch in abgelegenen Gebieten Liberias eine medizinische Grundversorgung ermöglichen. © LMH

Die komplexen Herausforderungen von heute verlangen also nach einer "engagierteren Form der Philanthropie" – Sie sprechen hier insbesondere von Venture Philanthropy. Was meinen Sie damit?

Oliver Karius: Impact-orientierte Organisationen und Unternehmen können zwar wirksame Lösungen für gesellschaftliche und ökologische Probleme bieten, haben aber oft nicht die Ressourcen und das Know-how, um in grossem Massstab zu arbeiten. Venture Philanthropy bietet nicht nur Zugang zu Finanzmitteln, sondern hilft auch beim Aufbau strategischer, operativer und verwaltungstechnischer Kapazitäten, sodass die Organisationen ihr Modell effizienter skalieren und replizieren können.

Ich nehme an, dass auch LGT Venture Philanthropy diesen ganzheitlichen philanthropischen Ansatz verfolgt?

Oliver Karius: Das tun wir. LGT Venture Philanthropy (LGT VP) verfolgt einen praktischen, langfristigen Ansatz. Wir bieten unseren Portfolio-Organisationen massgeschneiderte Finanzierungen, organisatorische Unterstützung, Beratung bei der Wirkungsmessung und beim Management sowie Zugang zu unseren Netzwerken.

Educate Girls
Zusätzlich zur finanziellen Unterstützung profitiert die indische NGO Educate Girls vom betriebswirtschaftlichen Know-how und dem Netzwerk der LGT. © Educate Girls

Zugang zu Ihren Netzwerken?

Ein Beispiel ist das LGT Impact Fellowship Program. Es wurde entwickelt, um die organisatorischen Fähigkeiten zu stärken. Wir vermitteln Experten mit einschlägigem Fachwissen an die Portfolio-Organisationen – sie vermitteln Know-how und füllen wichtige operative Lücken. Ein Fellow arbeitete zum Beispiel bei Educate Girls an der Expansionsstrategie, die es dem Unternehmen ermöglichen wird, von 12'000 Schulen im Jahr 2016 auf 34'000 Schulen im Jahr 2023 zu expandieren. Ein anderer Fellow, ein Fundraising-Experte, arbeitete für die Mara Naboisho Conservancy in Kenia und sammelte USD 123'000 für die Organisation.

123'000 USD Spenden zu sammeln ist ein Teil; mit dem Geld und dem Netzwerk, das Sie haben, etwas zu bewirken, ist ein anderer. Wie können Gelder echte Wirkung erzielen?

Zuschusskapital kann ein maximales Risiko eingehen und zielt darauf ab, die sozialen und ökologischen Auswirkungen zu maximieren. Kapital ist daher sehr wertvoll und meiner Meinung nach keine "weiche" Finanzierung, solange sie an das allgemeine Wirkungspotenzial gebunden ist. Ein gut platzierter Zuschuss, der nicht auf die programmatische Finanzierung, sondern auf die Finanzierung des Kerns der Organisation abzielt, kann für die Wirkung einer Organisation ein sehr wichtiger Katalysator sein. Wir engagieren uns für Organisationen mit einem bewährten Geschäftsmodell, nachgewiesener Wirkung und Wille zur Expansion. Unsere Finanzierung in Form von nicht-programmatischen Zuschüssen ermöglicht es den Organisationen, die Mittel für die Bereiche einzusetzen, die gestärkt werden müssen, und sich auf die Maximierung der Wirkung zu konzentrieren.

Educate Girls
Educate Girls hat zum Ziel, das Leben marginalisierter Mädchen in den ländlichen, abgelegenen und unterversorgten Gebieten Indiens spürbar zu verbessern. LGT VP unterstützt sie seit 2011. © Educate Girls

Aber Sie finanzieren sie erst, wenn sie bewiesen haben, dass ihr Geschäftsmodell funktioniert, richtig?

Bis zu einem gewissen Grad, ja. Ähnlich wie bei Risikokapital stellen wir Folgefinanzierungen nur dann bereit, wenn die Organisationen ihre Meilensteine erreicht haben. Das stellt sicher, dass die Mittel effizient und effektiv eingesetzt werden. Unserer Erfahrung nach kann eine Zuschussfinanzierung auch wichtige Mittel von Regierungen oder Entwicklungsfinanzierungsinstitutionen freisetzen, um die Wirkung noch weiter zu steigern.

LGT VP konzentriert sich also strikt auf die Ergebnisse, die diese Organisationen vorweisen können.

Ja, dieser Fokus hilft unseren Portfolio-Organisationen, eine neue Form der Finanzierung zu entwickeln, die an Wirkungsergebnisse gebunden ist. Diese "Payment-by-Results"-Strukturen machen die Zahlung von der unabhängigen Überprüfung der Ergebnisse abhängig. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Zuschüsse erfolgreich eingesetzt werden können.

