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Schulmädchen in Indien: Das Recht auf Kindheit

8. Februar 2021

Lesezeit: 10 Minuten

von Eloise von der Schulenburg, LGT

Aangan Trust

Die LGT unterstützt die NGO Aangan Trust in ihrem Engagement für Indiens schutzloseste Kinder.

Didi… ich hab deine Nummer von dem chit, das du meiner Mutter und mir gegeben hast – wir brauchen deine Hilfe!“ So lautet die SMS, die Munni Devi, eine der Freiwilligen, die sich im indischen Lodipur für den Kinderschutz engagieren, eines Morgens erhält. Die Nachricht stammt von Jyoti Kumari, einem Mädchen aus dem Dorf, in dem Devi zuvor ihre Visitenkarten verteilt hatte. Sofort telefoniert Devi mit dem verängstigten Kind und erklärt ihm, wie es die Situation zu Hause, wo der Vater wieder einmal gewalttätig geworden ist, entschärfen kann. Auch danach bleibt Devi mit Jyoti in Kontakt, sie ruft sie regelmäßig an und ermutigt sie, die lokalen Angebote und Treffen der Kinderschutz-NGO  Aangan Trust wahrzunehmen. Außerdem besucht sie mit ihrem Mann Jyotis Familie, um mit dem Vater zu reden. Ortsfremden Sozialarbeitern hätte der Vater wohl niemals die Tür geöffnet, aber da Devi und ihr Mann im Dorf bekannt sind, kann er ihnen ein Gespräch nicht verweigern.

In Indien sind 60 Millionen Heranwachsende obdachlos, Opfer von Menschenhandel, Kinderarbeit oder Misshandlung. 100'000 Kinder verschwinden jedes Jahr. 45% der indischen Mädchen werden vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet. Und alle 30 Minuten wird ein Kind Opfer sexueller Gewalt. Leider verhindern Armut und auch ein mangelndes Bewusstsein in Teilen der Bevölkerung, dass sich diese Situation entscheidend ändert. Deshalb setzt sich die NGO Aangan Trust dafür ein, dass die jüngsten, schutzlosesten Mitglieder der indischen Gesellschaft eine sichere Kindheit verleben können – frei von Ausbeutung, gefährlicher Arbeit, Menschenhandel, Zwangsheirat und Gewalt.

Zu diesem Zweck hat Aangan Trust zahlreiche Vor- und Nachsorgeprogramme sowie Kinderrechtsgruppen ins Leben gerufen. Um den Teufelskreis der Benachteiligung wirksam zu durchbrechen, bezieht die Organisation alle Beteiligten und Zuständigen aus dem Umfeld der gefährdeten Kinder mit ein: die Familien, die Schulen, Heime, die örtliche Polizei, die Behörden und freiwillige Helfer aus dem Dorf oder dem Stadtteil.

Frauenrechte in Indien: Die Community stärken

Entscheidend für den Erfolg von Aangan ist gerade das Engagement dieser Freiwilligen aus dem sozialen Umfeld, der Community. Meist sind es Frauen, so wie Devi. Sie sind die Bindeglieder, welche die verschiedenen Bezugspersonen und Verantwortlichen im Leben eines Kindes zusammenbringen. Eben weil diese Frauen Teil der Community sind, kennen sie die spezifischen Probleme und Verletzlichkeiten der betroffenen Kinder genau. Chaitali Sheth, Geschäftsführer und Motor von Aangan Trust, erklärt das so: „Damit diese Art von Arbeit Wirkung zeigen kann, und zwar nachhaltig, müssen die Communities wieder mehr Einfluss erhalten. Wir sind keine NGO, die von außen kommt und den Leuten ihre Lösungsansätze aufdrückt. Die Community muss selbst merken, was ihren Kindern angetan wird, und dann von innen dagegenhalten.“ 

Aangan Trust
"Die Community muss selbst merken, was ihren Kindern angetan wird, und dann von innen dagegenhalten.“ Bild: © Aangan Trust

Aangans beeindruckende Expansion ist auch darauf zurückzuführen, dass gefährdete Kinder und ihre Communities zuvor kaum Anlaufstellen hatten. Seit ihrer Gründung 2001 ist die Organisation landesweit stark gewachsen und konnte das Leben Hunderttausender schutzloser Kinder (allein 2019 waren es 350'000) signifikant verbessern.

2019 mobilisierte Aangan 4'633 Regierungsbeamte für den Kinderschutz, verglichen mit 272 in 2014. Gleichzeitig arbeitete die Organisation mit 8'846 Freiwilligen zusammen, fünf Jahre zuvor waren es noch 309. Inzwischen ist Aangan in sechs verschiedenen indischen Bundesstaaten aktiv – in insgesamt Hunderten von Hotspots, in denen Kinder besonders gefährdet sind.

Der Erfolg der NGO beruht unter anderem darauf, dass sie ihr Angebot digitalisiert hat. Dadurch ist es nicht nur in der Fläche zugänglich geworden, sondern auch sehr viel effizienter, wie der Austausch zwischen Munni Devi und Jyoti Kumari zeigt. So hat Aangan beispielsweise eine eigene Datenerhebungs-App entwickelt, über die lokale Echtzeit-Informationen gesammelt und analysiert werden, um Frauen im ganzen Land wirksame und ortsspezifische Kinderschutzmaßnahmen an die Hand zu geben. 

Mit dieser App führen Freiwillige eine jährliche Tür-zu-Tür-Befragung durch: In rund 300 Haushalten ihres Dorfes erheben sie Daten zum Besitz von Ausweispapieren und Bankkonten, zu Impfraten und zur Anzahl der Kinder, die arbeiten müssen, statt zur Schule zu gehen. Aangan anonymisiert und analysiert diese Daten und teilt sie über die App. Auf diese Weise können die vielen Freiwilligen nicht nur die Bedürfnisse in ihrem eigenen Dorf besser einschätzen, sondern auch den örtlichen Behörden Informationsgrundlagen liefern und Kollegen in anderen Gemeinden beispielhafte Maßnahmen empfehlen. Freiwillige im ganzen Land können sich so über die Wirksamkeit verschiedener, bereits erprobter Strategien informieren und entscheiden, ob sie diese in ihrer eigenen Community anwenden wollen.

Moderne Philanthropie: Mehr als Geld

Die LGT Venture Philanthropy Foundation (LGT VP) hat Aangan Trust schon sehr früh unterstützt. Tom Kagerer, Investment Director der Stiftung, erklärt die Entscheidung so: „Aangans Vision passt optimal zu unserer Mission, die Lebensqualität benachteiligter Menschen zu verbessern. Von Beginn an hatte die Organisation ein starkes Team und praktikable Lösungen für ein drängendes Problem. Lösungen, die je nach Situation angepasst und übertragen werden können.“ Und so hat das Engagement von LGT VP zum beeindruckenden Erfolg von Aangan beigetragen. Seit 2009 nutzt die NGO die finanziellen Zuwendungen der LGT VP für den Ausbau ihrer Kapazitäten in den Bereichen Personal-, Finanz- und Programmmanagement.

Aangan Trust
In rund 300 Haushalten des Dorfes erheben Freiwillige Daten zum Besitz von Ausweispapieren und Kindern, die nicht zur Schule gehen. Bild: © Aangan Trust

Zusätzlich ermöglicht die LGT VP aber auch Wissenstransfer: Sie bietet Aangan Zugang zu ihren lokalen Netzwerken, ein fortlaufendes Mentoring und die Berufserfahrung ihrer Indien-Stipendiaten, Teilnehmer am LGT Impact Fellowship.