Was ist LGT Venture Philanthropy?

LGT Venture Philanthropy investiert philanthropisches Wachstumskapital in Organisationen und Unternehmen mit effektiven, innovativen und skalierbaren Lösungen für soziale und ökologische Herausforderungen.

Ihr Gründer, S.D. Prinz Max von und zu Liechtenstein, hat eine klare Vision: "Alle Menschen sollen unter menschenwürdigen Bedingungen leben können und eine faire Chance zur persönlichen Entfaltung in ihrem Leben erhalten."

Wir haben diese Vision in unsere Mission übersetzt, die darin besteht, die Lebensqualität von benachteiligten Menschen zu verbessern, zu gesunden Ökosystemen beizutragen und widerstandsfähige, integrative und wohlhabende Gemeinschaften aufzubauen. Zu diesem Zweck konzentrieren wir uns auf Organisationen, die in drei Themenbereichen – Bildung, Gesundheit und Umwelt – tätig sind und jeweils klare Ziele verfolgen. 

Last Mile Health
LGT Venture Philanthropy sucht bei ihren Portfolio-Organisationen nach einer langfristigen, partnerschaftlichen Zusammenarbeit - mit der NGO Last Mile Health ist das gelungen. © LMH

Wie wählt LGT VP Organisationen mit "effektiven, innovativen und skalierbaren Lösungen" aus?

 In unseren drei Themenbereichen – Bildung, Gesundheit und Umwelt – haben wir einen strategischen Ansatz gewählt, um zu verstehen, welche Lösungen einen hohen Nutzen bringen. Ein Beispiel ist die frühkindliche Entwicklung. Wir suchen dann nach Organisationen, die sich diesem Thema verschrieben haben und ein skalierbares Modell zur Umsetzung effektiver Programme vorweisen. Wir arbeiten nur mit Organisationen zusammen, die nicht nur innovative Lösungen demonstriert und skalierbare Modelle entwickelt haben, sondern auch von einem starken Management geleitet werden und datenorientiert arbeiten.

Mit anderen Worten: Die Organisationen, die Sie unterstützen, müssen von einer grossartigen Idee geleitet werden – aber um eine grosse Wirkung zu erzielen, müssen sie auch replizierbar und skalierbar sein.

Ganz genau.  Im Laufe der Zeit haben wir ein gewisses "Erkennungsmuster" für Organisationen entwickelt, die bewiesen haben, dass ihre Modelle innerhalb und zwischen verschiedenen Ländern replizierbar sind.

Und bevor Sie in eine Organisation investieren, führen Sie eine Due-Diligence-Prüfung durch.

Ja, wir führen zu Beginn eines jeden Engagements eine strenge Due-Diligence-Prüfung durch, um zu beurteilen, ob die Organisation effektiv, effizient und zuverlässig arbeitet. So lernen wir das Management und die Organisation kennen und schaffen eine Vertrauensbasis. Das ist für eine langfristige, partnerschaftliche Zusammenarbeit unabdingbar. Aber wir konzentrieren uns nicht einzeln nur auf jede Organisation, sondern auch auf Synergien zwischen den Portfolio-Organisationen.

Um eine noch grössere Wirkung zu erzielen?

Ja, das ist Teil unserer Strategie 2023. Wir wollen unsere Wirkung in jedem einzelnen Sektor vertiefen. Diese gegenseitige Ergänzung hat sich als Katalysator erwiesen, der langfristig tiefgreifende und weitreichende Auswirkungen hat und der Schlüssel zu einem systematischen Wandel ist.

Wie sehen solche Synergieeffekte konkret aus?

Im Rahmen unserer Gesundheitsstrategie tragen wir beispielsweise zur Stärkung der kommunalen Gesundheitssysteme vor Ort bei: Wir arbeiten mit Organisationen zusammen, die Gesundheitshelfer in einkommensschwachen Gemeinden ausbilden. Leider sind viele öffentliche Gesundheitssysteme in Afrika und Indien nicht in der Lage, neue Lösungen in grossem Umfang umzusetzen. Daher arbeiten wir nicht nur mit lokalen Gesundheitssystemen zusammen, sondern auch mit Organisationen, die den Gesundheitsministerien dabei helfen, wichtige Finanzmittel zu beschaffen und ihre eigenen Management- und Führungskapazitäten zu stärken, um diese innovativen Lösungen umzusetzen. Wenn möglich, wenden wir diesen komplementären Ansatz in allen drei strategischen Bereichen an.

Vielen Dank für Ihre Antworten.

Ich danke Ihnen. Und wir können der Fürstlichen Familie, der LGT und ihren Mitarbeitenden nicht genug für ihr Engagement und ihre kontinuierliche Unterstützung unserer Arbeit danken.

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