So unterstützte beispielsweise ein Stipendiat aus dem Bereich Organisationsberatung Aangan Trust 2019 bei der Entwicklung einer Aufklärungsplattform rund um das Thema Kinderschutz. Außerdem verfasste er einen Bildungsplan für die leitenden Mitarbeiter in den Communities und initiierte Gendersensibilisierungs-Workshops für Partnerorganisationen und jugendliche Volunteers.

Den Erfolg von Aangan Trust schreibt Chaitali Sheth deshalb unter anderem auch der Unterstützung durch die LGT VP zu. „Es ist immens wichtig, Geldgeber zu haben, die wirklich an die Sache und die Menschen dahinter glauben. Anders als viele andere Geldgeber setzt die LGT VP auf den nachhaltigen Aufbau von Institutionen und Strukturen. Wir sind nicht einfach nur ein Projekt für sie – sie teilen unsere Vision und realisieren sie mit uns.“

Soforthilfe in Zeiten von Covid-19

Jetzt, da Covid-19 die Lebensgrundlagen vieler Menschen zerstört, verdoppelt die NGO ihr Bemühen, Eltern zu stärken und belastbar zu machen, damit sie ihren Kindern ein sicheres Zuhause bieten können. Durch die Schulschließungen und die wirtschaftliche Notlage vieler Eltern sind Kinder noch stärker von häuslicher Gewalt, Isolation und Kinderarbeit bedroht. Als eine der effektivsten Maßnahmen gegen häusliche Gewalt und Isolation hat sich die Ausstattung von Frauen und Kindern mit Mobiltelefonen erwiesen.

Damit Aangan Trust hier Hilfe leisten kann, ist die LGT VP mit einer Notfinanzierung eingesprungen. Mit den bereitgestellten Mitteln hat Aangan Handys beschafft, die Entwicklung digitaler Inhalte und Lehrpläne vorangetrieben und die Datenerfassung verbessert. Chaitali Sheth beschreibt, mit wie viel Elan sich die weiblichen Volunteers in ihren Communities engagieren und welch großen Einfluss sie dort haben. „Als die Behörden überfordert waren und versagten, haben diese Frauen sofort verschiedenste Akteure in ihrer Community mobilisiert, um die Lücke zu füllen.“

Jyoti Kumari ruft Munni Devi weiterhin wöchentlich an und informiert sie über ihr Leben und ihre Familiensituation. Jyotis Vater nimmt inzwischen an einem Workshop teil, den Devis Mann mit anderen Männern des Dorfes leitet: Dort werden Themen wie Männlichkeit und Familienbeziehungen diskutiert. Der Vater hat gelernt, seine Gefühle und Frustrationen auf eine Weise auszudrücken, die seiner Familie nicht schadet. Munni Devi weiß zwar, dass Jyoti in ihrem Leben noch vielen Hürden begegnen wird, aber dass familiäre Gewalt nicht mehr dazugehört, dafür hat sie gesorgt.

Devi und ihre Mitstreiter werden sich auch künftig dafür einsetzen, dass indische Kinder einen Weg gehen können, der nicht von Ausbeutung und Gewalt verbaut ist. Denn das ist das Grundrecht eines jeden Kindes auf dieser Welt.

Philanthropisches Engagement

LGT Venture Philanthropy (LGT VP) ist eine unabhängige gemeinnützige Stiftung, deren Ziel es ist, die Lebensqualität benachteiligter Menschen nachhaltig zu verbessern, und einen Beitrag zu gesunden Ökosystemen sowie zu widerstandsfähigen, florierenden und sozial integrativen Gemeinschaften zu leisten. LGT VP stellt Organisationen mit effektiven, innovativen und skalierbaren Lösungen für soziale und ökologische Herausforderungen philanthropisches Kapital zur Verfügung und trägt so direkt zu den «Sustainable Development Goals» bei. Die Stiftung unterstützt in erster Linie Organisationen mit Sitz in Schwellenländern, die sich auf Sektoren mit positiver Wirkung konzentrieren, darunter Bildung, Gesundheit und Umwelt. Auch Spenden leitet LGT VP gerne weiter.

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